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Die Nervosität steigt, die Fingernägel werden kürzer: Die Bundesliga startet in ihre neue Saison und wir machen den Check! Wie gut ist Hertha BSC gerüstet?

Berlin. Gekommen um zu bleiben. Hertha BSC Berlin ist als Meister der 2. Bundesliga mit einem Punkterekord von 76 Zählern souverän in die 1. Bundesliga aufgestiegen. Die Hauptstädter blieben zwischenzeitlich 21 Spiele in Serie ungeschlagen und waren in der abgelaufenen Spielzeit die einzige Mannschaft der ersten beiden Ligen ohne Heimniederlage. Jos Luhukay hat wieder Ruhe in den Verein gebracht. Der holländische Trainer hat mit seiner sachlichen und unaufgeregten Art Hertha und die Berliner Erwartungen wieder geerdet. Das primäre Ziel Klassenerhalt soll mit vier erfahrenen Neuzugängen und einem für einen Aufsteiger ungewöhnlich breiten Kader erreicht werden. Die erste Runde im DFB-Pokal wurde - entgegen der Tradition - schon einmal überstanden.


FORM & VORBEREITUNG

Das erste Pflichtspiel begann wie so oft im Pokal mit einem Rückschlag. Nach nur vier Minuten lagen die Blau-Weißen beim Viertligisten VfR Neumünster 0:1 zurück. Änis Ben-Hatira sorgte zwar mit zwei Toren vor der Pause für die zwischenzeitliche Führung, aber am Ende gewann man durch einen Elfmeter in der 119. Minute glücklichen mit 3:2. Blamage abgewendet. "Wir sind froh, dass wir eine Runde weiter sind. Der Liebe Gott hat uns die zweite Runde geschenkt", sagte Luhukay nach der Partie.

Dabei lief die Vorbereitung für Hertha eigentlich gut. Die ersten vier Testspiele gegen unterklassige Gegner wurden souverän gewonnen. Die darauf folgenden Tests gegen spielstärkere Teams wurden ebenfalls erfolgreich bestritten (1:0 gegen RB Leipzig, 2:0 gegen Wisla Krakau und 2:1 gegen US Palermo). Das letzte Spiel gegen RAD Belgrad endete 1:1, damit blieb man ungeschlagen: Acht Siege und ein Unentschieden. Mit einem Torverhältnis von 33:3 waren die Partien, auch wenn einige "Aufbaugegner" dabei waren, vielversprechend.

Für Aufregung in der Sommerpause sorgte die unzureichende Fitness einiger Leistungsträger, die sich in der freien Zeit anscheinend nicht an die Vorgaben des Trainerteams gehalten haben. Insbesondere Ronny wirkte nicht austrainiert, er brach sogar den obligatorischen Laktat-Test ab. Woraufhin der nächste Brasilienurlaub für den Mittelfeldspieler gestrichen wurde. Der Brasilianer hat seinen Stammplatz erst einmal eingebüßt. Adrian Ramos und der neue Kapitän Fabian Lustenberger sind inzwischen wieder im Soll, aber auch sie präsentierten sich zu Beginn der Vorbereitung nicht in bester körperlicher Verfassung. 

U-21-Nationalspieler Pierre-Michel Lasogga hat die trainingsintensive Zeit genutzt und sich wieder an die erste Elf herangekämpft. Allerdings fällt der Stürmer erneut für fünf Wochen aus. Wenn er wieder in Form ist, wird er den Konkurrenzkampf erhöhen. Möglich das Ramos dann wieder auf den Flügel ausweicht oder Luhukay das System ändert. In der zweiten Liga liefen die Berliner teilweise mit zwei Stürmern auf. In der Vorbereitung wurde aber vor allem 4-2-3-1 und 4-1-4-1 eingeübt.


TRANSFERS

Der Aufsteiger vollendete seine Kaderplanung ungewöhnlich früh. Mehr als zwei Wochen vor dem Trainingsstart erklärte Manager Preetz, dass man niemanden mehr verpflichten werde. Mit Johannes van den Bergh (Fortuna Düsseldorf), Hajime Hosogai (Bayer Leverkusen), Sebastian Langkamp (FC Augsburg) und Alexander Baumjohann (1. FC Kaiserslautern) hatte man da bereits vier Spieler, die alle Erstliga-Erfahrung mitbringen, verpflichten können.

Mit den Neuzugängen verschärft sich der Konkurrenzkampf. Sebastian Langkamp, so wurde in den Trainingseinheiten deutlich, wird in der Innenverteidigung neben John Anthony Brooks spielen. Johannes van den Bergh scheint hinten-links gesetzt. Alexander Baumjohann kann sowohl über die Außen als auch in der Zentrale spielen. Da Ronny in der Vorbereitung seine starke Form der Aufstiegssaison nicht bestätigen konnte, scheint es gut möglich, dass "Baumi" vorerst im zentralen offensiven Mittelfeld agiert, wie schon gegen Palermo und Neumünster. 

Hosogai ist der einzige nicht-ablösefreie Spieler (eine Million Euro) aus dem Quartett. Er wird sich mit Kapitän Lustenberger, Schaltspieler Kluge und Kämpfer Niemeyer um einen Platz im defensiven Mittelfeld streiten. Luhukay kennt den Japaner aus Augsburg und schätzt ihn sehr als defensiven Part der Doppelsechs.

