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Torlinientechnik: Klubs lassen "Kaiser" allein zum Mond fliegen

Die Profi-Vereine haben sich durch die Ablehnung der Torlinien-Technik außer der sportlichen Risiken ein erhebliches Image-Problem eingehandelt.

Köln. Am Tag danach bekam der deutsche Profi-Fußball das ganze Ausmaß der ausgefallenen Revolution vor Augen geführt. Die unerwartet klare Ablehnung der Torlinien-Technik durch die Vertreter der 36 Profi-Klubs auf der Mitgliederversammlung in Frankfurt/Main hat das Image der Bundesligen laut diverser Medienkommentare zumindest angekratzt.

Von "Peinlich" (Tagesspiegel) über "Klare Fehlentscheidung" (Spiegel online) und "Scheinheilig und amateurhaft" (Die Welt) bis "Eigentor" (FAZ) reichten die medialen Beurteilungen der Entscheidung vom Montag.

Jahrelang umsonst bemüht

Nachdem sich die Bosse der Deutschen Fußball Liga (DFL) über die letzten Jahre hinweg mit Feuereifer und auch weitgehend erfolgreich um ein modernes Erscheinungsbild ihrer Premium-Produkte bemüht hatten, steht der Fußball-Standort Deutschland plötzlich vielerorts als altmodisch und obendrein auch noch knausrig da.

Außenstehende Experten beklagten das buchstäbliche "Zurück in die Zukunft" überrascht. "Es wäre gut gewesen, sich dem technischen Weg anzuschließen", meinte "Kaiser" Franz Beckenbauer bei Sky.

Deutschlands Fußball-Lichtgestalt hatte schon im Vorjahr im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) eine klare Meinung: "Man fliegt zum Mond und macht unglaubliche technische Sachen, also wird man doch irgendwie eine Kamera oder sonst etwas installieren können, um festzustellen, ob der Ball hinter der Linie war oder nicht. Wir leben in einem Zeitalter der technischen Entwicklung, und da gehört so etwas dazu."

Torlinientechnik schon im Einsatz

Was bei der WM in Brasilien Wirklichkeit sein wird und schon jetzt in Englands Premier League umgesetzt worden ist, bleibt für die Bundesliga wohl für längere Zeit reine Zukunftsmusik. "Bis auf Weiteres", hatte Liga-Präsident Reinhard Rauball schon unmittelbar nach der Abstimmung in Frankfurt erklärt, "hat sich das Thema erledigt."

Beckenbauers einstiger Weltmeister-Schützling Thomas Berthold hat dafür kein Verständnis. "Wenn man ein Hilfsmittel hat, das die FIFA einführt und das es England schon seit einem Jahr gibt, frage ich mich, warum wir es bei uns nicht haben?", sagte Berthold in einem Interview des Hessischen Rundfunks.

Klare Mehrheit bei den Fans

Für die deutschen Fans hatte sich die Frage nach der Torlinientechnik offenkundig spätestens durch Stefan Kießlings "Phantomtor" im vergangenen Herbst von alleine beantwortet. In einer repräsentativen SID-Umfrage unmittelbar vor der Frankfurter Manager-Tagung sprachen sich gleich 73 Prozent der Befragten für eine technische Überwachung der Torlinien in den Bundesligen aus.

Wie sehr die DFL-Führung vom Ausgang der Abstimmung (24:12 Stimmen gegen die Torlinien-Technik; 9:9 in der ersten Liga) auf dem falschen Fuß erwischt wurde, hatte Geschäftsführer Andreas Rettig gleich danach durchblicken lassen: "Wir hatten einen Entscheid erwartet, nach dem wir in die Ausschreibung für die Art der technischen Hilfsmittel gehen."

Kosten als größter Kritikpunkt

Doch manchen Klubs war die geplante Innovation offenbar schlichtweg zu teuer. 500.000 Euro pro Klub über drei Jahre verteilt hätte die aufwendigste Variante gekostet, insgesamt also 18 Millionen Euro oder aber auch nicht einmal ein Prozent des erst kürzlich noch stolz verkündeten Liga-Gesamtumsatzes von 2,17 Milliarden. Viele Klubs sahen bei solchen Zahlen keinen Kosten-Nutzen-Effekt.

Schiedsrichter-Boss Herbert Fandel, der eine Einführung der Torlinientechnik begrüßt hätte, meinte süffisant: "Ich hoffe, dass sich der ein oder andere nach dieser Entscheidung in Zukunft etwas schwerer tut, die Schiedsrichter für eine strittige oder falsche Entscheidung in diesem Bereich öffentlich zu kritisieren."

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