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KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

das Resultat gegen Borussia Mönchengladbach enttäuscht, nicht jedoch der gebotene Fußball. Das war im Vergleich zur Vorwoche ein Schritt vorwärts. Es stört mich allerdings, welche Reaktionen auf die Aussetzer von Lasse Sobiech folgten. Mit der Findung eines Schuldigen macht man es sich in Hamburg gewohnt leicht. Gerne wird dabei auch die übliche Notenvergabe als Bestätigung herangezogen. Dazu möchte ich ein paar grundsätzliche Dinge mitteilen.

Von einer Notenvergabe im Fußball halte ich überhaupt nichts. Schaut man sich Sobiechs Werte an, stellt man fest, dass er zu den besseren Akteuren auf dem Feld gehörte. Im Profifußball wird großen Wert auf diese Statistiken gelegt, da sie oft wiedergeben, was ein Augenpaar bei der Betrachtung eines Spiels nicht vollumfänglich erkennen kann. Betrachtet man ausschließlich die Fehler von Sobiech, und genau das tun die Augen in dieser Situation, ist der Schuldige schnell gefunden. Eine sehr einfache Analyse.

Doch was führt überhaupt zu diesen Fehlern? Aus der ersten Situation, als Sobiech einen Rückpass zum Torwart spielen will und Max Kruse diesen abfängt, ergeben sich für mich drei zentrale Aspekte. Erstens: Verhält sich Rene Adler richtig? Ist die Situation zu entschärfen, wenn er die Gefahr früher erkennt und sich anders postiert? Kann er den Ball nicht trotzdem weggrätschen? Ich mache ihm zwar keinen Vorwurf, aber in der Nachbetrachtung dieser Szene fiel mir auf, dass sie anders zu lösen gewesen wäre.

Zweitens: Warum spielt Sobiech in dieser Situation überhaupt einen Rückpass? Weil er erkennt, dass die Passwege zugestellt sind und sich keine Anspielstation ergibt. Zudem ist der Druck der Gladbacher so groß, dass nur wenige Augenblicke bleiben, noch viel weniger als gegen andere Teams, um eine Entscheidung zu treffen. Wo ist in dieser Szene eigentlich Marcell Jansen? Und warum steht er so hoch, dass er für den Innenverteidiger nicht anspielbar ist und dieser zu einem Rückpass gezwungen wird?

Und der dritte Punkt: die Aufstellung von Bert van Marwijk. Es gibt Trainer, die die Auffassung vertreten, der linke Innenverteidiger müsse ein Linksfuß sein. Ist er das nicht, sollte er zumindest sichere Flachpässe oder lange Bälle mit dem falschen Fuß spielen können. Ob Sobiech das drauf hat, kann ich nicht abschließend beurteilen. Dass er sich so um die eigene Achse dreht, um den Ball mit dem rechten Fuß zum Torwart zu spielen, deutet zumindest darauf hin, dass er sich nicht getraut hat, den linken Fuß für den Rückpass zu benutzen oder den Ball einfach blind nach vorne zu schlagen. Er soll es offensichtlich auch gar nicht. Deshalb wählt er die vermeintlich sichere, in diese Szene aber falsche Option.

Auch beim zweiten Gegentor ist es nicht allein Sobiech, der sich falsch verhält. Denn nachdem er den Ball an Raffel verlor, vergingen noch mindestens sechs oder sieben Sekunden. Die defensiven Mittelfeldspieler Arslan und Badelj schalten nicht um, während Kruse sofort in den Strafraum stößt. Das Tor muss überhaupt nicht fallen, wenn Arslan und Badelj diese Wege mitgehen und zumindest Druck ausüben oder den Passweg zustellen. Wenn man bedenkt, dass ein durchschnittlicher Bundesligaspieler ungefähr elf Sekunden auf 100 Meter braucht, reichen zwei Sekunden um mindestens 15 Meter zurückzulaufen. Und genau dieser, im Sprint zurückgelegte Weg ist im Profifußball entscheidend.

Das ist genau der Aspekt, der durchschnittliche von guten Mannschaften unterscheidet. Das ist genau das, was zum Beispiel Ribery und Robben bei den Bayern unter Heynckes gelernt und umgesetzt haben. Das ist genau das, was den Tempofußball von Borussia Dortmund auszeichnet. Es geht darum, in Situationen, von denen man glaubt, sie seien bereits verloren, die entscheidenden Wege zurückzulaufen. Diese letzten paar Prozent machen einen wichtigen Unterschied aus und sorgen für die entscheidende und enorm wichtige Unterstützung im Defensivverhalten.

