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Lucien Favre und Jos Luhukay bestechen durch besondere taktische Ideen, mit denen sie ihre Mannschaften zum Erfolg bringen möchten. Dies wurde an diesem Spieltag deutlich.

Berlin. Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach lieferten sich am Samstagabend einen taktischen Schlagabtausch mit dem besseren Ende für die Berliner, die durch den 1:0-Sieg nun in der Bundesliga auf Platz vier kletterten.

Paarbildung bei den Gästen

Beide Trainer hatten für diese Partie klare Ideen, die ihre Mannschaften vor allem in der ersten Spielhälfte sehr pedantisch verfolgten. Lucien Favre präferiert weiterhin seine eigene Interpretation einer 4-4-2-Grundordnung und setzte auch in Berlin auf zwei Zentralblöcke und die pendelden Außenbahnpärchen. Dabei agieren die beiden Spieler vor der Abwehr, in diesem Fall waren es Granit Xhaka und Christoph Kramer, ohne eine Sechser-Achter-Zuordnung, sondern stehen quasi gleichberechtigt auf einer Höhe und verschieben auch so kollektiv. Erst in Drangphasen oder Druckmomenten tendiert Xhaka dazu, sich tiefer fallen zu lassen.

Gegen die Hertha ergab sich dieses übliche Bild. Der Sechserblock sowie die beiden Neuner verschieben je nach Spielsituation nach vorn oder nach hinten und werden jeweils von zwei Spielern flankiert. Bei eigenem Ballbesitz rückten so in der ersten Halbzeit die beiden Außenverteidiger auf die Höhe von Xhaka und Kramer, während Juan Arango und Patrick Herrmann verstärkt breit zu Kruse und Raffael stehen.

In kurzen Ballbesitzphasen ließ Favre dieses Schema auch in der ersten Halbzeit in Berlin befolgen. Erst in längeren Dominanzmomenten wurden Max Kruse und Raffael fluider, wichen auf die Flügel aus und tauschten mit den Flügelspielern die Positionen. Für jeden Gegner bedeutet dieses relativ strikte Linienspiel, die Zwischenräume zu nutzen oder durch Mischformen den Zugriff zu erschweren.

Hertha fokussiert auf das Zentrum

Und genau das versuchte Jos Luhukay mit seiner Mannschaft. Vom sehr variablen 4-2-3-1 zu Saisonbeginn, was aufgrund der Halbraumbewegungen Hajime Hosogais häufig zu einer Mittelfeldraute wurde, ist er mittlerweile abgerückt. Dies hatte auch mit der Aufnahme Ronnys in die Startformation zu tun. Im Gegensatz zu Alexander Baumjohann oder auch den Offensivspielern Änis Ben-Hatira und Sami Allagui bevorzugt der Brasilianer ein verstärkt positionsorientiertes Spiel ohne großes Ausbrechen aus der Grundformation. Gegen Gladbach saß allerdings Ronny nur auf der Bank und Luhukay gab einem fluiden Dreieck im zentralen Mittefeld eine Chance. Von der Grundausrichtung her stellte sich Hosogai als Sechser vor die Abwehr, während Per Skjelbred und Levan Kobiashvili als Achterpärchen fungierten. 

Bei eigenem Ballbesitz ergab sich diese Konstellation auch. Gegen den Ball agierte allerdings Skjelbred zuerst als Pressingpartner von Adrian Ramos und lief die spielaufbauenden Innenverteidiger an. Mit zunehmender Spielzeit zog sich der Norweger ein Stück weiter zurück und beteiligte sich mit seinen Nebenleuten an der Jagd auf die jeweiligen Ballführenden. Dadurch hatten die Herthaner häufiger in der Zentrale Überzahlsituationen gegen Xhaka und Kramer. In diesem Fall wurde der Borussia die äußerst disziplinierte Vorgehensweise in der Grundformation zum Verhängnis. Erst durch die Fallbewegungen von Kruse und Raffael entwickelte sich ein intensiver Schlagabtausch im zweiten Spieldrittel, was wiederum Gladbach den Druck hinter der Berliner Sechserkette nahm, da wenigstens ein Neuner tiefer stand und bei Umschaltsituationen längere Wege zu gehen hatte.

Gladbach findet keine Mittel

Diese taktischen Feinheiten ließen das Spiel für viele Zuschauer langweilig erscheinen, dabei war gerade die erste Hälfte ein Lehrstück für zwei Trainer, die sich mit ihren Vorstellungen gegenseitig ausschalten wollten. Dass beide Mannschaften dies nicht über neunzig Minuten durchhalten konnten, erscheint fast zwangsläufig und dass eine Standardsituation die Partie schlussendlich entschied, wirkt gleichfalls schlüssig.

Das Kopfballtor von Ramos nach 36 Minuten änderte natürlich den Spielverlauf. Die Hertha konnte sich daraufhin noch mehr auf Reaktionen gegen den Ball konzentrieren. Favre hingegen ließ zur Halbzeit seine Blockbildung fallen und Xhaka als tieferen Spielmacher agieren. Sofern er abkippte, standen die Innenverteidiger breiter und schoben automatisch die beiden Außenverteidiger nach vorn. Allerdings büßte dadurch die Mannschaft an Kompaktheit ein. Kramer stand höher, konnte aber seine exzellenten Eigenschaften als laufstarker Box-to-Box-Player nur unzureichend einbringen. Es war in vielen Szenen für die Hertha vergleichsweise leicht, Kramer und einen zurückfallenden Neuner abzudecken. Hinzu kam die augenscheinliche Wirkungslosigkeit von Arango und Herrmann, die selten die richtigen Räume fanden, um als Anspieloptionen zu fungieren und den Angriffsvortrag weiterzuführen. Außerdem zog sich die Herthaner Viererkette weiter zurück und verengte sich dadurch, wobei gerade Johannes van den Bergh in vielen Defensivzweikämpfen auf seiner linken Seite brillierte.

Dadurch ergab sich auch Mitte der zweiten Halbzeit eine Zentrumsfokussierung bei den Gästen. Außerdem wurde ihnen zum Verhängnis, dass Kruse und Raffael keine Wandspieler sind, die man mit linienüberbrückenden, langen Pässen bespielen kann und die dann die Bälle festmachen würden. Favre stellte folglich um und brachte in der 72. Minute Luuk de Jong und Amin Younes ins Spiel. Dadurch löste der Schweizer Trainer nun vollends die Doppelsechs auf und positionierte lediglich Xhaka als zentralen Verbindungsspieler. Vor ihm stellten sich Younes, Raffael und der ebenfalls eingewechselte Branimir Hrgota auf. Luuk de Jong schob sich zwischen die gegnerischen Innenverteidiger, während Kruse seine Vertikalität ablegte und mit horizontalen Bewegungen im Schatten de Jongs agierte.

Trotzdem blieben auch diese Maßnahmen im Endeffekt ohne Erfolg. Die Herthaner konnten in der Mehrheit der Situationen die Räume gut besetzen, Passwege attackieren und das Gladbacher Spiel war insgesamt ohne überraschende Momente, was es für die Berliner Linien leichter machte. Luhukay kann auf alle Fälle mit der Umsetzung seiner taktischen Vorgaben zufrieden sein. Favre muss nach dem Heimauftritt gegen Dortmund, wo sein Team phasenweise komplett dominiert wurde, und dem Auswärtsspiel in Berlin überlegen, inwieweit er doch vertikal gestaffelter spielen lässt und beispielsweise einem höher stehenden Zielspieler eine Chance gibt.

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