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KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

vor dem Hamburger SV stehen richtungweisende Zeiten. Es könnte ein Jahr werden, dass die Zukunft des Vereins nachhaltig prägt. Während sich die Mannschaft viele Kilometer von Hamburg entfernt auf die Rückserie vorbereitet und Sportchef Oliver Kreuzer die unerwünschten Spieler anderen Vereinen anbietet, werde ich mich in den kommenden Tagen und Wochen auf die Strukturdebatte fokussieren. Bis zur Mitgliederversammlung am 19. Januar wird dieses Thema das meistdiskutierte sein. Auch wenn man zu vielen Fragen bereits einiges lesen konnte, greife ich heute einen grundlegenden Aspekt der Strukturdebatte auf. Worum geht es eigentlich?

Im Kern stehen sich zwei Gruppen gegenüber. Diejenigen, die möglichst nichts beim HSV verändern wollen, und die, die vieles fundamental verändern wollen. Aus dem Misserfolg auf sportlicher Ebene ist bei vielen Mitgliedern und Fans eine Frustration entstanden, die die Frage nach den Ursachen dieser in den Vordergrund gerückt hat. Die Antwort darauf schien schnell entdeckt: Dem HSV fehlt es an Professionalität. Sowohl auf dem Platz als auch in der Führungsetage gibt der Verein nicht das Bild ab, das viele von ihm sehen möchten.

Die Struktur ermöglicht einer im Vergleich zur Gesamtzahl der Mitglieder kleinen Gruppe, Ämter nach ihrem Gusto zu besetzen und damit „Einfluss“ auszuüben. So sitzt zum Beispiel ein Vorstand für Mitgliederbelange am selben Tisch wie der Sportchef oder Vorsitzende des Vereins. Im Aufsichtsrat befinden sich weitere, aus dem Kreis der Mitglieder stammende Vertreter, die das operative Geschäft überwachen sollen. Bei keinem anderen Verein in der Bundesliga ist der Einfluss der Mitglieder so hoch. Genau das möchten viele unter ihnen nun ändern. Quasi als Schutz vor sich selbst.

Die Einschränkung des Einflusses bezieht sich allerdings nur auf den Profifußball. Alle weiteren Sportabteilungen im HSV bleiben von den angestrebten Veränderungen unberührt. Durch die Ausgliederung des Profifußballs erhoffen sich die Initiativen kürzere Entscheidungswege, eine höhere Unabhängigkeit und die Erschließung neuer finanzieller Optionen. Denn der Verein geht am Stock, wie die erst kürzlich veröffentlichten Bilanzen deutlich aufzeigen. Gelingt es nicht, neues Kapital zur Tilgung der Verbindlichkeiten zu erschließen, bliebe dem HSV nur der Verkauf seiner Leistungsträger. Auf Dauer kann der Verein so in der Bundesliga nicht überleben.

Die Gegenseite versucht, die Beschneidung des Mitgliedereinflusses zu verhindern. Ein so traditionsreicher Verein (zum Thema Tradition verweise ich auf meine letzte Kolumne) lebe von seinen Mitgliedern, heißt es. Offiziell ist es der verzweifelte Versuch, sich gegen den Kapitalismus und die Kommerzialisierung auf allen Ebenen zu wehren. Inoffiziell ist es der Kampf um Erhalt dessen, was sich insbesondere in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelte. Und daran ist nichts Verwerfliches. Denn während der Großteil der zahlreichen Mitglieder nur passiv zuschaute, engagierten sich andere sehr intensiv. Die meisten Dinge, für die sie stehen und kämpfen, sind sogar gut. Sie kämpfen für gerechte Preise im Stadion, Anerkennung der Fankultur und gerechten Umgang. Doch den entscheidenden Kampf haben sie bereits verloren, ohne es gemerkt zu haben oder es einsehen zu wollen.

Unter dem Deckmantel der Demokratie wird für den Erhalt der Mitgliedermitbestimmung in seiner jetzigen Form und gegen den Verkauf von Vereinsanteilen gekämpft. Schaut man sich allerdings genauer an, was hinter einer „Mitgliedschaft“ in einem Verein steckt, wird der pure Kommerz deutlich. Denn das Mitbestimmungsrecht ist die einzige demokratische Komponente, ein Relikt des über 100 Jahre alten Vereinsrechts. Vielmehr ist die „Mitgliedschaft“ in der heutigen Zeit eine Premium-Kundenkarte, in der man gegenüber anderen Fans und Sympathisanten Vorteile genießt. Diese Vorteile erwirbt man jedoch nicht durch ehrbares, ehrenamtliches Engagement. Einzig die Überweisung des fälligen Betrages ist notwendig, um bevorzugt behandelt zu werden.

So bekommt man ein Vorkaufsrecht auf begehrte Spiele, ermäßigte Preise, individualisierte Werbung per Mail. Die Mitgliedsnummer ist nichts Weiteres als eine Kundennummer, unter der alle relevanten Daten gespeichert werden. Somit verpasst es der Verein nicht, Geburtstagsglückwünsche in Kombination mit einem Wertgutschein für den Fan-Shop zu verschicken. Er verpasst es auch nicht, seine Premium-Kunden in den eigenen, möglichst unkritischen Medien auf spezielle Angebote und seine Sponsoren hinzuweisen. Irgendwann ehrt er sie auch für ihre Treue. Dazu genügt es, das Produkt Profifußball und all seine Nebenprodukte zu konsumieren. Man braucht sich hierfür nie bei einer Sportabteilung oder ihren Gremien blicken zu lassen.

Das Recht gehört zu werden, haben alle. Auch die, die als reine Event- oder Erfolgsfans angesehen werden. Auch die, die lieber das zehnte Interview eines Profifußballers lesen und ihn als Idol bewundern, als sich für die Organisation der Auswärtsfahrten oder die Erfolge der Leichtathleten zu interessieren. Und für ihre Rechte kämpfen die Ausgliederungsgegner? Sie halten lieber daran fest, als dem Verkauf von Vereinsanteilen, also einem abstrakten Konstrukt, das in der „Wirklichkeit“ nicht existiert, zuzustimmen? Glaubt man etwa, dass einem Anteilseigner ein Stück des Vereins gehört?

Umso tiefer man in diese philosophische Ebene eintaucht, desto deutlicher wird, dass die Strukturdebatte ein Kampf gegen Windmühlen ist. Ein Kampf, den man nicht gewinnen kann, weil er längst verloren ist; weil der Verein seine Geschäftstätigkeit bereits in Kapitalgesellschaften ausgegliedert hat; weil der Vermarkter Sportfive bereits Anteile an diese Tochterunternehmen hält; weil der Verein die Darlehen von Klaus-Michael Kühne mit einer Grundschuld für das Stadiongelände besichert hat. Die Debatte würde an Ehrlichkeit gewinnen, wenn klar und deutlich formuliert wird, dass es um die Gruppe geht. Dass es um die geht, die täglich zum HSV fahren, sich ehrenamtlich engagieren und den Vereinsgedanken leben. Und dass es denen ein Dorn im Auge ist, wenn diejenigen, die das nicht tun, aus ihrer Lethargie erwachen und sich in politische Angelegenheiten einmischen. Die Ankündigung aus dem Verein nach einer Ausgliederung auszutreten, macht den wahren Hintergrund der Debatte besonders deutlich.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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