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Mini-Krise: Die Spurensuche des FC Bayern München

Der Rekordmeister manövrierte sich selbst in die Krise: Vor den entscheidenden Wochen jagt man dem Rhythmus hinterher. Guardiola plagen Selbstzweifel – Sammer schlägt indes Alarm.

München. Er fuchtelt mit seinen Armen. Beschwingt, mal zügellos. In jenen Momenten lässt sich das südländische Temperament nicht verbergen. Pep Guardiola untermalt das Gesagte gerne. Mit teils ungewöhnlichen Gesten schenkt er Worten zusätzlich Ausdruck. Eventuell auch, um sprachlichen Missverständnissen vorzubeugen.

"Ich muss die Lösung finden", sagte er und schnippte unüberhörbar. Als wollte er demonstrieren, woran es dem FC Bayern zuletzt mangelt. Am Überraschungsmoment, an zündenden Eingebungen. Tags darauf, am Mittwoch, blitzte das Genie seiner Kreativköpfe auf. Temporär zumindest. Das 5:1 über Zweiligist Kaiserlautern bedeutete zugleich den Final-Einzug im DFB-Pokal. Ohne glanzvolle Show, wie es dem Anspruch entsprechen würde. Von kollektiver Glückseligkeit konnte danach keine Rede sein.

"Wir haben viele Konzentrationsfehler gemacht, relativ wenig Gruppendynamik", tadelte Matthias Sammer mit besorgter Miene. Er holte zum verbalen Kahlschlag aus: "Ich habe das Gefühl, wir brennen nicht." Der Klub beschwört selbst die Krise. Bis zum frühesten Titel der Bundesliga-Historie überrollte die rote Dampfwalze alles, was sich ihr in den Weg stellte. Längst ging die Spannung von damals flöten, wich einer gefährlichen Laissez-faire-Mentalität.

"Wir waren unantastbar, das haben wir verloren"

Zunächst erklärte die Führungsriege offensiv den heimischen Alltag für nichtig. Prompt verordnete Guardiola in Augsburg zahlreichen Stammkräften eine wohl überlegte wie verdiente Verschnaufpause. Einige, Jerome Boateng, David Alaba oder Dante, schonte er. Andere wie Philipp Lahm, Arjen Robben und Franck Ribery ließ er überhaupt zu Hause. Stattdessen forcierte er die Jugend und kassierte die Quittung. Nach 53 Spielen verlor Bayern seinen Nimbus. Der Traum von der Perfect Season war geplatzt und niemanden tangierte es.

Die Hauptdarsteller begegneten der historischen Pleite mit Gleichgültigkeit. Selbst der katalanische Souverän, vom Ehrgeiz zerfressen, kommentierte sie desinteressiert: "Nicht so wichtig." Guardiola war mental schon weiter, bei der Champions League, beim Viertelfinal-Rückspiel gegen Manchester United. Ein verheerendes Signal in der Außerdarstellung. Nicht alleine im Rest Deutschlands, wo Bayern ohnehin missgünstig begegnet wird, kreidete man ihnen altbekannte Arroganz an, ja sogar Wettbewerbsverzerrung. Sondern ebenso intern.

"Wir waren unantastbar", hob Sammer mahnend den Zeigefinger, "das haben wir verloren. Wir gehen zu lieb, zu nett, wie in einer Kuschel-Oase miteinander um." Er, der Besessene, beinahe chronisch Unzufriedene, versucht die hochdekorierten Stars wach zu rütteln, aus ihnen die letzten Prozent zu kitzeln. Nachdrücklich und erbarmungslos.

Nervosität statt Selbstsicherheit

In aller Öffentlichkeit zweifelt der 46-Jährige am Erfolgsdurst. Per Ferndiagnose mag ihm dies als Affront gegen den Chefstrategen ausgelegt werden. Ihn und Guardiola verbindet jedoch genau das. Jene Akribie. Das Streben nach Perfektion. Sammer springt dem Freund gewissermaßen zur Seite, mimt für ihn den ewigen Nörgler. Das tat er während der schier erdrückenden Dominanz. Und tut er nun erneut.

GUARDIOLA ÜBER DAS FORMTIEF
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Eine unpopuläre, aber in München bewährte Qualitätssicherung. "Wenn man sich liebt, muss man sich auch die Wahrheit sagen - die Wahrheit ist: Das ist im Moment nicht genug", betonte Sammer bedeutungsvoll. Uninspiriert bis einfallslos verebbten die Dauerangriffe bereits gegen United. Erst ein urplötzlicher Gegentreffer schien die bayrische Lethargie zu beseitigen. Im Pokal agierte der turmhohe Favorit zu Beginn ungewohnt fahrig. Es benötigte einen Eckball, um das Eis zu brechen, die Nervosität abzustreifen.

Bayerns kommende Superstars

Ausgerechnet jetzt, vor den Wochen der Wahrheit, müht sich Bayern. Die befreiten Ballstafetten wurden neutralisiert, der Aufbau durch proaktives Verhalten häufig im Keim erstickt. So beraubte auch Dortmund den feldüberlegenen Rivalen seiner Stärke, der Selbstsicherheit. "Vielleicht war es ein großer Fehler", rätselte Guardiola am Dienstag, befragt zur Sinnhaftigkeit die Bundesliga für beendet zu erklären. Achselzuckend erwiderte er: "Aber sie ist eben vorbei."

Pep rotiert Bayern ins Aus

Jeden Einzelnen zu motivieren, sei die Herkules-Aufgabe: "Sie müssen für etwas spielen. Vielleicht nicht mehr um drei Punkte, aber für sich, für ihre Ehre. Jedes Spiel ist wichtig für das nächste." Am Samstag steigt in Braunschweig die Generalprobe für den Halbfinal-Kracher gegen Real Madrid. Um für die Königsklasse gewappnet zu sein, soll die Leistungsdelle tunlichst kaschiert werden. Der vielzitierte Rhythmus ist offenkundig dahin. Ihn wieder zu erlangen gestaltet sich problematisch.

Selbstkritisch hinterfragte sich Guardiola – und seine Schützlinge. Als Dante und Jerome Boateng gegen Kaiserlautern der Schlendrian überkam, bestellte er sie umgehend zum Rapport. Das Klima in München wird rauer. Bisweilen genoss der 43-Jährige in seiner Amtszeit stets mediale Rückendeckung. Nun spürt er leidvoll, wie schnell die Stimmung umschlagen kann. Dennoch stimmt er nicht in den weit verbreiteten Tenor ein, er habe schlicht zu exzessiv rotiert.

"Wir haben nichts anderes gemacht als im März. Es ist das gleiche Training, das gleiche System, die gleichen Spieler." Gegen Kaiserslautern liefen die Bayern in Bestbesetzung auf, probten den Ernstfall. Allerdings ließen sie das gewisse Etwas vermissen. Das Finger-schnippende Element.

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