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Jovanovs HSV: Magath ist kein Retter

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

wir stehen erst am Anfang einer sehr schwierigen Zeit in Hamburg. Was ich nach dem Spiel gegen Hertha erlebt habe, hat mich tief betroffen gemacht. Die Fans müssen sich bewusst sein, dass sie der jungen Mannschaft mit derartigen Aktionen nicht helfen. Ihren Frust kann jeder verstehen, auch Spieler und Verantwortliche. Denen geht es nicht anders. Mit Bechern, Eiern oder Feuerzeugen zu werfen oder auf die Autos der Spieler einzutreten, löst die Probleme trotzdem nicht.

Es passiert so viel in kurzer Zeit, dass man nicht jeden Schritt gründlich hinterfragen und analysieren kann. Bei einer Sache bin ich mir allerdings sicher: Es liegt nicht am Trainer. Wie viele haben sich in den letzten Jahren in Hamburg versucht und sind gescheitert? Nein, es muss etwas anderes sein. Etwas viel Tiefgründigeres. Ein Fluch, eine vergiftete Stimmung, ein Teufelskreis, aus dem sich der Verein nicht befreien kann. Der Austausch der handelenden Personen allein hat nie einen langfristigen Effekt erzeugt.

Und so glaube ich, dass Bert van Marwijk die falsche Baustelle ist. Es ist eher eine Ansammlung vieler kleiner Teilchen, die in der Einzelbetrachtung absurd erscheinen, im Gesamtkontext jedoch vieles erklären. Da ist zum Beispiel die völlig verkorkste Wintervorbereitung, von der viele sagen, dass das eine billige Ausrede sei. Das sagen allerdings keine Sportwissenschaftler oder Fußballlehrer. Bert van Marwijk beschäftigt sich seit 40 Jahren mit Leistungssport, er hat ein Expertenteam um sich, eine medizinische Abteilung. Wenn die sagen, dass eine derartige Reise Gift für einen Profisportler ist und ihn zurückwirft, dann glaube ich ihnen.

Sie dürfen es nur nicht laut sagen, weil sie damit einen ihrer Vorgesetzten indirekt kritisieren würden, da dieser kurzfristig nur das Erreichen der schwarzen Null im Blick hatte. Sie dürfen auch nicht zu laut sagen, dass die Fehler, die die Spieler auf dem Rasen machen, untrainierbar sind. Was kann ein Trainer ausrichten, wenn Marcell Jansen nach dem verlorenen Kopfballduell in der Mitte des Strafraumes im Gegensatz zu seinem Gegner Sami Allagui nicht umschaltet, sondern einfach stehen bleibt? Was kann der Trainer tun, wenn die einfachsten Ballannahmen und Pässe nicht funktionieren? Das kann man nicht trainieren.

Das Problem ist im Kopf. Der Druck, bloß keinen Fehler zu machen, lähmt jeden Menschen. Das Ausmaß des Druckes bei jungen Profifußballern können wir nicht nachvollziehen. Wir kennen es nicht. Was wir nicht kennen, sollten wir auch nicht bewerten. Man kann feststellen, dass etwas nicht stimmt. Den Druck abzuwerten und in einen vergleichenden Kontext zu stellen, führt zu keinem Ergebnis. Hakan Calhanoglu zum Beispiel wird den Druck eines Pizzaboten, Kassierers oder Friseurs nicht nachvollziehen können, weil er ihn nicht kennt. Er wird sich irgendwann fragen, warum Menschen mit „normalen“ Berufen unter psychischen Erkrankungen leiden und versagen, wenn er sie mit seinem Beruf vergleicht.

Der gewöhnliche Fan beschäftigt sich nicht mit den Realitäten eines Fußballers. Vielleicht kann er das auch nicht. In seinem Kopf entsteht ein anderes Bild. Die Medien suggerieren ihm, dass der Fußballprofi ein durchweg schönes Leben hat, teuere Autos fährt und überall verehrt wird. Der gewöhnliche Fan wird nicht durchschauen können, dass auch ein Fußballprofi ein „normales“ Leben führt und vor ähnlichen Herausforderungen steht wie viele andere auch. Und er verspürt einen Leistungsdruck, der mit dem eines „gewöhnlichen“ Arbeiters nicht zu vergleichen ist, weil der Fußballprofi unter ständiger Beobachtung steht.

„Wenn’s scheiße läuft, läuft’s halt scheiße“, hat Oliver Kahn mal gesagt. Und so ist es aktuell auch in der Mannschaft des HSV. Es fehlt das Selbstvertrauen, es fehlt die Geduld und es fehlt die Erfahrung, mit dieser Situation umzugehen. Die Stimmung in und um den Verein, die die Spieler tendenziell schlechter macht, gibt es jedoch nicht erst seit dieser Saison. Man muss sich fragen, warum Spieler, die sich beim HSV nicht durchsetzen konnten, in anderen Vereinen Bundesligafußball auf hohem Niveau spielen. Das ist der Punkt, an dem der HSV ansetzen muss. Die Gründe dafür nur an der Oberfläche zu suchen und dort lösen zu wollen, behebt die Ursache der Probleme nicht.

