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An Herthas Ronny scheiden sich nach wie vor die Geister. Gegen Stuttgart feierte der stille Brasilianer sein Startelfdebüt und deutete sein Potenzial an, den Skeptikern zum Trotz

Aus Berlin berichtet Martin Ernst

Natürlich wurde Jos Luhukay nach der Niederlage von Hertha BSC gegen den VfB Stuttgart auch zu Ronny befragt. "War er der erhoffte Spielmacher?", wollte ein Journalist vom Berliner Trainer wissen. Fragen zum Brasilianer sind für den Niederländer Routine. Vermutlich deshalb klang Luhukay gelassen als er antwortete: "Wir gewinnen und verlieren zusammen. Stuttgart hat mit zwei kontrollierenden Sechsern gespielt, da war für Ronny nicht viel Raum."

An Ronny Heberson Furtado de Araujo scheiden sich nach wie vor die Geister, auch wenn der stille Techniker im letzten Jahr wichtig wie noch nie war. Viele Beobachter attestieren dem kleinen Bruder von Rafael aber weder die physische Wettbewerbsfähigkeit, noch die nötige Mentalität für das Oberhaus. Kaum eine Frage beschäftigt die Fussballunteressierten in der Hauptstadt daher so sehr, wie die, ob der 27-Jährige sein Niveau halten kann. 

Als Luhukay Ronny vor Saisonbeginn wegen schlechter Konditionswerte anzählte, schien sich die Geschichte zu wiederholen. Bereits Markus Babbel hatte ihm vor zwei Jahren wegen Fitnessdefizits nach dem Urlaub in Fortaleza eine Denkpause verpasst. In Herthas Abstiegssaison kam Ronny auf lediglich drei Startelfeinsätze in der höchsten Spielklasse. Diesmal sollen es mehr werden, allen Kritikern zum Trotz. "Ich bin reifer geworden, 2011 ist lange her", so Ronny.

Von Fortaleza nach Berlin: Futsal und himmlischer Beistand

Unbestritten, selbst unter größten Skeptikern, sind seine exzellente Ballbehandlung und sein begnadeter linker Fuß. "Eine Gabe Gottes", sagt Ronny, der streng gläubig ist und seine Treffer stets mit nach oben gestreckten Händen feiert. Zum himmlischen Beistand kommt die fussballerische Sozialisation, denn wie sein Bruder Rafael begann auch Ronny mit Futsal, der technisch anspruchsvolleren Hallen-Variante.

"Als ich klein war, habe ich fast nur Futsal gespielt. Es ist sehr gut für die Technik, das Passspiel und den Schuss", erzählte Ronny exklusiv gegenüber Goal. Wenn man den 1,75 Meter großen Mittelfeldmann sieht, wie er Situationen auf engstem Raum spielerisch löst, den Ball stets eng am Fuß, erkennt einen ebenso exzellenten Techniker wie seinen ein Jahr älteren Bruder. Und ähnlich wie Rafael wagte auch Ronny den Sprung nach Europa.

Manchester City, Eindhoven und PSG klopften an, doch Ronnys Weg führte ihn 2005 von den Corinthians zu Sporting Lissabon, wo er aber weniger als Linksverteidiger oder Stammspieler in Erinnerung blieb, als durch ein Freistoßtor. Sein Schuss im Spiel gegen Naval 2006 gehört mit rund 220 km/h wohl zu den schnellsten der Geschichte. Ronnys Spitzname in Portugal: "Homembomba", die menschliche Bombe. 2011 folgte die Bombe ihrem Bruder nach Berlin.



Auch hier blieb Ronny lange außen vor. Erst als Hertha abstieg, Luhukay kam und Rafael zu Dinamo Kiew ging, war sein Moment gekommen. Zugute kam dem Techniker auch, dass Luhukay ihn in die offensive Mitte auf die 10 zog, aber auch mal tiefer als Sechser oder Achter agieren ließ. Ronny selbst bevorzugt die Position hinter der einzigen Spitze Ramos: "Direkt hinter dem Stürmer, fühle ich mich gut“, verriet er Goal.  