Das Besondere ist, dass alle Neuzugänge bereits mit dem Niederländer gearbeitet haben. Für den chronisch klammen Aufsteiger kann dass ein Vorteil sein, allerdings begibt man sich dadurch auch in eine gewisse Abhängigkeit vom Trainer.

Mit Felix Bastians (VfL Bochum), Daniel Beichler (SK Sturm Graz), Marco Djuricin (SK Sturm Graz), Marvin Knoll (SV Sandhausen), Alfredo Morales (FC Ingolstadt 04) und Shervin Radjabali-Fardi (Hansa Rostock) verließ kein Stammspieler der Aufstiegsmannschaft das Team.


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GEWINNER & VERLIERER DER VORBEREITUNG

+ Nico Schulz: Das 20-jährige Eigengewächs verlängerte unlängst sein Arbeitspapier bis 2016. In seiner Premierensaison kam er zu 20 Einsätzen (ein Tor), auch in der Vorbereitung machte er einen spritzigen Eindruck. Er wird seine Einsatzzeiten auf der linken Außenbahn bekommen und könnte wegen seines Tempos, der Übersicht und Dribbelstärke eine der Überraschungen werden.

+ Alexander Baumjohann: Nach Stationen bei prominenten Klubs ist Hertha seine Chance zu beweisen, dass er mehr als ein "ewiges Talent" ist. In den Testspielen bestätigte er, dass er Ronny als zentraler Mittelfeldspieler ersetzen könnte.

+ Fabian Lustenberger: Seit sieben Jahren spielt der Schweizer für die alte Dame und hat alle Höhen und Tiefen miterlebt. Der beste Spieler der abgelaufenen Saison verlängerte bis 2017 und wurde von Luhukay mit folgenden Worten zum neuen Kapitän ernannt: "Er hat die individuelle Qualität und steht für die Zukunft von Hertha BSC."

- Ronny: Der Topscorer der Aufstiegssaison (18 Tore, 14 Vorlagen) stellte mit fünf direkt verwandelten Freistößen einen Zweitliga-Rekord auf. Er hält auch den inoffiziellen Rekord für den härtesten Schuss der Welt. Seine Standards waren der Schlüssel zum Aufstieg. Seinen Stammplatz scheint der Brasilianer, der Bälle halten kann, aber nicht gerade schnell ist, vorerst verloren zu haben.

- Peter Niemeyer: Es scheint als sei der Ex-Kapitän nur noch zweite Wahl. Lustenberger rückt von der Innenverteidigung auf die sechs, Kluge scheint vorerst auf der acht gesetzt und Hosogai wird, wenn er bei 100 Prozent ist, in die erste Mannschaft drängen. "Sportlich gesehen ist schon ein Stück Zweifel da", sagte Luhukay, "im letzten Jahr war er als Kapitän gesetzt, das ist er für die neue Saison nicht mehr."





DER KOMMENDE STAR


John Anthony Brooks: Der 20-jährige gebürtiger Berliner kam in seiner ersten Profisaison zu 29 Einsätzen und bildete mit Fabian Lustenberger die beste Abwehr der zweiten Liga.

Der Deutsche mit US-Pass hat ein ausgezeichnetes Stellungsspiel. Seine Antizipationsvermögen ermöglichte es ihm, ohne Gelbe Karte durch die Zweitliga-Saison zu gehen. Der 1,93 Meter große Linksfuß verlängerte diesen Sommer vorzeitig bis 2017.




ZIELSETZUNG


Die Ziele sind klar: Klassenerhalt und Konsolidierung. Nach dem letzten Aufstieg 2011, der dem sogenannten "Betriebsunfall" Abstieg  folgte, spielte Hertha eine solide Hinrunde, ehe der Verein im Chaos versank. Auf Babbel, der nicht verlängern wollte, folgten Skibbe, Interimscoach Tretschok und Rehhagel. Der Düsseldorfer Platzsturm im Rückspiel der Relegation und die Entscheidung am grünen Tisch gegen den BSC rundeten eine miserable Saison, die Hertha viele Sympathien kostete, ab.

Dieses Mal soll es anders laufen: Der Klassenerhalt ist das primäre Ziel. Mittelfristig will man sich wieder in der ersten Liga etablieren. Die Verlängerung des Kontrakts von Luhukay und die wahrscheinlich bald folgende Verlängerung mit Manager Michael Preetz zeugen von angestrebter Konstanz.


GOAL-PROGNOSE

Wenn die Berliner ihre Möglichkeiten abrufen und die gute Stimmung im Team nicht durch Rückschläge, verletzte Egos oder Dissonanzen auf der Führungsebene getrübt wird, sollte die Klasse gehalten werden. Jos Luhukay verfügt sowohl in der Offensive als auch in der Defensive über genügend Alternativen, um auf mögliche Ausfälle reagieren zu können. Er lässt variabel spielen und hat das Spielermaterial dazu. "Ich denke, dass wir in der Bundesliga mit sieben, acht anderen Mannschaften konkurrenzfähig sind", beurteilte er gegenüber der Berliner Morgenpost die Chancen.

EURE MEINUNG: Was erwartet Ihr von Hertha BSC in dieser Saison?

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