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Wird es spanische Verhältnisse in der Bundesliga geben? Eine Dominanz von Bayern und dem BVB. Derzeit scheint kein Team diesem Duo auch nur ein Stück weit Paroli bieten zu können.

EXKLUSIV
Das Gespräch führte Hassan Talib Haji

In der Bundesliga sind sie das Maß aller Dinge! Borussia Dortmund und Bayern München beherrschen Deutschlands höchste Spielklasse. Dieser Meinung ist auch Sky-Experte Christoph Metzelder. Der ehemalige Fußballprofi spricht im exklusiven Goal-Interview über genau dieses Thema, Schalke 04, die Innenverteidigung an sich und die deutsche Nationalelf.

Herr Metzelder, Sie haben Ihre Profikarriere beendet. Wie lebt es sich als Frührentner?

Metzelder: (Lacht) Leider kann von Rente und viel Freizeit keine Rede sein. Bei all den Projekten, die gerade laufen, bin ich fast mehr unterwegs als früher. Mir macht das alles aber viel Spaß, von dem her vermisse ich nichts.

Ihre beiden Ex-Vereine, Borussia Dortmund und Schalke 04, präsentieren sich in der Bundesliga ziemlich unterschiedlich. Die Mannschaft von Jürgen Klopp begeistert mit attraktivem und schönem Fußball, während Schalke 04 sich gefühlt von Spiel zu Spiel hangelt. Wo sehen Sie die Unterschiede?

Metzelder: Borussia Dortmund hat sich in den letzten Jahren, insbesondere durch die Arbeit von Jürgen Klopp, einen Spielstil angeeignet, der extrem dominant ist. Aufgrund der Erfolge in den letzten Jahren und den Mehreinnahmen haben sie sich einen qualitativ hochwertigen Kader zusammengestellt, mittlerweile auch in der Breite.

Wie sehen Sie den FC Schalke derzeit?

Metzelder: Schalke 04 ist momentan von der Tagesform abhängig. Außerdem fehlen mit Jefferson Farfan und Klaas-Jan Huntelaar wichtige Spieler, das spürt man dann sofort. Die fehlende Konstanz lässt sich auch auf die Unruhe und Wechsel auf der Trainerposition in den letzten Jahren zurückführen, sodass noch keine klare Handschrift zu erkennen ist.

Besonders die Defensivleistung bei Schalke ließ oft zu wünschen übrig. Nach elf Spielen in der Bundesliga sind es bereits 22 Gegentore. Was macht das Team von Jens Keller nicht richtig – ist es die schlechte Laufleistung?

Metzelder: Ich war letzten Samstag in Berlin. Da war die Defensiv- und Laufleistung sehr gut. Was diese Nuance angeht, war Schalke in den letzten Jahren immer im unteren Bereich angesiedelt, auch im Vergleich zu Borussia Dortmund. Aber am Samstag haben sie es sehr gut gemacht.


"Schalke ist gegen Werder natürlich Favorit, aber sie müssen jetzt nachlegen."


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Christoph Metzelder

Clemens Tönnies sah sich genötigt via Telefon seinen Unmut zu äußern. Hat er Sie, als Sie noch bei Schalke spielten, auch mal angesäuert angerufen?

Metzelder: (Lacht) Nein, mich persönlich nicht. Aber das zeigt natürlich, mit wie viel Leidenschaft und Herzblut er dabei ist. Diese Emotionalität merkt man auch sofort, wenn man mit ihm spricht. Er hat scheinbar das richtige Momentum erwischt, weil Schalke in Berlin läuferisch, kämpferisch und defensivtaktisch eine gute Leistung abgeliefert hat.

Im Fokus stehen natürlich auch die Innenverteidiger, um Benedikt Höwedes, Felipe Santana und Joel Matip. Wie ist das als zentraler Abwehrmann, wenn die Vorderleute nicht richtig nach hinten arbeiten?

Metzelder: Mich hat so etwas nicht in der Tiefe meines Herzens getroffen, weil man als Abwehrspieler eine Position bekleidet, in der man per se im Feuer steht. Das ist einfach so und das gehört dazu, ebenso wie spielentscheidende persönliche Fehler. Es kommt immer zu Situationen, in denen es schwierig ist zu verteidigen, da zuvor schon Fehler gemacht wurden. Aber das ist das tägliche Brot eines Abwehrspielers, da hilft auch kein Lamentieren.

Hinzu kommen Schwierigkeiten bei Defensiv-Standards.

Metzelder: Bei Standards in der Defensive haben sie in dieser Saison wirklich große Probleme gehabt. Auch im Umschaltspiel nach Ballverlust gegen Borussia Dortmund gab es Anfälligkeiten. Das ist dann in der Frage nach der Umschaltbewegung ein Thema der gesamten Mannschaft. Es ist dann am Ende Aufgabe der Viererkette, schwierigste Situationen bestmöglich zu lösen. Ich hoffe, dass sie durch das gute Spiel in Berlin viel Selbstvertrauen getankt haben.

Wie hat sich das Spiel des Innenverteidigers im letzten Jahrzehnt verändert?

Metzelder: Neben der Verantwortung für den Spielaufbau und der gestiegenen Bedeutung des ersten Passes aus der Abwehr heraus rücken viele Mannschaften mit ihrer Viererkette immer weiter raus. Das ist mit großem Risiko verbunden und verlangt höchste Konzentration.

War es früher einfacher für die Abwehrspieler, da das Spiel nicht so schnell und weniger variabel war, als es heute ist?

