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Horst Heldt hat auf Schalke das Sagen. Goal traf ihn zu einem bemerkenswerten Gespräch über Perfektionismus, den bösen Onkel in der Mixed Zone und seinen Vergleich mit dem BVB.

INTERVIEW
Das Gespräch führte Hassan Talib Haji

Gelsenkirchen. Mit einem freundlichen "Hallo" begrüßt Horst Heldt, Sportvorstand und Manager des FC Schalke 04 eigentlich jeden, der ihm begegnet: Fans, Journalisten und Mitarbeiter. Dieses Mal auch Goal. Wir trafen den Schalker Macher zu einem interessanten, aufschlussreichen und intensiven Gespräch.

Seit bald vier Jahren ist Heldt im Machtzentrum der Königsblauen zuhause und ist verantwortlich für deren Abschneiden. Im Dialog mit unserer Seite äußerte sich Heldt zum aktuellen Tagesgeschäft, dem Vergleich mit Erzrivale Borussia Dortmund und seinen nicht oft offensichtlichen Aufgaben.

Herr Heldt, die Rückrunde begann voll nach Plan. Zwei Spiele, zwei Siege.

Heldt: Wenn man das so planen könnte, wäre das schön. Es ist natürlich erfreulich, dass wir das Maximale aus diesen beiden Spielen herausgeholt haben. Wir haben in der Generalprobe vor dem Rückrundenstart unsere beiden Testspiele verloren. Darüber haben wir uns sehr geärgert. Wir haben aber nicht wieder alles infrage gestellt. In der Woche danach haben wir uns gut auf den HSV vorbereitet und sind glücklich darüber, dass es nun mit den zwei Siegen so gekommen ist.

In der Hinrunde hat Schalke 04 es nicht geschafft, drei Bundesligaspiele in Serie zu gewinnen. Was macht Sie zuversichtlich, dass es gegen Hannover am Wochenende anders sein wird?

Heldt: Was wir natürlich bemängelt haben, war, dass wir in der Hinserie nicht konstant spielten. Wir haben in der Winterpause versucht Maßnahmen zu ergreifen, die uns dabei helfen, in der Rückrunde mehr Konstanz reinzubringen. Man darf natürlich nie den Gegner vergessen. Jetzt kommt Hannover 96, die haben einen Rückrundenstart hingelegt, mit dem man auch nicht wirklich gerechnet hat.

Wäre es wichtig, dadurch auch so etwas wie Aufbruchstimmung zu erzeugen? Denn das fehlte im ersten Halbjahr.

Heldt: Gerade bei uns ist das wichtig. Ich glaube, die Aufgabe liegt jetzt darin, dass wir nicht wieder von den ganz großen Sachen träumen. Wir sollten das machen, was wir in den letzten zwei Wochen auch gemacht haben, was wir eigentlich immer machen – uns gewissenhaft auf den Gegner vorzubereiten. Sich selbst zu überprüfen, fokussiert zu arbeiten und das nächste Spiel als das Wichtigste zu sehen, und dies auch dementsprechend anzugehen. Wir sollten keine Luftschlösser bauen und diese aufkommende Euphorie in eine Art Depression verfallen lassen, wenn mal ein Spiel verloren geht.

Nackenschläge wird es immer geben.

Heldt: Ja, das muss man mit einkalkulieren. Wir dürfen diese wachsende Euphorie sicherlich nicht schmälern, aber dürfen sie auch nicht ins Unermessliche steigern. Für uns ist es einfach wichtig, dass wir unseren Job weiter machen. Vor allem dürfen wir nie denken: jetzt ist schon alles erreicht!



Sie sind sogar wieder in Schlagdistanz zu Borussia Dortmund und Platz drei.

Heldt: Es gab eine Phase, wo wir großen Abstand zu unseren Konkurrenten und die begehrten Plätze hatten. Da hat es einfach keinen Sinn gemacht, über irgendwelche Champions-League-Plätze zu reden. Wir haben einen guten Start ins neue Jahr erwischt und die anderen haben Federn gelassen, aber ich sträube mich davor, zu sagen und zu glauben, dass dies eine Selbstverständlichkeit ist. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir einen langen Atem brauchen – wie alle anderen Mannschaften um uns herum auch. Wir müssen konzentriert bleiben, es wird für uns nichts am 19. oder dem 25. Spieltag entschieden. Wir sollten nicht nach oben oder nach unten schauen. Sondern einfach nur auf uns selbst.

Ihre Aussage aus dem Sommer letztes Jahr, in der Sie erklärten, bald wieder auf Augenhöhe mit dem BVB sein zu wollen, holt Sie scheinbar wieder ein.

Heldt: (Lacht) Aus dieser Aussage ist viel gemacht worden. Mich hat dabei am meisten geärgert, dass ich überhaupt so ein Statement abgegeben habe. Aber ich werde nun mal gefragt, dann antworte ich darauf. Mein Fehler war, dass ich mich habe hinreißen lassen, über andere Vereine zu sprechen. Natürlich kann ich als Mitverantwortlicher des FC Schalke 04 nicht die anderen Vereine hochleben lassen und unser Licht unter den Scheffel stellen.

