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Vor Gladbach-Spiel: Schalke-Trainer Jens Keller mit dem Rücken zur Wand

Schicksalsspiele warten auf den Übungsleiter der Königsblauen. Bei Borussia Mönchengladbach und zuhause gegen den FC Basel braucht Keller dringend befriedigende Ergebnisse.


Aus Gelsenkirchen berichtet:
Goal-Korrespondent Hassan Talib Haji

Nach einem am Freitag von Wirtschaftswoche und Immobilienscout24 veröffentlichtem Ranking der deutschen Städte mit der höchsten Lebensqualität, landete Gelsenkirchen abgeschlagen auf dem letzten Platz. Ganz böse Zungen würden behaupten, dass der FC Schalke 04 mit seiner "attraktiven" Spielweise dazu beigetragen haben könnte. Das Arbeitsleben von Trainer Jens Keller scheint dem letzten Platz in Sachen "Gefühlslage" in Nichts nachzustehen, denn der Chefcoach bekommt in sämtlichen Internet-Foren die volle Breitseite. Ihm werden in der Öffentlichkeit zunehmend fehlende Entwicklung der Mannschaft, mangelnde Ausstrahlung und taktische Fehler vorgeworfen. Diesem muss sich der 43-Jährige erwehren, wie schon so oft.

Die Ausgangslage in der Bundesliga stellt sich für den Tabellenfünften vor der Begegnung am Samstag (ab 15:30 Uhr im Live-Ticker bei Goal) bei Borussia Mönchengladbach wie folgt dar: vier Punkte Rückstand auf Platz vier, sieben Zähler auf Rang drei. Der vierte Platz, der am Ende der Spielzeit zur Qualifikationsrunde in der Champions League berechtigen würde, wäre mit einem Auswärtserfolg bei den Rheinländern nur noch ein mageres Pünktchen entfernt. Der öffentlichen Wahrnehmung nach, traut dies der Mannschaft von Trainer Keller aber kaum jemand zu. Angesichts der beeindruckenden Heimbilanz der Fohlen, die alle sieben Heimspiele der aktuellen Saison gewonnen haben, ist dies nicht allzu verwunderlich. Die Favre-Elf wirkt derzeit wesentlich stabiler als Schalke 04.

Keller schwer in der Kritik

Momentan prasselt sehr viel auf den gebürtigen Stuttgarter ein, die öffentliche Kritik ist vernichtend. Besonders nach dem schmachvollen Ausscheiden im DFB-Pokal (1:3 gegen 1899 Hoffenheim) unter der Woche. Auch Manager Horst Heldt zieht immer mehr den Unmut einiger Anhänger auf sich, weil dieser nach deren Meinung erst gar nicht mit Keller hätte verlängern dürfen und nun zu lange an seinem Mann festhält. Wenn Heldt nur sieben Monate nach Kellers Vertragsverlängerung (bis 2015) eben diesen in Kürze freistellen muss, fällt das auf ihn zurück.

Es wäre das Eingeständnis, die wohl wichtigste Personalie im sportlichen Bereich auf Sicht falsch besetzt zu haben, und die selbst eingeforderte Kontinuität auf dem Trainerposten verabschiedet sich fürs erste. Im Hinblick auf die Tatsache, dass sich Heldt öffentlich stets für Keller stark machte, und diesem permanent den Rücken stärkte, müsste sein nächster Schuss sitzen. Angeblich schaut sich Heldt bereits nach einem neuen Trainer um, wie Bild berichtete. Für den Manager des S04 ist diese vorweihnachtliche Zeit nicht einfach zu verdauen, wie im letzten Jahr, als Huub Stevens beurlaubt wurde.

Keller kämpft schwer um seinen Job! Da nützen Lippenbekenntnisse wie vom Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies in diesem knallharten Fußballgeschäft leider wenig. Auch wenn dessen Machtwort ("Lasst ihn seine Arbeit machen! Er steht nicht infrage") erst zwölf Tage jung ist. Die Verantwortlichen sind sich der brenzligen Lage bewusst, deshalb verliert Kellers knapp einjähriger Freifahrtsschein allmählich seine Gültigkeit. Dass Tönnies kurzen Prozess machen kann, ist geläufig.



Die Außendarstellung des S04 wurde als "Schönrednerei" und "Blabla" betitelt, während zuvor auf dem Platz kaum eine Handschrift des Trainers zu erkennen war. Alarmierend ist besonders der aufkommende Eindruck, dass Keller sein Team kaum zu erreichen vermag. Taktische Vorgaben enden in der Nachbetrachtung in Statements a la "planlos" und "hilflos". Oder passt Kellers Spielidee schlichtweg nicht zum Team? Ursachenforschung allenortes im Revier.

