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KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

der HSV sorgt wieder für positive Schlagzeilen. Obwohl man nach dem 1:1-Unentschieden gegen Eintracht Frankfurt noch nicht richtig einzuschätzen wusste, ob die Mannschaft einen Punkt gewonnen oder zwei liegen gelassen hatte, überwiegt drei Tage nach dem Spiel auch bei mir das Gefühl neuer Hoffnung. Mit der definitiven Rückkehr von Pierre-Michel Lasogga und Rafael van der Vaart stehen die Chancen nicht schlecht, einen direkten Konkurrenten vor heimischem Publikum zu schlagen. Wobei die Unterschiede zwischen den beiden Vereinen in ihrem Umgang mit dem Abstiegskampf größer kaum sein könnten.

Als der 1. FC Nürnberg Michael Wiesinger als Cheftrainer entließ, hatte dieser in den ersten acht Bundesligapartien der Saison keinen einzigen Sieg einfahren können. Nach nur fünf Punkten sah sich Sportchef Martin Bader gezwungen zu handeln. Gertjan Verbeek übernahm und knüpfte nahtlos an die erfolglose Serie seines Vorgängers an. Nürnberg blieb unter dem 51-jährigen Niederländer weitere acht Spiele ohne Sieg – erst zum Rückrundenauftakt gab es nach einem 4:0 über Hoffenheim das erste Mal drei Punkte in dieser Saison.

In Hamburg – das schließe ich aus den Erfahrungen der letzten Jahre – hätte man nach einer ähnlichen Serie längst einen neuen Trainer installiert. Das Festhalten an handelnden Personen, Konzepten und Strategien, trotz Misserfolgen und Gegenwind, scheint mit einer "Medienstadt" wie Hamburg nicht vereinbar. Jedenfalls hört und liest man das sehr häufig, wenn Experten sich über den HSV unterhalten. Ich frage mich: warum? Und macht man es sich nicht sehr bequem, wenn der Aktionismus der letzten Jahre zumindest teilweise damit begründet wird, dass das Umfeld sonst erheblichen Druck ausüben würde?

Worauf ich hinaus will: Es ist müßig Woche für Woche Fehler zu benennen und einen antizyklischen Beitrag zu verfassen, der sich zum Ziel setzt, die Kehrseite der Medaille nicht aus den Augen zu verlieren. Aber ich halte das für notwendig. Zumal sich in Zeiten wie diesen, in denen das Internet und der freie Zugang zu unzähligen Informationen rund um den Verein immer weiter an Bedeutung gewinnen, das Bewusstsein vieler Mediennutzer und Fans des HSV geschärft hat. Nicht jede Meldung, nicht jede Meinung wird unreflektiert konsumiert – eine Chance für den Verein.

Ich glaube, dass die weitestgehende Unabhängigkeit vom "System" und seinen Strukturen eine Säule für sportlichen Erfolg darstellt. Der HSV darf sich nicht weiter in die Abhängigkeit begeben Sportdirektoren, Vorstandsvorsitzende oder Trainer aufgrund von Druck "vereinsinteressierter Kreise" zu entlassen. So wie es zum Beispiel im Mai vor einem Jahr geschah, als Frank Arnesen nach dem Erreichen des siebten Tabellenplatzes gehen musste. Die kommunizierten Gründe dafür waren unter anderem die Vernachlässigung der Jugendarbeit, fehlende Erfahrung und Kenntnis der Bundesliga oder Beratungsresistenz. Was ist seit der Übernahme durch Oliver Kreuzer eigentlich besser geworden? Nicht viel.

Die U23 und die A-Junioren kämpfen wie das Bundesligateam gegen den Abstieg. Geld für die Nachwuchsförderung ist immer noch nicht da. Es muss sogar weiter eingespart werden, während sich die Profiabteilung Abfindungen für Trainer und andere hochrangige Angestellte in Millionenhöhe leistet. Weil man dem besagten Druck nachgibt, statt an seinen Idealen festzuhalten. Wenn die führenden Personen beim HSV das nicht tun, wie kann das dann von heranwachsenden Spielern erwartet werden? Es ist utopisch anzunehmen, dass ein junges Team sich ohne Weiteres für ein Ziel und seine Kollegen zerreißt, wenn dies auf anderer Ebene nicht vorgelebt wird.

