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Phantom-Tor: Verbände starten Mission Schadensbegrenzung

Die Verbände suchen in der Phantom-Tor-Causa nach einer Lösung. Eine Entscheidung zeichnet sich noch nicht ab. Die Einführung der Torlinien-Technik lehnte die DFL aber bereits ab.

Frankfurt/Main. Die FIFA berät, der DFB prüft, die DFL warnt: Am ersten Arbeitstag nach dem Phantom-Tor von Sinsheim ist bei den Verbänden die Mission Schadensbegrenzung angelaufen. Während die Funktionäre hinter den Kulissen alle Möglichkeiten ausloten, die Kuh vom Eis zu bringen, prasseln von zahlreichen Seiten Forderungen und Vorschläge auf die Beteiligten ein. Eine Entscheidung zeichnet sich aber noch nicht ab. Nach wie vor ist offen, ob das Spiel zwischen 1899 Hoffenheim und Bayer Leverkusen wiederholt wird oder nicht.

"Das Ende des Verfahrens ist für mich offen", sagte Liga-Präsident Reinhard Rauball: "Das Sportgericht hat eine sehr schwierige Situation zu lösen. Auch wenn wir ein Urteil fällen, muss die FIFA dem Urteil zustimmen." Fest steht nur, dass Felix Brych am Dienstag das Topspiel der Champions League (AC Mailand gegen den FC Barcelona) leiten und der Ruf nach einer schnellen Einführung der Torlinien-Technik vorerst ungehört verhallen wird.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) wird ihre Einstellung zu diesem Thema nicht grundlegend überdenken. "Wir sind in der DFL nicht gegen den technischen Fortschritt, aber wir sprechen hier über ein hochkomplexes System, das möglicherweise noch störanfällig ist. Eine Fehlertoleranzgrenze von drei Zentimetern, die die FIFA derzeit zulässt, ist für uns nicht annehmbar", sagte Geschäftsführer Andreas Rettig der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Bild. Rauball teilt diese Ansicht: "Eine Toleranzgrenze von drei Zentimetern können wir nicht akzeptieren."

Toleranzgrenze soll abgemindert werden

Rettig verwies zudem auf die unterschiedlichen Vorlieben der internationalen Verbände: Die Europäische Fußball-Union (UEFA) ist für das Torrichter-System, der Weltverband FIFA wird bei der WM 2014 in Brasilien die Torlinientechnik von GoalControl einsetzen. Laut Rettig sind auch andere wichtige Fragen noch nicht beantwortet. "Rüsten wir dafür nur die Stadien der ersten oder auch die der 2. Liga um? Nach welchen Kriterien soll der klassenübergreifende Pokalwettbewerb oder die Relegation über die Bühne gehen?", sagte der 50-Jährige.

Das "K.o.-Kriterium" für die DFL seien aber nicht finanzielle Erwägungen oder Schnittpunkte in nationalen Wettbewerben, "es sind die drei Zentimeter Toleranz, die wir nicht akzeptieren können. Erst, wenn diese Toleranz deutlich abgemindert wird, könnten wir uns dem technischen Oberschiedsrichter anvertrauen." Nach Informationen Rettigs soll diese Grenze im Februar oder März 2014 auf den Prüfstand kommen, dann wolle die DFL "gegebenenfalls neu entscheiden".

Sportrechtler des DFB prüfen Protest

Über die Entscheidung im aktuellen Fall brüten derzeit in erster Linie die Sportrechtler beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Sie prüfen den Protest der Hoffenheimer sowie die Stellungnahmen von Schiedsrichter Brych (München), der Leverkusener Beteiligten und des Kontrollausschusses. Voraussichtlich wird es in der kommenden Woche zu einer mündlichen Verhandlung vor dem Sportgericht kommen. Als Berufungsinstanzen kommen das Bundesgericht und das Schiedsgericht infrage. Darauf werden aber wohl nur die Hoffenheimer zurückgreifen, falls das Urteil nicht in ihrem Sinn fällt. Bayer-Sportdirektor Rudi Völler hat bereits erklärt, dass sein Klub jedes Urteil akzeptieren werde.

Was die juristische Auseinandersetzung angeht, räumt Sportrechtler Christoph Schickhardt der Argumentation der Hoffenheimer keine Chance ein. "Zweifel des Schiedsrichters auf dem Weg zur Entscheidung sind unerheblich", sagte der Jurist bei Sky Sport News HD. Hoffenheims Profifußball-Leiter Alexander Rosen hatte den Einspruch gegen die Spielwertung (1:2) mit den von Brych geäußerten Zweifeln an seiner Entscheidung begründet.

Drei Szenarien denkbar - Völlers Vorschlagen ausgeschlossen

Für Schickhardt ist klar, dass das Sportgericht nur drei mögliche Urteile fällen kann. "Entweder das Ergebnis bleibt oder das Spiel wird wiederholt oder es wird anders gewertet", sagte der Jurist. Den Vorschlag Völlers, das Spiel ab der fraglichen Szene in der 70. Minute wiederholen zu lassen, bezeichnete Schickhardt als "völlig ausgeschlossen".

Ein anderer Jurist, der frühere Verfassungsrichter Udo Steiner, hat im Streit um das weitere Vorgehen den Begriff der "Unerträglichkeit" eingeführt. "Man müsste sich fragen, ob ein Fall von Unerträglichkeit gegeben ist", sagte der Schiedsgerichts-Vorsitzende, bei dem der Fall in der letzten Instanz landen könnte. Steiner beruft sich auf ein Buch des früheren DFB-Chefanklägers Horst Hilpert. Darin schreibt Hilpert, dass von der Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters in Ausnahmefällen abgewichen werden kann, wenn diese Entscheidung "unerträglich" sei und das Fair-Play-Prinzip die Korrektur des Fehlers dringend gebiete.

Ex-Schiri Heynemann glaubt an Wiederholungsspiel

Für den früheren WM-Schiedsrichter Bernd Heynemann ist dieser Ausnahmefall gegeben. Heynemann glaubt als einer von wenigen an die Flexibilität der FIFA und geht von einem Wiederholungsspiel aus. "Ich denke, dass die FIFA im Fall Hoffenheim sagen wird, dass man nicht immer nur auf die Tatsachenentscheidung pochen kann. Es steht ja im Regelwerk, dass es zu einer Spielwiederholung kommen kann, wenn der Schiedsrichter eine Fehlentscheidung getroffen hat. Ich bin mir sicher, dass der DFB deshalb auch so entscheiden wird,", sagte Heynemann der Welt.

Der Leverkusener Stefan Kießling hatte den Ball am Freitag beim Punktspiel zwischen Hoffenheim und Leverkusen in der 70. Minute neben den Pfosten geköpft, durch ein Loch im Netz landete der Ball aber dennoch im Tor. Das komplette Schiedsrichter-Gespann um Brych übersah dies und gab den Treffer, der keiner war.

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