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Bayern München und seine Südkurvenfans. Eine Liebesgeschichte wird es nicht mehr – jüngste Äußerungen von Rummenigge machen aber Hoffnung auf eine Entspannung des Verhältnisses.

BERICHT
Von Philipp Nagel

"Für unsere scheiß Stimmung ist doch der Verein ganz allein verantwortlich." In Anlehnung an den Kult-Ausraster von Uli Hoeneß auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München im Jahr 2007 hat sich für viele stimmungsbereite FCB-Fans das Blatt grundlegend geändert. Für sie ist die aktuelle, nennen wir sie "schwierige" Situation in der Südkurve hausgemacht.

Rückblick: November 2007 - Uli Hoeneß, damals noch Manager beim FC Bayern, holt aus zum bis dato wohl bekanntesten Ausraster seiner Karriere. Der deutsche Rekordmeister hat damals zwar seit zwei Jahren ein schmuckes Stadion, aber kaum Stimmung während seiner Heimspiele. Das gefällt weder Fans noch Verein und für Hoeneß sind die "Schuldigen" schnell gefunden. Es ist die eigene Anhängerschaft. "Eure Scheißstimmung, da seid ihr doch dafür verantwortlich und nicht wir", grantelt er damals, als altgediente Anhänger moserten, dass zu viele "Eventfans" bei FCB-Partien die Stimmung hemmten.

Schuldfrage offen

Heute, knapp sechs Jahre später, ist das Problem dasselbe. Die Stimmung in der Allianz-Arena ist nicht nur mau. Sie ist oft sogar mau-mau. Doch anders als damals ist die "Schuldfrage" nicht so einfach zu beantworten. Die aktiven Fans schieben den Schwarzen Peter jedenfalls dem Verein zu. Kein Dialog, kein Verständnis, Pauschalbestrafung, inklusive Kündigung von 400 Auswärtsdauerkarten sowie die Südkurvenproblematik aufgrund des beschränkten Zugangs durch den Einbau von Drehkreuzen. Da kann einem als stimmungsbereiter Fan schon mal der Spaß am Singen und Anfeuern vergehen. 

Doch warum lässt der FC Bayern dies zu - wo er doch ganz genau weiß, dass die Stimmung in der Arena maßgeblich von der Südkurve und seinen knapp 600 stimmungsbereiten Fans abhängt? Hierzu hilft vielleicht ein Blick ins Lexikon: In der Psychologie wird Stimmung als eine Form des angenehmen oder unangenehmen Fühlens bezeichnet. Demnach herrscht zwischen dem FC Bayern München und seinen Südkurvenfans Harmonie auf Gefrierstatus und das wirkt sich eben hörbar auf die Stimmung beider Parteien aus. Aber eben nicht erst seit dem Start in die neue Saison.

Rummenigge geht auf die Fans zu

Immerhin: Bayern-Boss Rummenigge bewegt sich auf die Fans zu. Im aktuellen Bayern-Magazin, welches am Mittwoch an alle Mitglieder verschickt wurde, schreibt er im Vorwort: "Ich bedaure sehr, dass es im Verhältnis des FC Bayern zu einem Teil der Fanszene derzeit Probleme gibt. Ich möchte betonen, dass keine der Maßnahmen, die getroffen wurden, eine Schikane darstellen soll."

Rummenigge reicht den Fans sogar die Hand. Weiter schreibt er: "Sofern uns das Kreisverwaltungsreferat (als zuständige Behörde) die Genehmigung dafür erteilt, starten wir – mit Hilfe der neuen Drehkreuze - bei einem Bundesligaspiel im Herbst 2013 einen Testlauf für einen freien Blockzugang im Unterrang der Südkurve. Die Auswärtsdauerkarte werden wir ab sofort auch für die UEFA-Klubwettbewerbe und den DFB-Pokal - mit persönlicher Abholung vor Ort - anbieten."

Vorwürfe, der FC Bayern wolle bewusst die aktive Fanszene zerschlagen, damit sich eine neue, friedvollere, weniger aufmüpfigere Fankultur in der Südkurve entwickelt, sind also nicht richtig.

"Und schon wieder keine Stimmung FCB": Unser Interview mit dem "Club Nr. 12"

Die Zugangskontrollen in Form der Drehkreuze vor der Südkurve musste der FC Bayern allein aus sicherheitsrelevanten Gründen installieren. Aufgrund der bis dato gängigen Praxis, sich in die Kurve zu schmuggeln, hielten sich dort nach Angaben des Vereins immer mehr Leute als erlaubt auf. Nachvollziehbar, dass ein Verein hier reagieren muss.

Bayern musste handeln

Rummenigge beschreibt es im Bayern-Magazin wie folgt: "Wir setzen lediglich Vorgaben aus der Gesetzgebung um. Es mag allerdings sein, dass dies für die Betroffenen nicht immer verständlich wirkt. Aber: Wir haben die Verantwortung, gegen Gewalt, Rassismus und Pyrotechnik vorzugehen."

Die Grenze zwischen Schikane und Pflichtbewusstsein mag für den ein oder anderen schwammig sein – Fakt ist: Die Bayern mussten reagieren. Die Wurzel des Übels liegt viel tiefer.

Wie ein Ehepaar, das sich langsam auseinandergelebt hat, so begegnet den Beobachtern die anhaltende Posse zwischen dem FC Bayern und seinen treuen Südkurvenfans. Doch es ist nicht etwa das "verflixte siebte Jahr", das die Ehe allmählich die Isar runter gehen lässt. Es ist vielmehr, wie so oft auch im wahren Leben, die mangelnde Kommunikation. Verletzter Stolz, Eitelkeiten und die Unnachgiebigkeit, gewisse Dinge einfach mal gut sein zu lassen, haben dazu geführt, dass Deutschlands Vorzeigeklub keine Vorzeigefans hat. Zumindest, was die Stimmung bei Heimspielen angeht.