Die Streitereien und das Misstrauen in der Führungsspitze tut ihr Übriges, um zur Vergiftung der gesamten Lage beizutragen. Wobei sich der Verein diesmal überaus professionell verhalten hat. Damit meine ich das klare Statement des Mediendirektors Jörn Wolf nach der Sitzung am Sonntag und die Aussagen von Carl-Edgar Jarchow am Tag danach. Es war ein taktisch kluger Zug vom Aufsichtsrat den Mediendirektor zu beauftragen, statt selbst vor die versammelten Pressevertreter zu treten. So entging man der Gefahr, aufgrund fehlender Medienerfahrung etwas Falsches zu sagen und unüberlegt zu reagieren. Man ließ lieber den Profi ran. Die Empörung war groß, weil der HSV die bekannten Mechanismen durchbrach und eben nicht sofort in Aktionismus verfiel. Diese Erwartung wurde enttäuscht

Auch Carl-Edgar Jarchow präsentierte sich als Profi, als er nur das sagte, was notwendig war. Wohl wissend, dass seine Zeit abgelaufen ist. Denn es scheint, als warte der Aufsichtsrat nur noch die Niederlage gegen den FC Bayern ab, um Felix Magath als Vorstandsvorsitzenden zu installieren und bis zum Sommer als Trainer mit der Mission Nichtabstieg zu beauftragen. Mit einer Niederlage zu starten, könnte dabei das falsche Signal sein. Dem Verein tut der Aufsichtsrat damit dennoch keinen Gefallen. Bis zur endgültigen Entscheidung steht jeder beim HSV auf der Kippe. Sind das Bedingungen, unter denen eine optimale Vorbereitung auf die kommenden Aufgaben in der Bundesliga erfolgen kann?

Kommt es tatsächlich in den nächsten Stunden oder Tagen zur Entlassung des Vorstandes, sollte auch der Aufsichtsrat seinen Hut nehmen. War es nicht das Kontrollgremium, das vor drei Jahren mit dem Sturz von Bernd Hoffmann den „Umbruch“ einleiten wollte, der möglicherweise in einem Zusammenbruch endet? Ist es nicht der Aufsichtsrat, der die Situation, in der der Verein heute steckt, mitzuverantworten hat? Ist es nicht sein Verdienst, dass Frank Arnesen auf unrühmliche Art und Weise demontiert und dem Verein damit frühzeitig jede Chance auf eine stabile Führung geraubt wurde? Und ist es nicht die Entscheidung des Aufsichtsrates gewesen, Oliver Kreuzer für mehrere hunderttausend Euro aus Karlsruhe zu verpflichten, um ihn heute, nach weniger als einem Dreivierteljahr, wieder vom Hof jagen zu wollen?

Es ist völlig irrelevant, wer von den aktuellen Amtsträgern diese Entscheidungen zu verantworten hat. Es geht nicht um einzelne Personen, es geht um die Sache. Und die Sache ist Profifußball. Deshalb sind jegliche personellen Veränderungen im Vorstand der falsche Ansatz. Allein der Trainer kann das, was auf dem Platz passiert, direkt beeinflussen und die sportliche Wende herbeiführen. Dafür braucht die Mannschaft auch das nötige Glück, damit ein Ball wieder den Weg ins gegnerische Tor findet. Über die Herren Kreuzer, Jarchow, Hilke und Scheel kann man nach der Saison entscheiden. Sie können den Abstieg jedenfalls nicht verhindern. Felix Magath wird das auch nicht können, davon bin ich überzeugt. Kein Alleinherrscher hat sich in den vergangenen Jahren langfristig behaupten können.

Magath ist das, was viele sich in dieser Situation wünschen. Sie verknüpfen erfolgreiche Zeiten mit seinem Namen, lassen sich von Erfolgen während seiner Trainerlaufbahn blenden und vom Ruf, er sei ein harter Hund. Und hart sein, brüllen und übermäßige Übungen mit Medizinbällen sind für viele der Schlüssel zum Erfolg. Schließlich hat es früher auch funktioniert, glaubt man. Doch der Profifußball hat sich extrem verändert. Ich frage mich, wie ein Trainer, dessen Führungsstil auf die Verbreitung von Angst beruht, einer völlig verunsicherten Mannschaft helfen soll. Wie kann jemand, der in der Szene nicht als Kommunikator bekannt ist, die Blockaden in den Köpfen der Spieler lösen? Bei Magath geht es um ganz andere Dinge. Es geht nicht um den Menschen, der sich hinter dem Fußballprofi verbirgt. Es geht nicht um die Befindlichkeiten und Gefühle in diesem hochsensiblen Geschäft Profifußball. Rettet er den HSV tatsächlich vor dem Abstieg, verschiebt sich der Untergang nur um einige Jahre.

Magath würde einzig den Wunsch derer befriedigen, die die Spieler über den Rand ihrer Belastungsgrenze hinaus sehen möchten. Die Qual, die er ihnen antun würde, wird ihren eigenen Schmerz lindern. Sie möchten die Spieler weinen, kotzen und bluten sehen, weil sie es als „scheiß Millionäre“ nicht anders verdienen. Weil sie dem Verein, den sie selbst so sehr lieben, nicht dieselbe Zuneigung und Hingabe entgegenbringen. Wie soll das bei diesem HSV überhaupt funktionieren? Kann man für eine Sache brennen, wenn man das Gefühl bekommt, austauschbar zu sein und sich alles nur wie ein Spiel auf Zeit anfühlt? Im Hamburg dreht sich alles nur im Kreis. Dass es beim Fußball um Menschen geht, müssen der HSV und sein Umfeld erst noch lernen.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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