Heldt setzt Frist bis zur Winterpause

Der Übungsleiter sagte selbst: "Ich bin mit dem Auf und Ab nicht zufrieden und deshalb muss ich dafür die volle Verantwortung übernehmen." Keller übte mit diesem Statement leise Selbstkritik. Er zementierte mit der Aussage aber auch, dass er der Mannschaft die nötige und gesuchte Konstanz auch nach mittlerweile einem Jahr Tätigkeit noch nicht vermitteln konnte - obwohl Schalke 04 kolportiert über 20 Millionen Euro für Verstärkungen ausgab. Wie auch die katastrophale Defensivleistung (26 Gegentore in 14 Spielen), die Keller samt seiner Untergebenen einfach nicht in den Griff bekommt. Er gesteht Fehler ein, allzu viele darf er sich aber nicht mehr erlauben, denn Heldt setzte ihm bereits eine Frist bis zur Winterpause. Der Sportvorstand musste reagieren und tat dies.

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"Wir werden gucken, wie die Situation nach dem Nürnberg-Spiel ist", ließ er wissen. Solange hat Keller einmal mehr die Möglichkeit seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und bei S04 weiter in Lohn und Brot zu stehen. Tritt aber der Worst Case ein: Schalke verliert im Borussia-Park und fliegt beim Heimspiel gegen den schweizer Meister auch noch aus der Königsklasse, wird Keller nicht mehr zu halten sein. Und am Berger Feld brennt mal wieder die Luft. Stillstand und Mittelmaß drohen zum neuen Credo zu werden.

Suche nach dem Vorwärtsgang


Der FC Schalke 04 hechelt von Spiel zu Spiel. Die Königsblauen schafften es in dieser Bundesligasaison noch nicht, drei Spiele am Stück siegreich zu gestalten. Viele Verletzungen und teils schwere Patzer raubten der Mannschaft oftmals den Glauben an sich selbst. Es folgte dann "wieder mal ein Zusammenbrechen des gesamten Kollektivs", wie Heldt anfügte. Kam der Motor einmal in Fahrt, ließ man ihn Tage später wieder absaufen – während die unmittelbaren Kontrahenten kontinuierlich punkteten und davonzogen. Angesichts der Qualität im Kader und der enormen Personalkosten ist das viel zu wenig, um das eigene Ego streicheln zu können.

Es wird kein Feuer entfacht, der Verein schafft es nicht wirkliche Euphorie oder Aufbruchstimmung zu erzeugen. Vielmehr machen sich allmählich Lähmungserscheinungen breit. Bezogen auf das tägliche Brot, die Liga, konnten nur zwei Partien auf spielerischer Ebene vollends überzeugend gewonnen werden. Die Heimspiele gegen Bayer Leverkusen (2:0) und dem VfB Stuttgart (3:0), wo die junge Mannschaft sich hervorragend präsentierte. Das Spiel der Schalker stagniert jedoch, entwickelt sich nicht, ist berechenbar und nicht wirklich ansehnlich - was nicht nur das ZDF erkannte.

Nun ist unter der Woche auch noch das erste Saisonziel verpasst worden. Im DFB-Pokal überwintern die Knappen zum dritten Mal in Folge nicht und ihnen entgingen somit auch wieder mal wichtige Mehreinnahmen im siebenstelligen Bereich. Für einen stets auf den Euro schauenden Klub war dies sehr ärgerlich, will man doch im Januar den Kader zusätzlich verstärken.

Keller gab nach dem Pokal-Aus mehr oder weniger eine unglückliche Figur ab: "Eine Erklärung fällt unheimlich schwer, ich habe keine. Keiner setzt das um, was wir uns vorgenommen haben." Mit dem Hintergrundwissen, das diese Tatsache nicht wie Phönix aus der Asche stieg, kommt solch ein Statement einer Bankrotterklärung gleich, und ist natürlich Wasser auf die Mühlen der zahlreichen Kritiker. Anscheinend kochen die Schalker Spieler auf dem Platz ihr eigenes Süppchen und es interessiert sie nur in geringem Maße, welche Marschroute Keller vorgibt. Kann sich der ehemalige Jugendtrainer nicht gegen seine hoch bezahlten Profis durchsetzen und ihnen seine eigene Idee, seine Philosophie vom Fußball einimpfen? Offenbar findet er dabei nur bedingt Gehör oder genießt wenig Autorität innerhalb des Teams. Diese Frage muss sich Keller angesichts solcher Worte und fehlender Erklärung(en) gefallen lassen. Schalke scheint gefangen in der eigenen Lethargie und Geistesträgheit.

Bei der Pokalniederlage gegen die Kraichgauer aus Sinsheim war allerdings auch zu erkennen, dass das mitunter nervöse Publikum noch geduldig mit Team und Trainer umsprang. Das könnte sich nach den Schicksalsspielen in Mönchengladbach und gegen Basel bei mangelndem Erfolg schlagartig ändern. Wie im Februar dieses Jahres, als die ersten Keller-Raus-Plakate am Trainingsgelände vom Schalker Wachdienst entfernt werden mussten.

Er ist in diesen Tagen wahrlich nicht zu beneiden. Jedoch ist er ein Stehaufmännchen, ein ewig Totgesagter. Ob Keller erneut die Kurve bekommt? Große Zweifel wären zumindest nicht unangebracht.

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