Bitte erklären Sie das etwas genauer.

Heldt: In manchen Dingen sind wir auf Augenhöhe, aber nicht in allen Bereichen. Ich habe immer gesagt, dass wir als Verantwortliche gegenüber dem Konkurrenten Borussia Dortmund den Hut ziehen! Was sie geleistet, und wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt haben, dem muss man Respekt zollen. Nicht umsonst kommen da in den letzten Jahren zwei Meisterschaften zustande, ein DFB-Pokalsieg und der Einzug ins Finale der Champions League. Aber wir haben auch nicht alles verkehrt gemacht. 2011 haben wir den DFB-Pokal geholt und sind ins Halbfinale der Königsklasse eingezogen.

Sie haben unterdessen auch eine große Last an Verbindlichkeiten zu tragen.

Heldt: Wir haben in den letzten beiden Jahren 17 Millionen Euro an Verbindlichkeiten abgebaut. Und gleichzeitig haben wir sportlichen Erfolg generiert, was bei uns die Champions-League-Teilnahme ist. In diesem Zusammenhang wurde projiziert, dass ich sage: wir sind auf Augenhöhe. Ich werde immer meinen Verein, den FC Schalke, verteidigen und das Gute herausarbeiten. Wir sind auf einem guten Weg und es gehört nun mal auch zu meiner Aufgabe, uns nicht schlechter zu machen, als wir sind. Ich werde zum Grundsätzlichen gefragt, dann kann ich aber nicht das außer Acht lassen, was wir geleistet haben.

Sagen Sie sich da: wir gehen auf Angriff über oder schauen Sie sorgenvoll auf die Gegner unter Ihnen?

Heldt: Wir brauchen Demut und sollten tunlichst vermeiden, öffentlich irgendwelche Dinge loszupoltern oder anzuschieben. Wir sollten unsere Ziele verfolgen und auf uns schauen.

Interessant, Herr Heldt. Ist Schalke geläutert? Felix Magath wollte in vier Jahren Meister werden. Nach zwei Jahren war er Geschichte auf Schalke.

Heldt: Geläutert? Das weiß ich nicht. Wir sind ein emotionaler Verein, vielleicht sogar der emotionalste in ganz Deutschland. Das hat auch viel Gutes und ist möglicherweise auch das, was einen Verein ausmacht – das will man auch nicht missen. Wir haben über 120.000 Mitglieder und für viele Menschen ist dieser Verein das Nonplusultra. Hier ist immer etwas los.

In der Winterpause wurden viele Gespräche mit dem Team und einzelnen Spielern geführt. Um was ging es da?

Heldt: Eine Analyse nach der Hinrunde findet immer statt. Es ist richtig und wichtig, dass man sich überprüft. Man nimmt sich Zeit und stellt sich die Frage: was können wir in der Rückrunde besser machen? Es war nicht alles zufriedenstellend, wir hingen doch nicht umsonst hinter unseren eigenen Erwartungen. Wir haben gute Gespräche geführt. Es klingt immer so, als würde das nie oder kaum stattfinden. Aber in so einem Trainingslager, wie in Doha, hat man mal die Zeit, offener zu sprechen und ins Detail zu gehen.



"Ich bin, und das darf ich auch mit Fug und Recht sagen, wie jeder andere, nicht perfekt."

- Horst Heldt

Ist dort auch die Idee entstanden, den Mannschaftsrat zu vergrößern? Kapitän Benedikt Höwedes sagte, dass dies auf seine Initiative hin geschah.


Heldt: Er führt das Team als Kapitän, natürlich sprechen wir ausführlich mit ihm. Er hat eine zentrale Rolle im kompletten Mannschaftsgefüge. Er braucht aber ein gutes Team um sich herum! Es gab Veränderungen, weil Spieler uns verlassen haben. Wie zum Beispiel Tranquillo Barnetta oder Jermaine Jones, die beide im Mannschaftsrat waren. Das ist einfach ein weiterer Baustein von vielen Maßnahmen gewesen.

Was bezwecken Sie damit?

Heldt: Das hat einfach dazu geführt, dass wir gefühlt ein anderes Bild haben, ein weitaus detailreicheres. Wir werden immer an Ergebnissen gemessen. Die Art und Weise, wie wir auftreten und spielen, ist auch sehr wichtig.

Wie ist dort Ihr Zusammenspiel mit Jens Keller?

Heldt: Das ist sehr gut. Wir tauschen uns ständig aus. Dafür brauchen wir aber kein tägliches Briefing, wie irgendwelche Tornado-Staffeln der Bundeswehr jeden Morgen.

Keller kritisiert die Spieler so gut wie nie öffentlich, Sie finden ab und an klarere Worte. Müssen Sie auch mal den bösen Onkel spielen?

