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Sportgerichts-Urteil: Das Phantomtor wird Realität

Die Partie zwischen 1899 Hoffenheim und Bayer Leverkusen wird trotz des Phantomtores von Stefan Kießling nicht neu angesetzt - das entschied das DFB-Sportgericht am Montag.

Frankfurt/Main. Aus dem Phantomtor von Stefan Kießling ist ein realer Treffer ganz im Geiste des Regelwerks geworden. Das Bundesligaspiel zwischen 1899 Hoffenheim und Bayer Leverkusen (1:2) wird nicht wiederholt, das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vermied die Konfrontation mit dem Weltverband FIFA nach einer 83 Minuten dauernden Verhandlung am Montag in Frankfurt/Main.

"Die Frage ist nicht, ob uns das Urteil unter sportlichen Gesichtspunkten gefällt oder nicht. Unter rechtlichen Gesichtspunkten gibt es aber keine Alternative", sagte der Vorsitzende Hans E. Lorenz zur Begründung seines Richterspruchs: "Es gibt keine Grundlage für den Einspruch. Die Tatsachenentscheidung war zwar falsch, sie ist aber unumstößlich. Die falsche Tatsachenentscheidung gehört zum System."

Das Gericht musste die Frage klären, ob es das Punktspiel zwischen Hoffenheim und Leverkusen vom 18. Oktober neu ansetzt oder nicht. Die Hoffenheimer hatten Einspruch gegen die Wertung der Partie eingelegt, weil der von Schiedsrichter Felix Brych (München) anerkannte Treffer des Leverkuseners Kießling (70.) eigentlich keiner war. Der Kopfball des Angreifers war seitlich durch ein Loch im Netz ins Tor gegangen.

Tatsachenentscheidung das höchste Gut

Im Grunde drehte sich alles um die Frage, ob die Tatsachenentscheidung des Unparteiischen endgültig ist oder nicht. Der Weltverband FIFA hatte schon im Vorfeld der Verhandlung erklärt, dass für sie nach wie vor die Tatsachenentscheidung eines der höchsten Güter ist. Die FIFA muss dem Sportgerichts-Urteil zustimmen, bevor es rechtskräftig wird.

Die Verhandlung ging unerwartet schnell über die Bühne. Die Beweisaufnahme war um 11.20 Uhr beendet, die Plädoyers der Beteiligten waren um 11.53 Uhr vorbei. Zu Beginn der Verhandlung machte Lorenz deutlich, dass sich das Gericht bei seinem Urteil nicht von der FIFA beeinflussen lassen werde. "Wir fällen keine Entscheidung, um der FIFA zu gefallen", sagte Lorenz: "Es gab keine offizielle Anfrage von uns bei der FIFA und auch keine offizielle Stellungnahme der FIFA."

Bei seinem Plädoyer wies Anton Nachreiner, der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses, den Einspruch der Hoffenheimer zurück. "Auch wenn einem das Herz bluten mag, hat hier eine Tatsachenentscheidung stattgefunden, die nicht revidierbar ist. Es bleibt kein Raum für eine Spielwiederholung, auch wenn das dem Gerechtigkeitsempfinden nicht unbedingt entsprechen mag", sagte der Jurist: "Es hat in der Geschichte der DFB-Rechtsprechung einige Urteile gegeben. Die Konsequenz war, dass die FIFA die Tür für Wiederholungsspiele total zugemacht hat."

Hoffenheims Anwalt Markus Schütz sah dies anders. "Will der deutsche Fußball wirklich, dass Bundesliga-Spiele durch solche Tore entschieden werden? Das ist mehr als eine falsche Tatsachenentscheidung. Dieses Tor kann weitreichende Folgen bis über die Saison hinaus haben", sagte Schütz: "Mit der Anerkennung solcher Phantomtore wird das Fußballspiel ad absurdum geführt."

Leverkusens Geschäftsführer Michael Schade und Bayer-Sportchef Rudi Völler verdeutlichten noch einmal, dass sie jedes Urteil akzeptieren werden, aus ihrer Sicht eine Wiederholung der letzten 20 Spielminuten aber die fairste Lösung wäre.

Brych von Reaktionen der Spieler beeinflusst

Brych gab bei seiner Aussage an, seine Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Tores seien bis zum Wiederanpfiff mehr oder weniger verflogen gewesen. "Ich hatte das Gefühl, dass der Ball von seiner Flugbahn her am Tor vorbeigeht. Dann habe ich den Ball aus dem Blick verloren, weil mir ein Spieler im Weg stand. Und dann sah ich den Ball im Netz. Die Reaktionen waren normal. Die Leverkusener haben sich gefreut, die Hoffenheimer haben sich geärgert. Meine Zweifel wurden deshalb immer weniger", sagte Brych.

Auch zur Rolle Kießlings nahm der Schiedsrichter Stellung. "Ich hatte vor dem Anstoß noch Kontakt mit Stefan Kießling. Er hat mir sinngemäß gesagt, dass er von der Flugbahn überrascht war. Er hat mir aber nicht gesagt, dass der Ball nicht im Tor war. Das hat mir keiner gesagt", sagte Brych, der vor dem Anstoß auch den Kontakt zu seinen Assistenen Stefan Lupp und Mark Borsch gesucht hatte.

Während Lupp aufgrund seines Blickwinkels dachte, der Ball wäre regulär im Tor gelandet, hatte Borsch wie Brych Zweifel. "Ich dachte, der Ball ist ans Außennetz gegangen. Aber alle haben wie nach einem Tor üblich reagiert", sagte der Assistent.

Die Aussagen Kießlings ("Es gab in den vergangenen Tagen Beschimpfungen jeglicher Art und Nachrichten unter der Gürtellinie") ähnelten den Einlassungen der Unparteiischen. "Ich habe den Ball Richtung Außennetz fliegen sehen. Mir war die Sicht aber so versperrt, dass ich den Einschlag nicht sehen konnte. Ich war überrascht, dass der Ball im Tor war. Die Mitspieler kamen aber zu mir und haben mir gratuliert", sagte der Stürmer: "Ich war unsicher, aber es war klar, dass der Ball im Tor war. Ich habe zum Schiedsrichter gesagt, dass ich nicht sagen kann, wie der Ball reinging."

Zuvor hatten zwei Hoffenheimer Platzwarte ausgesagt. Sie gaben an, dass das Netz von der Frauen-WM 2011 stammt und die Netze vor jedem Spiel kontrolliert werden. Der Zustand des "Corpus delicti" war allerdings im Laufe der Verhandlung kein entscheidendes Thema.

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