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Bayern München: Überheblichkeit? Nein, danke!

Unbeirrt pflügen die Rekord-Bayern durch Deutschland, von Hochmut aber keine Spur: Trotz Real-Sixpack warnt Neuer deshalb vor Schalke. Die Draxler-Spekulationen sind kein Thema.

Aus München berichtet Christoph Köckeis

Entsetzt, beinahe desillusioniert schlichen sie durch die Katakomben. Das Haupt gen Boden gerichtet. Nur vereinzelt stellte man sich der neugierigen Pressemeute. Grübelnd und doch erfolglos rangen die Profis dabei nach Worten. Zuvor wurde der FC Schalke 04 von Real Madrid gedemütigt. Auf der veritabelsten Bühne des Klub-Fußballs, der Champions League, förmlich demontiert. Rund 600 Kilometer fern der Veltins Arena, ausgerechnet in München, litt ein Fernsehzuseher mit: Manuel Neuer.

"Ich kenne das Team natürlich besser als jeder andere. Sie nahmen sich viel vor. Wenn sie einen guten Tag erwischt hätten, hätten sie mitspielen können. Klar, man kann gegen so ein Team verlieren, aber nicht so hoch", erklärt der Nationaltorhüter tags darauf in Bayerns Geschäftsstelle an der Säbener Straße. Er, die ehemals königsblaue Identifikationsfigur, evozierte im Sommer 2011 ein folgenschweres Erdbeben.

Als dazumal der Transfer zum Rekordmeister publik wurde, verkam der Publikumsliebling im Epizentrum Gelsenkirchen zur Persona non grata. Neuer musste sich übelster verbaler, später gar tätlicher Übergriffe erwehren. Beim Korso zum DFB-Pokal-Triumph trübte die schallende Ohrfeige eines "Fans" die kollektive Festtagsstimmung. Der unrühmliche Höhepunkt einer Liebesbeziehung.

"Wir nehmen sie ernst"

Trotz aller Polemik in den Monaten danach leugnete er niemals seine Ultra-Vergangenheit, seine Herkunft. Vielmehr wurde er nicht müde, tiefe Verbundenheit zu den Knappen zu bekräftigen. Er weiß, was er dem Ruhrpott-Klub zu verdanken hat. Am Samstag ruhen all jene Emotionen. Dann gastieren die gebeutelten Ex-Kollegen in München. Unterschätzen werde man diese trotz Reals Lehrstunde keineswegs.

"Wir nehmen sie ernst", sagte Neuer im Pressetalk, "in der Liga haben sie einen guten Start aus der Winterpause hingelegt." Zuletzt ließ Schalke mit einem 2:0 bei Leverkusen aufhorchen. In der Rückrunden-Tabelle rangiert man auf Platz zwei – nur ein Team eroberte zwei Punkte mehr (15). Richtig, Bayern. Jenes Star-Ensemble, welches das nationale Geschehen nach Belieben dominiert, den schärfsten Verfolger bereits auf 19 Zähler distanzierte. Selbst Arsenal (2:0) beherrschte man im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League zuletzt eindrucksvoll.

"Für uns ist es kein Ansporn, Schalke sechs Tore zu verpassen, sondern das Spiel zu gewinnen", relativiert Neuer nachdrücklich. "Sie sind heiß darauf, mal wieder vor Dortmund in der Tabelle zu stehen. Sie werden alles geben. Gerade nach so einer Pleite wollen sie ihr wahres Gesicht zeigen." Doch welches Gesicht zeigt der Bundesliga-Vierte?

Draxler kein Thema

Nach dem jüngsten Debakel wird Jens Keller wohl von der ursprünglichen Marschroute abrücken, seine Schützlinge in ein wesentlich defensiveres Korsett zwängen. Destruktivität in Reinkultur sei jedoch nicht zu erwarten, wie Neuer auf Nachfrage von Goal zu verstehen gab. Anders als seinerzeit im Pokal-Halbfinale 2011. "Das konnten wir glücklicherweise mit 1:0 gewinnen", sinniert der bestens gelaunte 28-Jährige. "Wir mussten oft Abwehrschlachten schlagen."

Die junge Generation brilliere dagegen mit anderen Vorzügen, lebe von ihrer Dynamik, ihrem technischen Rüstzeug. "Sie haben nicht das Material dazu, verfügen vorne über individuell starke Akteure. Klaas-Jan Huntelaar und Jefferson Farfan arbeiten nicht gerne nach hinten, machen lieber vorne Druck. Oder Max Meyer und Julian Draxler, der sehr weit vorne attackiert."

Letzterer, wie einst Neuer Hoffnungsträger einer ganzen Stadt, wurde in den vergangenen Wochen mehrfach mit Bayern in Verbindung gebracht. Gleichwohl dementierten weder Sportvorstand Matthias Sammer noch das aufstrebende Juwel die Gerüchte, heizten die Debatte damit zusehend an. Die Personalie lässt Rafinha und Co. im Vorfeld jedenfalls kalt.

"Wir sind schlagbar"

"Er hat eine große Zukunft vor sich, schon gezeigt, dass er ein großer Spieler ist. Alles andere ist nicht meine Abteilung", lässt der Brasilianer schmallippig wissen. Für das bevorstehende direkte Duell auf dem rechten Flügel sieht er sich dank Einheiten mit den Besten der Besten hervorragend gerüstet. "Ich bin für jeden Gegenspieler bereit." Worte, in denen gesundes Selbstvertrauen mitschwingt. Genau das zeichnet den FCB dieser Tage aus, wird ihm vielerorts allerdings als Überheblichkeit ausgelegt.

Doch vom Nimbus des Unbesiegbaren möchte in München niemand etwas wissen. "Wir wissen", sagt Neuer, "dass wir schlagbar sind. Wissen, dass es gefährlich ist, es unbedacht vor sich hin trudeln zu lassen." Man versuche stets, das Spiel auf eine neue Ebene zu hieven. Die treibende Kraft dahinter: Pep Guardiola. Der spanische Realist hält seine Stars auf dem Boden.

"Er stellt uns immer wieder neue Aufgaben. Wir arbeiten nun ein knappes halbes Jahr mit ihm, er ist noch nicht da, wo er mit uns hin will. Das ist das Gute für die Weiterentwicklung." Gegen Schalke hofft Neuer nun, dem ersten Etappenziel, der vorzeitigen Meisterschaft, näher zu kommen. Unbeirrt von Gefühlen. Unbeirrt von der Vergangenheit.

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