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Von links nach rechts und in die Mitte. Gelingt Pep Guardiola mit Philipp Lahm im Mittelfeld lediglich ein Experiment oder ist das Ganze gar ein Modell mit Zukunft?

Von Philipp Nagel

Frauen kennen das Problem. Der Kleiderschrank ist rappelvoll. Fast alles ist in doppelter Ausführung da. Doch wenn es darum geht, was man (Frau) heute anziehen soll – herrscht völlige Ratlosigkeit. Bayerns Trainer Pep Guardiola hat auch so einen Kleiderschrank.

Zwar nicht zu Hause - wobei er sicherlich auch mehr als nur zwei elegante Maßanzüge besitzt - sondern an der Säbener Straße. Gemeint ist sein 500 Millionen Euro teurer Kader-Kleiderschrank gefüllt mit dem Besten und Edelsten was der Markt hergibt. Jede Woche muss er sich mindestens einmal entscheiden welche elf Teile er auswählt. Natürlich hat auch Pep Guardiola ein Lieblingsstück. Eines, welches sich wunderbar mit den anderen kombinieren lässt. Quasi ein Universal-Kleidungsstück – passend zu jedem Anlass. Dieses Kleidungsstück trägt den Namen: Philipp Lahm!

Links oder rechts oder in der Mitte?

Wenn es bei Philipp Lahm um positionsbezogene Diskussionen ging – dann meist um die Frage ob er besser auf rechts oder links spielt. Immer drehte es sich also um die Außenposition in der Abwehr. Doch in dieser Saison diskutieren Fans und Experten darüber, ob Philipp Lahm auch ein Sechser ist.

Es geht plötzlich um die Position VOR der Abwehr. In der vergangenen Spielzeit war dies der angestammte Platz von Bastian Schweinsteiger und Javi Martinez. Die sogenannte Doppel-Sechs hatte maßgeblichen Anteil am Triple-Gewinn des FC Bayern. Unter Pep Guardiola spielen die Bayern dieses System nicht mehr. Wie bei siamesischen Zwillingen durchtrennte der Katalane dieses Gebilde – die Folge: künftig gibt es nur noch eine "6" beim FC Bayern!
Nur noch einen Spieler, der als Bindeglied zwischen Abwehr und Mittelfeld fungiert, nur noch einen, der die Schaltzentrale der Mannschaft besetzt.

LAHMS LEISTUNGSDATEN IN DER BUNDESLIGA
Einsätze
Ballkontakte
Gelbe Karten
Fouls
Angekommene Pässe
Gewonnene Zweikämpfe
Torvorlagen
7
535
1
1
91,4%
59,6%
2
Bereits in der Saisonvorbereitung zeigte sich, mit wem Trainer Pep Guardiola diese so wichtige Position besetzen möchte. Seine Wahl fiel auf Kapitän Philipp Lahm – den er als intelligentesten Spieler bezeichnete, den er in seiner Karriere je trainiert habe.

Während viele Fans und Experten diese Rochade als kleines Experiment verbuchten, welches wohl nur der Verletzung von Bastian Schweinsteiger geschuldet war, gefiel Guardiola diese Idee immer mehr. Er sah darin einen genialen Schachzug, um sein geliebtes Offensivspiel noch effizienter zu gestalten. Als Erfinder der „Lahmschen 6“ darf er sich dennoch nicht feiern lassen.

Schon unter Löw im Mittelfeld

Bereits am 22. August 2007 ließ ein gewisser Joachim Löw Lahm in der Mittelfeldzentrale spielen. Und zwar beim 2:1 Erfolg der Nationalmannschaft gegen England. Auch 2011 wurde Lahm (mittlerweile Kapitän) gegen Aserbeidschan auf diese Position berufen. Auch der Bundestrainer erkannte früh, welche Eigenschaften Lahm, trotz seiner geringen Körpergröße, für das defensive Mittelfeld mitbringt: Spielintelligenz, Übersicht, Passkontrolle und die Tatsache, dass er so gut wie immer ohne Fouls auskommt.

Im Champions-League Auftakt Match gegen Moskau brachte Lahm zum Beispiel 95 Prozent seiner 108 Pässe an den eigenen Mann – ein herausragender Wert.

Guardiola erklärte unlängst: „Philipp spielt jedes Mal unglaublich auf der 6.“ Er sei sogar eine Alternative, „wenn alle fit sind.“ Vielleicht sei dies eine riskante Entscheidung. Aber er sei hier, "um diese Entscheidungen zu treffen", so Guardiola weiter.

Lahm auf den Spuren Messis
LOB VOM STARCOACH


„Wenn ich ihm morgen sagen würde: 'Spiele Stürmer', wäre er einer der besten Stürmer Europas, weil er ein intelligenter Spieler ist.“

- Pep Guardiola

Lahm wäre nicht der erste Spieler, der unter Guardiola eine Umschulung erhält. Der prominenteste Spieler, dem dies widerfuhr ist sicher Lionel Messi. Auf ihn richtete Guardiola in Barcelona sogar gleich das ganze System aus.
Der Weltstar war einst als Flügelspieler ausgebildet worden – Guardiola machte aus ihm eine "falsche 9". Möglicherweise wiederholt er selbiges bei den Bayern mit Mario Götze.

Doch zurück zu Lahm. Während ein Großteil der Fans die Berufung Ihres Kapitäns ins defensive Mittelfeld eher kritisch sehen, schwärmen die Mannschaftskollegen bereits in den höchsten Tönen. Auch ihnen ist nicht verborgen geblieben, dass Lahm eine sehr gute Antizipationsfähigkeit besitzt und ein Meister des Kurzpassspiels ist. Beides weitere Eigenschaften, die essentiell sind als moderner Sechser. Einzig die fehlende Kopfballstärke und die fehlende Erfahrung sprechen gegen eine weitere Fortsetzung dieses Positionstauschs.

Rückkehr auf die Außenbahn bleibt wahrscheinlich

Einige Fans stören sich im Moment vor allem daran, dass auf Lahms alter Position kein adäquater Nachfolger spielt. Zwar absolviert Rafinha bislang eine sehr ordentliche Saison, die Souveränität eines Lahms erreicht er dennoch nicht.

Und genau hier liegt der Hund begraben. Im Mittelfeld hätten die Bayern mit Bastian Schweinsteiger einen nahezu ähnlich starken Spieler. Rechtsaußen wäre Lahm die unangefochtene 1a-Lösung.

Wahrscheinlich ist also, dass Guardiola die Variante mit Lahm im Mittelfeld immer wieder als taktische Alternative heranziehen wird. Eine Dauerlösung wäre schwer vorstellbar, allein weil Rafinha nicht das Weltklasseformat Lahms hat.
Im defensiven Mittelfeld hätte Guardiola mit Schweinsteiger, Martinez, Kroos und auch Thiago Alcantara durchaus mehr herausragende  Möglichkeiten.

Vielleicht kommt aber alles sogar ganz anders. Auf der Abschluss-Pressekonferenz vor dem Champions-League-Spiel gegen Manchester City sagte Guardiola über Lahm: „Wenn ich ihm morgen sagen würde, spiele Stürmer, wäre er einer der besten Stürmer Europas, weil er ein intelligenter Spieler ist.“

Bei so viel Lob kann sich Philipp Lahm also sicher sein, immer irgendwo ein Platz im Team zu finden. Er ist das Kleidungsstück, das zu allem passt.

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