Kommen wir vom Fußball zum Drumherum. Wie ihr sicher bereits mitbekommen habt, war ich nach dem Spiel gegen Gladbach bei der Live-Sendung von den Kollegen des Hamburger Abendblattes zu sehen. Neben mir war auch Jojo Liebnau geladen, der den meisten HSVern als Vorsänger der Fangruppe „Chosen Few“ bekannt ist und nun als Mitinitiator der „HSV-Reform“ auftritt, die sich gegen eine Ausgliederung ausspricht. Aus der Gesprächsrunde ziehe ich für die Strukturdebatte eine wichtige Erkenntnis: Es ist aussichtslos, Menschen mit einer tief verwurzelten Ideologie durch rationale Argumente zum Nachdenken anzuregen.

Die vertretene Ideologie möchte ich überhaupt nicht bewerten. Sie kann in den Augen einiger gut, in den Augen einiger anderer schlecht sein. Doch nicht nur, dass viele der von Liebnau getätigten Aussagen schlichtweg falsch oder nicht zu Ende gedacht waren – sein Block wird ihm definitiv folgen. Und ich unterstelle, dass die Wenigsten von seinem Weg aufgrund einer eigenen Meinungsbildung Abstand nehmen werden. Konkret möchte ich zum Beispiel auf die Aussage eingehen, dass verkaufte Anteile „für immer“ weg sind.

Das ist nicht richtig. Es ist eine Sache der Vertragsgestaltung, ob der HSV verkaufte Anteile wieder zurückkaufen kann. Es liegt daher auch an der Bereitschaft der Anteilskäufer. Wer diese sein sollen und ob sie sich einer solchen Klausel beugen würden, können auch die Vertreter von HSVPLUS nicht sagen. Auch beim Thema Finanzlage des Vereins liegt Jojo leider nicht ganz richtig. Unbestritten ist, dass der HSV in den vergangenen Jahren viel Geld ausgegeben hat. Doch war es eigentlich das eigene? Und falls nicht, wie kommt der Verein in seiner aktuellen Situation an neues Kapital?

Mit dem Erreichen der Europa League zumindest nicht. Für die Champions League reicht es hingegen sportlich nicht – hierfür wären neue Investitionen in den Kader nötig. Und da liegt dass Problem: Geld ist kaum mehr vorhanden, das Eigenkapital des Vereins wies zum 30. Juni 2012 einen nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag in Höhe von 8,7 Millionen Euro auf, womit der Verein bilanziell überschuldet ist und keine Kredite mehr von den Finanzinstituten bekommt. Falls doch, dann nur zu sehr ungünstigen Konditionen, die das Budget erheblich belasten.

Die Aufnahme der Jubiläums-Anleihe zeigt doch, dass der Verein bereits so gut wie alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat. Selbst in der Vermarktung geht nur dann etwas, wenn es sportlich stimmt. Damit es aber sportlich stimmt, werden zwangsläufig neue Investitionen in den Kader erfolgen müssen. Ob diese Investitionen letztlich durch einen Verkauf von Anteilen sichergestellt werden können, sollen Ernst-Otto Rieckhoff und Jojo Liebnau gemeinsam an einem Tisch besprechen. Ist die Angst vor Fremdbestimmung, die faktisch zwar unbegründet, aber dennoch genannt wird, so groß, braucht der Verein einen Kompromiss.

Am besten noch vor der Mitgliederversammlung im Januar 2014. Es wäre wünschenswert, wenn der HSV sich eine Schlammschlacht erspart und dieses Thema bereits im Vorfeld geklärt ist. Ausgliederungsbefürworter und ihre Gegner sollten die gemeinsamen Nenner herausfiltern und sich gegenseitig Zugeständnisse machen. Andernfalls befürchte ich, dass es überhaupt keine Veränderungen geben wird. Doch diese sind dringend notwendig. Nicht unbedingt Form einer Ausgliederung, sondern in der Herstellung professionellerer Bedingungen, einer Verschlankung der Größe und Verantwortung des Aufsichtsrates sowie der Erschließung neuer Möglichkeiten zur Kapitalbeschaffung.

Es hätte einen bisher unbekannten Charme, wenn alle im HSV für das gleiche Ziel kämpfen. Und es hätte einen altbekannten Charme, wenn man die Namensrechte des Stadions für mindestens zwanzig Jahre verkauft, dieses in Volksparkstadion umbenennt und die Finanzprobleme löst. Ein unberechenbarer Investor säße dadurch nicht im Boot, könnte keinen Einfluss nehmen und jegliche Sorgen und Bedenken wären verflogen. Kämpfen allerdings zwei Lager gegeneinander, hat weder das eine noch das andere Konzept eine realistische Chance. Die Welt ginge davon zwar nicht unter und Fußball würde in Hamburg trotzdem gespielt werden – der Traum von sportlichen Erfolgen würde allerdings in noch weitere Ferne rücken.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!