Berlin grübelt: Kann Ronny auch in der Bundesliga überzeugen?

Was folgte war die wohl erfolgreichste Phase seiner Karriere: Mit 18 Toren und 14 Vorlagen waren Ronnys linke Klebe und seine Spielintelligenz Garanten des direkten Wiederaufstiegs. Der Kicker wählte ihn in die Elf der Saison in Liga zwei. Der Knoten schien geplatzt. Als er im Sommer bis 2017 verlängerte, feierte die Hertha einen kleinen Medien-Coup: Die Nachricht wurde zuerst im Olympiastadion vor den Fans verkündet, noch bevor die Journalisten informiert wurden.

Dann kam der Sommerurlaub und mit ihm ein fast schon übliches Spielchen. Diesmal bemängelte Luhukay, der von seinen Spielern viel Tempo und Laufarbeit im Umschaltspiel und im Spiel gegen den Ball verlangt, die körperliche Verfassung. Die Berliner ergriffen prophylaktische Maßnahmen: "Im kommenden Winter wird er nicht nach Brasilien reisen. Nur so können wir sicher sein, dass er seine Fitness in der Winterpause nicht riskiert", sagte Ronnys Berater Dino Lamberti der Bild.

Als Joker konnte Ronny dennoch seine ersten beiden Bundesligatreffer erzielen. Alexander Baumjohanns Kreuzbandriss hat ihn gegen Stuttgart erstmals in die Startelf bugsiert, auch weil er mittlerweile in puncto Fitness zugelegt hat. "Anders als in der Vorbereitung habe ich bei der Aufstellung von Ronny nun ein gutes Gewissen", begründete Jos Luhukay im Kicker seine Entscheidung, die sich mitnichten als Fehler erwies. Neben VfB-Antreiber Christian Gentner oder Hajime Hosogai  gehörte Ronny zu den besten Feldspielern.
 
Ronnys Vereinsstatistik für Hertha BSC
70 Spiele 20 Tore
18 Assists
Die Statistik verzeichnete eine Passquote von 84 Prozent, 72 Ballkontakte und sieben gelungene Dribblings, soviele wie kein anderer Spieler auf dem Platz. Zwei seiner Ecken landeten zudem punktgenau auf dem Kopf von Abwehrmann Brooks, der an Ullreich scheiterte. Für den VfB Grund genug, ihm in der zweiten Halbzeit einen Kettenhund an die Seite zu stellen.

"Es war nicht einfach für Ronny, Kvist und Gentner haben ihn abwechselnd bespielt, Stuttgart hat in der Mitte wenig Räume gelassen“, stellte Luhukay später fest, zeigte sich mit der Leistung seines Kreativkopfes als agiler Ballverteiler aber zufrieden: "Es lag heute nicht an ihm."

"Wir haben sehr gut gespielt"

Spielerisch zeigte sich die 'Alte Dame' im Mittelfeld gegenüber dem stets ambitionierten VfB wesentlich ausgereifter: "Wir haben sehr gut gespielt. Aber Stuttgart hat das gut gemacht und auf Ergebnis gespielt. Nun müssen wir weiter hart arbeiten", erklärte Ronny nach dem 0:1.  

Seinen Platz in der Startelf will er so schnell nicht wieder hergeben: "Ich werde unter der Woche daraufhin arbeiten, um wieder von Anfang an zu spielen." Viel Grund, ihn in Freiburg wieder auf die Bank zu schicken, hat er Luhukay am Freitag nicht gegeben. Zumal Neuzugang Tolga Cigerci im Mittelfeld trotz passabler Leistung noch Eingewöhnung brauchen könnte.

Allerdings dürften nicht alle kommenden Gegner so passiv und mit sich selbst beschäftigt sein wie der VfB vergangenen Freitag. Und dann könnte auf Luhukay schon die nächste Frage warten.

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