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KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

so schnell kann es im Profifußball gehen. Aus "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" ist ein kleinlautes und fast selbstmitleidiges "In München gibt’s ne ordentliche Klatsche" geworden. Zwischen dem "Pokalfight" und dem fußballerischen Offenbarungseid gegen Augsburg liegt nicht einmal eine Woche – umso erstaunlicher, mit welcher atemberaubenden Geschwindigkeit die Stimmung kippen kann. "Mit dieser Leistung gibt es dort zwölf Stück. Vielleicht können wir in München beantragen mit 13 Mann zu spielen oder zwei Leute ins Tor stellen zu dürfen", gab es nach dem Match zu hören. Was nach einer von Frust geprägten Aussage eines herkömmlichen Stadionbesuchers klingt, kommt tatsächlich aus dem Munde des Sportdirektors. Und ich habe für Herrn Kreuzer einen noch viel besseren Vorschlag: Überhaupt nicht antreten! Kostet laut Rechts- und Verfahrensordnung des DFB 50 000 Euro, das Ergebnis würde mit 2:0 für den FC Bayern gewertet werden. Nur 2:0!

Ich bitte um Nachsicht für diesen sarkastischen Abschnitt, aber solche Aussagen eines Sportdirektors kann ich nicht ernst nehmen und sachlich bewerten. Egal, in welcher Stimmungslage man vor die Presse tritt – so bitte nicht. Was geht eigentlich in den Köpfen der Spieler vor, wenn jeder, selbst der Sportdirektor, von einem Debakel überzeugt ist? Also ich stelle mir gerade vor, wie Tolgay Arslan, Jonathan Tah oder Pierre-Michel Lasogga nur so vor Selbstvertrauen strotzen. Einigen wird ja gerne nachgesagt nach Siegen etwas überheblich daherzuschlendern. Vor dem FC Bayern wird das jedoch niemand wagen. Erst recht nicht, wenn es selbst von der sportlichen Leitung des Vereins keine Rückendeckung gibt. So kann das nichts werden.

Die Leistung gegen Augsburg ist auch mit viel Kreativität nicht mehr schön zu reden. Ich glaube, dass das wahrlich der schlechteste Auftritt des HSV war, seit ich als Journalist ins Stadion gehe. Dennoch ist dieser Einbruch angesichts des jungen Alters der Mannschaft zu erwarten gewesen. Zumal es auf dem Platz niemanden gibt, der das Kommando übernimmt. Adler ist mit sich beschäftigt und kann aus dem Tor heraus nicht viel bewegen, Jansen schiebt den schwarzen Peter gerne an seine Kollegen weiter, wenn es schlecht läuft, Djourou ist nicht der, für den der Boulevard ihn bei seiner Ankunft verkaufte. Wer soll das Team also aufrichten? Jonathan Tah?

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das irgendwann schreiben werde. Doch jetzt zeigt sich eindrucksvoll, wie sehr Rafael van der Vaart und Heiko Westermann fehlen. Es ist ein völlig normaler Prozess, wenn junge Spieler sich an den verlässlichen Erfahrenen orientieren und hochziehen. Läuft es schlecht, insbesondere im Offensivspiel, wird vieles an van der Vaart festgemacht. Doch wer füllt diese Lücke aus, wenn er fehlt? In diese Rolle wächst man mit konstant guten Leistungen hinein. Dafür bedarf es allerdings Zeit. Und davon gibt es in Hamburg bekanntlich weniger als Geld.

Der Verein kann sich auf eine Woche einstellen, in der bis zum Spiel pausenlos auf die Mannschaft eingeprügelt wird. Auch von einem neuen Grillfest wird wieder geschrieben und gesprochen werden. Spott und Häme für ein Team, das sich unter Bert van Marwijk stabilisierte und Hoffnungen auf besseren Fußball weckte. Ist das alles nach einem schlechten Spiel bereits verflogen? Gibt es beim HSV nur Schwarz und Weiß – keine Mitte, die sowohl die positiven als auch die negativen Seiten zur Urteilsbildung betrachtet? Falls es sie gibt, kommt sie zu selten zum Vorschein. Hinter dem Misstrauen und Pessimismus ist allerdings ein viel tiefer liegendes Problem zu erkennen: Eine von Resignation geprägte Haltung, die die Ursachen allen Übels auf die Struktur und die Gremien des Vereins zurückführt. Anders ist der ausgeprägte Veränderungswille innerhalb der Mitgliedschaft wohl nicht zu erklären. Aus sportlicher Sicht kommt die Untergangsstimmung jedoch wieder zum falschen Zeitpunkt auf.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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