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Für sein Land Fußball zu spielen, ist eine Herzensangelegenheit. Ist dieser Satz mittlerweile Makulatur geworden und die eigene Karriere der heutigen Spielergeneration wichtiger?

SPECIAL REPORT
Von Hassan Talib Haji

Berlin/Frankfurt. Jeder Spieler hegt den Traum, für sein Land auflaufen zu dürfen. In Deutschland gibt es eine große Anzahl an jungen und talentierten Spielern mit Migrationshintergrund. Die Entscheidung, für Deutschland oder das Heimatland der Eltern aufzulaufen, ist eine schwierige. Die eigene Karriereplanung spielt eine große Rolle. Oft entscheidet einfach die schnellere Möglichkeit, A-Nationalspieler zu werden - was den DFB einiges an Talenten kostet. Auf der anderen Seite gibt es aber auch den Fall Kaan Ayhan, der sich wegen mangelnder Wertschätzung gegen die deutsche Nationalmannschaft entschieden hat.

Viele junge Kicker durchlaufen die U-Mannschaften des DFB, doch nur wenigen von ihnen gelingt auch der Sprung in die A-Elf von Bundestrainer Joachim Löw. Bereits in jungen Jahren kümmert sich der Verband und hilft den Talenten, doch irgendwann muss die Entscheidung fallen, ob man auch für die deutsche Nationalmannschaft spielen möchte – alleine und aus freien Stücken. Der Casus knacksus ist in der heutigen Spielergeneration aber auch die eigene Karriereplanung und damit windige Aussichten, die persönlichen Ziele sofort serviert zu bekommen.

Geduld ist eine Tugend

Der DFB versucht, den jungen Spielern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. So betont der designierte Sportdirektor Hans-Dieter Flick: "Dort beschäftigen wir uns sehr individuell und intensiv mit ihnen, haben immer ihre Entwicklung und Perspektive im Blick, besprechen mögliche Karrierepläne." Und bei dieser Karriereplanung werden Auswahlkickern keine Versprechungen gemacht. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum sich mancher an der Schwelle zur Volljährigkeit befindliche deutsche Junioren-Nationalspieler gegen den DFB entscheidet. Der Sprung in die A-Elf und der Platz in einem WM-Kader Deutschlands ist ein steiniger und schwerer Weg.

Der Verband betont stets, dass es sich um Einzelfälle handele und er vermeidet eine allgemeine Bewertung. So einfach ist dies jedoch nicht. Natürlich lässt so gut wie jeder junge Protagonist verlauten, er sei seinem Herzen gefolgt. Die Entscheidung, nicht für Deutschland zu spielen, fällt in diesen Fällen stets "schwer". Auf der anderen Seite gibt es das Gegenargument der eigenen Karriereplanung, welches sich nicht wegdiskutieren lässt. Was gibt es Schöneres, als im Fokus der Weltöffentlichkeit zu stehen – und das so schnell wie nur möglich? Immer wieder wird der DFB um seine Talente kämpfen müssen, oft mit dem türkischen Verband (TFF). Das beweisen die Beispiele Mesut Özil, Ilkay Gündogan, Hakan Calhanoglu oder Kaan Ayhan in der jüngeren Vergangenheit.

Ein junger Junioren-Nationalspieler Deutschlands, der auch für ein anderes Land spielberechtigt ist, sieht sich aufgrund der hohen Talentedichte mit einer enormen Konkurrenzsituation konfrontiert. Vor allem, wenn große Wettbewerbe anstehen, versuchen andere Verbände mit Versprechungen die Youngster davon zu überzeugen, den Verband zu wechseln.

Der DFB kennt diese Situation. "Natürlich sprechen wir mit den jeweiligen Spielern, zeigen ihnen Wege auf und sagen unsere volle Unterstützung zu. Aber eines werden wir keinesfalls tun: ihnen falsche Versprechungen machen. Wir kennen es ja, dass immer wieder vor großen Turnieren junge Spieler von anderen Verbänden angesprochen werden, hier und da wohl auch mit Zusagen, bei der EM oder der WM dabei zu sein", führt Flick aus.