Heldt: Ich bin, und das darf ich auch mit Fug und Recht sagen, wie jeder andere, nicht perfekt. Ich bin ein emotionaler Mensch. Es gab auch Momente, in denen ich nach dem Spiel nicht in die Mixed Zone gegangen bin, weil ich mich vielleicht um Kopf und Kragen geredet hätte. Ich glaube, dass mein Vorteil, im Gegensatz zu einem Trainer, ist, dass ich eine andere Distanz zu den Spielern habe. Das mache ich nicht, um als Schauspieler dazustehen oder irgendeiner Vorgabe gerecht zu werden, weil es hieße, das sei jetzt verlangt.

Aber Sie wissen, wie Sie da auch Reizpunkte setzen können.

Heldt: Natürlich nutze ich manchmal die Medien, um da auch klare Signale und Botschaften zu setzen und zu senden. Die Spieler lesen die Zeitungen, ich glaube nicht, dass sich das, im Gegensatz zu meiner Zeit, großartig verändert hat. Ich habe damals als aktiver Profi dasselbe gemacht. Man schlägt auf und schaut, wie die Verantwortlichen über einen denken und einen bewerten. In der heutigen Zeit geht das viel schneller und über viel mehr Kanäle.

Zurück zu Jens Keller. Sie haben über Ihn mal gesagt, er sei ein "moderner Old-School-Trainer". Was genau meinten Sie damit?

Heldt: Jens Keller geht mit seinen Mitmenschen sehr respektvoll um, er fordert diesen Respekt aber auch ein und das ist legitim. Er ist mit den Spielern per du und redet viel mit ihnen. Er macht gerne mal den einen oder anderen Witz, bleibt in seinen Ansprachen aber auch bestimmend. Die Generation der Spieler hat sich einfach verändert. Er verbindet das Moderne mit dem Alten, deshalb habe ich das mal so benannt.

Warum wurde Jens Keller in der Öffentlichkeit so schnell vorverurteilt?

Heldt: Da bin ich der falsche Ansprechpartner.

Was glauben Sie denn?

Heldt: Wir wollen dazu eigentlich keine Stellung mehr beziehen. Es war so, wie es war. Teilweise war es nicht in Ordnung.

Nachdem Schalke blamabel vor heimischer Kulisse aus dem DFB-Pokal flog, mussten Sie sich auch damit auseinandersetzen, dass eine Entlassung des Trainers für alle Beteiligten das Beste sein könnte.

Heldt: Es war natürlich keine einfache Zeit. Wir wollten ins Endspiel kommen, wir haben doch alle noch die Erinnerungen aus 2011 im Kopf. Wir haben verloren, zuhause. Es ist doch klar, dass dann Fragen aufkommen und die sportliche Führung kritisiert wird. Ich bin Sportvorstand und ich kann nicht eine brenzlige Situation so runterspielen, als wäre nichts gewesen. Natürlich wirft das Fragen auf, wenn man zuhause 1:3 gegen Hoffenheim verliert. Im Besonderen die Art und Weise war zu hinterfragen. Wenn du so aus dem Pokal fliegst, dann ist die Schalker Welt nicht in Ordnung, und wenn ich so tue, als wäre sie es trotzdem, dann belüge ich jeden, der einer von uns ist. Ich kann nichts vorgaukeln, was ich selbst nicht glaube.

Wolfgang Rolff, der Assistent von Thomas Schaaf, hat vor einigen Tagen in einem Interview bestätigt, dass Sie Kontakt zu Schaaf aufgenommen hatten. Man habe aber nicht zusammengefunden.

Heldt: Ich werde mich nicht zu irgendwelchen Spekulationen äußern, aber natürlich gehört zu meiner Aufgabe als Sportvorstand, dass man sich mit dem Worst Case auseinandersetzt und sich auf mögliche Szenarien vorbereitet.

Warum hielten Sie dennoch an Keller fest?

Heldt: Wir haben an ihm festgehalten, weil wir der Überzeugung sind, dass dies der richtige Weg ist. Am Ende entscheide ich das auch nicht alleine. Wir diskutieren mit dem Aufsichtsrat darüber und geben eine Empfehlung.

Es gab in Ihrer bald vier Jahre andauernden Zeit auf Schalke einen Schlüsselmoment. Können Sie sich noch an den 8. März 2012 erinnern?

Heldt: Nein.

Da haben Sie nach dem Europa-League-Spiel bei Twente Enschede nach zweifacher Fehlentscheidung des Schiedsrichtergespanns gegen die UEFA gewütet.

Heldt: (Lacht) Also, das war nicht geplant.

So hat man Sie selten erlebt.

Heldt: Ich bin nicht mit dem Vorsatz in die Mixed Zone gekommen, Alarm zu machen. Das hat sich aus der Situation heraus entwickelt. Kurioserweise habe ich da keine Strafe bekommen. Vielleicht hat es auch letztendlich zu dem Freispruch für Joel Matip geführt. Ich will nicht sagen, dass es der ausschlaggebende Punkt war, aber vielleicht hat es geholfen.

Hier geht es zum zweiten Teil

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