Oliver Kreuzer scheint die Bundesliga genauso unterschätzt zu haben wie sein Vorgänger, der sich in Sachen Jugendabteilung zumindest regelmäßig bei Spielen blicken ließ. Kreuzer stand vor denselben finanziellen Zwängen wie Arnesen und landete mit Pierre-Michel Lasogga nur einen Treffer auf dem Transfermarkt. Ihm allein nun anzulasten für den Niedergang des HSV verantwortlich zu sein, ist unfair und nicht beabsichtigt. Der Aufsichtsrat und seine Vorstandskollegen tragen einen erheblich größeren Teil dieser Verantwortung.

Eine Sache unterscheidet Kreuzer von Arnesen aber sehr deutlich: der öffentliche Umgang mit den eigenen Angestellten. Kreuzer hat es innerhalb weniger Monate geschafft seine Glaubwürdigkeit in großen Teilen zu verlieren, weil er sich medial mit seinen Äußerungen weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Spieler wie Rajkovic, Tesche und Mancienne sollten unter ihm nie wieder spielen. Er muss anerkennen, dass das, was er beim FC Bayern, einem Verein mit über lange Jahre konstanter Führung und Philosophie, zu seiner aktiven Zeit miterlebt hat, nicht auf einen Verein wie den HSV übertragbar ist.

Im Gegenteil. Schaut man nach Dortmund oder Mainz, das sind für mich jeder auf seine Art sehr positive Beispiele, wird erkennbar, was eine weitere Säule für langfristigen sportlichen Erfolg sein kann. Es geht um das Miteinander, um ein Wir-Gefühl, um Geschlossenheit und Akzeptanz. Erkenntnisse aus der Psychologie bestätigen, dass Menschen, die sich verstanden und respektiert fühlen, aus sich selbst heraus Kraft schöpfen können. Das kann ein großer Teil der HSV-Mannschaft nicht sagen, weil sie, für einige ohne erkennbaren Grund, aus der Gruppe ausgeschlossen werden, um nur kurze Zeit später wieder als Lückenfüller dazuzugehören. Fatal, wenn man besagte Spieler an einen anderen Verein verkaufen will.

Darunter leidet das Klima in der Mannschaft, darunter leidet auch die Qualität des Trainings. Warum sollte ein Spieler das Risiko gehen unter der Woche alles zu geben, wenn ihm ohnehin keine Aussicht auf eine Chance gestellt wird? Auch bei den Wackelkandidaten, die zwischen Startelf und Tribünenplatz pendeln, sieht das nicht anders aus. Fehler werden öffentlich kommentiert und an Namen festgemacht – so erging es zum Beispiel Petr Jiracek. Angst und Verunsicherung sind die Folge. Dabei braucht ein Team nach Möglichkeit 18 bis 20 motivierte Profis, um das Niveau im Training hochzuhalten und Stammkräfte zu noch besseren Leistungen zu zwingen.

Zu diesem Dilemma hat Kreuzer keinen unwesentlichen Beitrag geleistet. Dass die Dauerverkaufskandidaten nun wieder in den Fokus rücken und wahrscheinlich auch noch in der Verantwortung stehen den Verein mit Leistung vor dem Abstieg zu bewahren, kann als Eigentor interpretiert werden. Doch auch er ist nur Teil und Opfer der Strukturen, die sich eher ökonomischen als sportlichen Zielen unterwerfen. Die Quittung hierfür kann teuer werden und den Abstieg bedeuten. Hoffnung macht, dass die Mannschaft trotz ihres eklatanten spieltaktischen Handicaps aufgrund des Fehlens eines echten Stürmers trotzdem einen Punkt holt und den Gegner größtenteils beherrscht, ohne ernsthaft gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Auf Kreuzer wartet bei der Zusammenstellung des Kaders für die neue Saison viel Arbeit. Wenn er dann noch darf.

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