Das Bild hat sich gewandelt. Eine Entscheidung, für ein bestimmtes Land zu spielen, ist endgültig, sobald der Spieler für die A-Elf eines Landes in einem offiziellen Wettbewerb eingesetzt wurde. Das erhöht den Druck auf die Verbände. Die Verlockungen für andere Länder zu spielen, sind groß, denn der DFB kann keinem jungen Spieler eine WM-Teilnahme versprechen. Die deutsche Nationalmannschaft gehört schließlich zu den Besten der Welt. Hat ein Spieler die Möglichkeit, aufgrund seiner Wurzeln für ein anderes Land zu spielen und womöglich auch an großen Turnieren teilzunehmen, ist dies sehr reizvoll, in Anbetracht der eigenen, subjektiven Situation. Bei dem einen mag es eine Herzensangelegenheit sein, bei dem anderen ist es die angesprochene, nüchterne Karriereplanung – verbunden mit der Frage: "Wo kann ich sofort den Sprung schaffen?" So sind die Zeiten nun mal. Jedoch gibt es auch das Beispiel, wo der DFB sich scheinbar nicht immer um junge Talente kümmert, die die Auswahlmannschaften durchlaufen.

Der Fall Kaan Ayhan

Der Vorwurf der Nicht-Berücksichtigung steht im Raum. So ausgesprochen von Kaan Ayhan, einem der aktuell talentiertesten Abwehrspieler in der Bundesliga. Der 19-Jährige vom FC Schalke 04 fühlte sich vom DFB enttäuscht. Ayhan lief für die Auswahlmannschaften des DFB 26 Mal auf, nach den letzten beiden Länderspielen gegen Frankreich und Russland in der U18-Nationalmannschaft riss die Verbindung zum DFB ab. "Es gab eine Phase nach der U17-WM (2011 in Mexiko, Anm. d. Red.), als ich nicht mehr so oft eingeladen wurde. Obwohl ich, meiner Meinung nach, eine richtig gute A-Jugendsaison gespielt habe, wie ich finde auch besser als andere Konkurrenten auf meiner Position."

Dass der Verteidiger aus dem Kreise der Auswahlmannschaften ausschied, empfand er als mangelnde "Wertschätzung". Der Kontaktverlust sei für ihn sehr abrupt und überraschend gekommen: "Ich wurde von einem Tag auf den anderen nicht mehr berücksichtigt. Da war dann null Kontakt mehr zum DFB." Wie mittlerweile bekannt ist, hat sich der in Gelsenkirchen geborene Deutsch-Türke für das Land seiner Vorfahren entschieden – die Türkei. Aktuell ist er türkischer U21-Nationalspieler. Nun folgt die Suche nach den Gründen der Nicht-Berücksichtigung.

Es ist beim DFB üblich, dass junge Talente im Alter von 17 oder 18 Jahren so etwas wie ein "beruhigtes Jahr" bekommen. Viele der Spieler arbeiten am schulischen Werdegang und stehen vor ihren Abschlüssen, zudem ist dies die entscheidende Phase, den Sprung in die jeweiligen Profikader ihrer ausbildenden Vereine zu schaffen. Da ist seitens des DFB und der Vereine abgesprochen: Den Spielern Ruhephasen zu geben und sie mal nicht zu nominieren. Im Fall von Kaan Ayhan ist jedoch einiges schiefgelaufen, was die Annahme weckt, dass der DFB auf diesen Ebenen Kommunikationsprobleme hat.

Es wäre ein Leichtes gewesen, Ayhan zu kontaktieren und ihm mitzuteilen, dass er sich nun zunächst um seine schulische Laufbahn und den Sprung in den Profikader des FC Schalke 04 kümmern soll, danach aber wieder eingeladen wird. Das ist allerdings nach den Verlautbarungen Ayhans nicht der Fall gewesen. Angesichts seiner fußballerischen Fähigkeiten ist dies schon arg verwunderlich. Zwangsläufig muss man sich Fragen: Wieso wurde Ayhan nicht mehr berücksichtigt? An mangelnder Leistung wird dies kaum gelegen haben, Ayhan wurde nach der U17-WM, wo er stark aufspielte, mit der Schalker U19 als Stammspieler Deutscher Meister und unterschrieb danach seinen Profivertrag bei Schalke 04. Ein Statement wollte der DFB auf Goal-Nachfrage nicht abgeben.

Dem DFB ist schwer ein Vorwurf zu machen, allerdings offenbart der Fall um Ayhan, dass es zumindest Verbesserungspotenzial auf diesen Ebenen gibt. Grundsätzlich entscheidet der Spieler, für welches Land er seine Stiefel schnüren möchte. Ein großer Faktor ist heutzutage aber längst nicht mehr nur das Herz. Zu ehrgeizig und karrierebesessen sind die Jungs von heute, und damit in der Denke schon in jungen Jahren Profis.

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