Metzelder: Es gab ja damals nicht solche Themen wie Pressing, wo man im Spielaufbau direkt gestört wurde. Oder Gegenpressing, wo man nach Ballgewinn sofort unter Druck gesetzt wird. Die Anforderungen mit Ball sind deutlich höher geworden für die Spieler der Viererkette. Und defensivtaktisch ist das Risiko zugunsten einer offensiveren Spielweise erhöht worden.

Offensivspieler sind gegenüber den defensiven Spielern im Vorteil, da sie selbst agieren und nicht reagieren müssen.

Metzelder: Abwehrspieler zu sein, heißt immer, auf die Aktionen des Gegners reagieren zu müssen oder im besten Fall richtig zu antizipieren. Wo könnte der Ball jetzt hinkommen? Da liegt man dann halt auch öfter falsch.

Muss ein Verteidiger da dann auch manchmal wie ein Angreifer denken?

Metzelder: Absolut! Das sind dann immer diese Entscheidungen, die man trifft. Der Gegner holt zur Flanke aus und die Frage wird gestellt: Wo könnte diese Flanke jetzt landen? Das versuchen sowohl Stürmer als auch Abwehrspieler zu antizipieren. Das sind in der heutigen Zeit die Entscheidungen. Früher in reiner Manndeckung hat man sich ganz extrem am Gegenspieler orientiert. Heute muss man im Raum denken und viele Möglichkeiten abwägen und sich dann am besten richtig entscheiden.

Schalke 04 spielt am kommenden Wochenende zuhause gegen Werder Bremen. Bei den Hanseaten ist nach der Schaaf-Ära mit Robin Dutt ein neuer Trainer am Ruder. Jens Keller hat hingegen ständig Druck. Ist Schalke in diesem Spiel klarer Favorit?

Metzelder: Schalke ist natürlich Favorit und sie müssen jetzt nachlegen, um in die Regionen in der Tabelle vorzustoßen, in denen sie sein möchten. Das wird aber ein anderes Spiel werden als in Berlin. Gegen Hertha BSC hat sich Schalke zu achtzig Prozent mit Defensivarbeit beschäftigt. Das kann man bei einem Auswärtsspiel in Berlin so machen, bei einem Heimspiel werden die Vorzeichen andere sein. Da wird Schalke das Spiel machen müssen und dabei haben sie sich in den letzten Wochen etwas schwergetan. Es wird spannend zu sehen sein, wie das Spiel dann verläuft.



Bei Schalke hieß es, dass Julian Draxler in einem kleinen Formtief war. In Berlin hat er sich davon freimachen können. Wie wichtig ist es für so einen jungen 20-Jährigen, dass er auch mal so ein Tief erlebt?

Metzelder: Das gehört zum Leben eines Sportlers dazu. Selbst die allergrößten Spieler haben nicht jedes Spiel gewonnen und tolle Leistungen gebracht. Es ist ein normaler Prozess und bei Julian kommt hinzu, dass die Erwartungen an ihn natürlich extrem hoch sind. Als Jungprofi und Star ist man großen Verlockungen ausgesetzt. Er muss da seinen eigenen Weg finden und sein Talent und Können auch stetig weiterentwickeln. Da selbstkritisch zu sein, was er war, spricht für ihn. Aber er hat da auch keinen Grund, sich verrückt machen zu lassen.

Trauen Sie den Königsblauen zu in absehbarer Zeit wieder Tuchfühlung zu den Top-Drei Bayern München, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen zu bekommen? Der Abstand ist ja jetzt schon eklatant hoch?

Metzelder: Bayern München und Borussia Dortmund scheinen weg zu sein! Ich glaube, dass Schalke mit Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach und dem VfL Wolfsburg zukünftig um Rang drei und vier konkurrieren wird. Nach dem Stolperstart ist da Boden verloren gegangen, aber ich glaube, dass es auch in dieser Saison möglich ist, mindestens Platz vier zu erreichen, wenn sie sich weiter stabilisieren. Bayern und Dortmund sind da momentan aber doch deutlich enteilt.

In der Nationalelf hat sich noch kein Innenverteidiger-Pärchen festgespielt. Zuletzt gab es Kritik an Mats Hummels. Wie sehen Sie die aktuelle Lage auf der Position im Abwehrzentrum?

Metzelder: Es ist ein bisschen paradox. Nie hatte Deutschland so eine große Auswahl an guten Innenverteidigern. Das sorgt dann dafür, dass je nach Form und Fitness die Pärchen oft durchgewechselt werden. Zwischen 2005 und 2008 waren Per Mertesacker und ich das gesetzte Duo. Und das hatte den Vorteil, dass wir uns einspielen konnten. Momentan ist dies eher von Rotation geprägt. Ich glaube, dass es im Hinblick auf die WM wichtig wäre, sich frühzeitig festzulegen.

Joachim Löw hat vor Kurzem seinen Vertrag bis 2016 verlängert. Ganz Deutschland sehnt sich nach dem WM-Titel 2014 in Brasilien. Muss Löw mit dieser Mannschaft den Titel holen?

Metzelder: Ich wünsche das natürlich allen und die deutsche Nationalmannschaft zählt zu den absoluten Favoriten. Wenn man alle Parameter betrachtet, dann ist das vielleicht im nächsten Jahr die beste Mannschaft. Die Kunst ist aber, nicht die beste Mannschaft der Welt zu sein, sondern die beste des Turniers! Das haben wir zum Beispiel bei der WM 2002 gezeigt, als wir in sechs Wochen das Optimum rausgeholt haben und von glücklichen Umständen profitiert haben. Deutschland hat in der Qualifikation fantastische Leistungen gezeigt und sehr dominant gespielt, aber wir müssen in den vier Wochen in Brasilien, unter den dort herrschenden Bedingungen, die beste und glücklichste Mannschaft sein.

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