Noch heute ärgert sich der Verein über die Proteste gegen Torhüter Manuel Neuer und auch Plakate wie "Hoeneß, du Lügner" haben gewiss nicht dazu geführt, dass sich der FC Bayern auf seine Fans zubewegt. Von der elendigen Pyrotechnikproblematik ganz zu schweigen. Der Verein zahlt für Vergehen dieser Art wie zum Beispiel bei den Endspielen um Champions League und DFB-Pokal horrende Strafen. Geld, das auch ein reicher Klub wie der FC Bayern lieber in andere Dinge stecken würde.

Ausbaufähige Fanbetreuung

Wer weiß - vielleicht ja sogar in den einen oder anderen Fanbetreuer. Gemessen an seiner Mitgliederzahl ist der FC Bayern nämlich tatsächlich der Verein unter den 18 Bundesligisten mit den wenigsten Fanbetreuern.  Eine Situation, die für viele der aktiven Anhänger schlicht inakzeptabel ist. Sie wünschen sich oft nicht viel mehr als gehört zu werden und ihre Ideen einzubringen.

Doch nicht erst seit Rummenigges Vorwort gibt es leise Hoffnung. Bereits letzten Samstag wurden zaghafte Versuche eines Dialogs gestartet. In Frankfurt kam es auf Initiative des "Club Nr. 12", einer Vereinigung die die Interessen der aktiven Fans vertritt, zu einer Versammlung der bisherigen Auswärtsdauerkartenbesitzer. Wie Goal weiß, ging es bei diesem Treffen vor allem um die Kündigung der rund 400 Auswärtsdauerkarten für Champions League und die DFB-Pokal-Partien. Grund für die Kündigung: Pyrotechnik bei den Finalspielen in Wembley und Berlin. 

Für den Club Nr. 12 ist es nicht hinnehmbar, dass Viele für das Vergehen Einzelner bestraft werden. Zumal es sich bei den Betroffenen um sogenannte "Allesfahrer" handelt.

Also Fans, die mit oder besser gesagt für den Verein in die entlegensten Winkel Europas fahren, um ihn dort zu unterstützen.

Fairerweise muss man aber sagen, dass dem FC Bayern auch die Hände gebunden sind. Die oft vermummten Zünder sind nicht zu identifizieren, also muss ein Zeichen gesetzt werden.

 "Intensiverer Austausch" angeboten

Auch hierzu nimmt der Bayern-Boss im Magazin Stellung: "Wegen des leidigen Themas Pyrotechnik haben wir von der UEFA bereits die gelbe Karte erhalten, und nach der gelben folgt bekanntlich die gelb-rote - die eine Platzsperre bedeuten kann. Solche drastischen Maßnahmen müssen wir dem Verein und der riesigen Mehrheit unserer friedlichen Fans ersparen. Ich bin aber gerne bereit, einen intensiveren Austausch mit der Fanszene zu betreiben - zum Wohl des FC Bayern, der uns allen am Herzen liegt."

Das Treffen zu dieser Thematik im Rahmen des Eintracht-Spiels am Wochenende wurde als erster Schritt in die richtige Richtung gewertet. Für den FCB nahm ein Fanbeauftrager an dem Meeting teil, der allerdings nicht mit großen Kompetenzen ausgestattet war.

Dennoch hoffen die Anhänger, dass er seine Chefs an der Säbener Straße nun zu mehr Kompromissen animieren kann. Allein durch Rummenigges Worte sicher kein Wunschdenken. 

Das jüngste Treffen fand am Montag statt. Bei einem Regionaltreffen von Fanclubvorsitzenden aus dem Großraum München war zwar ebenfalls ein Fanbetreuer der Bayern vor Ort – doch die Stimmung war danach nicht viel besser als vorher. Denn auch dieser konnte die Fragen und Anliegen der Fans nur unzureichend beantworten. Trotz der beiden zaghaften Annäherungsversuche herrscht weiterhin eine Mischung aus Resignation, Aufgebrachtheit, Hoffnung und Unverständnis.

Mut macht immerhin die Tatsache, dass beide Parteien wieder miteinander kommunizieren – vor allem aber, dass der Südkurven-Konflikt endlich ins Bewusstsein der Bosse gelangt ist.

Auswärtsspiel gegen Nürnberg?

Als besonders prekär wird aber das kommende Heimspiel am Samstag gegen den 1. FC Nürnberg gesehen. Auch wenn es keiner zugeben mag. Viele Bayern-Fans haben Sorge vor einem Auswärtsspiel im eigenen Stadion. Aufgrund der kurzen Anfahrt ist damit zu rechnen, dass weit mehr gegnerische Fans im Stadion sein werden, als es noch gegen Gladbach der Fall war. Schon damals waren aber die mitgereisten Fans akustisch in der Überzahl.

Auch der Verein weiß um diese Situation. Angeblich hat der Klub daher auch Kontakt zu anderen Fanklubs gesucht, um dort für Stimmung am Samstag zu werben. Quasi: Organisiertes kaschieren.

Sollte in der Arena am Samstag aber stimmungstechnisch wieder tote Hose herrschen, könnte dies zu einer weiteren Entfremdung des Ehepaares FC Bayern und der aktiven Fanszene führen.

Es sei denn, die beiden Konfliktpartien setzten sich endlich für konstruktive Gespräche an einen Tisch.

"In guten wie in schlechten Zeiten" – an diesen Schwur sollten sich Verein wie Fans öfter mal erinnern.

Karl-Heinz Rummenigge hat es getan!

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