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Seit zehn Jahren bietet der Hamburger SV eine Live-Reportage für Blinde und Sehbehinderte im Stadion an. Eine über 360 Stunden lange Erfolgsstory.

Hamburg. 52.529 Zuschauer sehen am vergangenen Samstag die Bundesliga-Partie zwischen dem Hamburger SV und dem FC Augsburg live im Stadion. 52.529 Fans sehen, wie der Augsburger Jan-Ingwer Callsen-Bracker in der achten Spielminute das spielentscheidende Tor erzielt. Wirklich? Nicht ganz, denn nicht alle Zuschauer sind überhaupt in der Lage zu sehen. Einige haben Probleme in der Farbwahrnehmung, manche sind sogar blind. Dennoch können neun von ihnen später genau nacherzählen, wie das Tor entstanden ist. Seit zehn Jahren gibt es bei Heimspielen des Hamburger SV eine Live-Reportage für Blinde und Sehbehinderte direkt im Stadion.

241 Heimspiele, über 360 Stunden Livereportage

Am 2. Februar 2003 meldete sich Initiator des Projekts, Broder-Jürgen Trede, das erste Mal bei seinen Zuhörern zu Wort. Zehn Jahre bedeuten im Leben eines HSV-Fans umgerechnet 241 Heimspiele im Volksparkstadion. Das heißt über 360 Stunden Livereportage. Gegen Augsburg begrüßen die Reporterinnen Lena Först und Christina Rann ihre Zuhörer. Zusammen sind die beiden Frauen ein eingespieltes Team und schon seit Jahren Teil des Reporter-Stamms von Trede.

Christina Rann wäre im letzten Jahr sogar fast als erste Kommentatorin im deutschen Profi-Fußball bei Sky gelandet. Also auch eine enorme fachliche Qualität, die dort, wohl bemerkt ehrenamtlich, im Einsatz ist. Die Sehbehinderten wissen das und zeigen sich dankbar. Viele haben eine Dauerkarte und kommen seit Jahren zu jedem Spiel in den Block 3C, wo der HSV Spieltag für Spieltag etwa 20 Plätze zur Verfügung stellt.

Hustenbonbons gehören zur Pflichtausrüstung

Etwas abseits der Pressetribüne haben sich die zwei Reporterinnen ihr Quartier aufgebaut. Direkt neben und hinter Ihnen sitzen die Zuhörer, die über Infrarot-Kopfhörer mit den Reporterinnen verbunden sind. So kommt es oft zum direkten Feedback, „und das ist auch gut so“, sagt Rann. „Bei Kommentaren wie ,Spiel doch ab!‘ oder ,Was pfeift der Schiri denn da?!‘ weißt du, dass du mit deiner Reportage etwas vermittelt hast“, erklärt auch Trede.

Das gesamte Spiel über wird erzählt, erklärt und eingeschätzt. Etwa alle fünf Minuten wechseln sich die Zwei ab. Die jeweils Andere ist dann Assistentin und checkt Statistiken, schaut sich Trainer, Spieler oder Schiedsrichter, die gerade besonders im Mittelpunkt stehen, genauer an oder informiert sich über Zwischenstände in den anderen Stadien.

Einen kleinen Fernseher für Wiederholungen sucht man hier vergeblich. Zum Equipment der Beiden zählen neben dem Mikrofon eine Aufstellung mit weiteren kleinen Notizen, ein iPad, aber auch ein kleines Bastelset und Hustenbonbons für den Notfall. „Alles muss schnell gehen, aber muss dabei hinterher auch übersichtlich bleiben“, spricht Rann aus Erfahrung.

Soziales Projekt in ganz Deutschland etabliert

Den Service einer Blinden- und Sehbehindertenreportage gibt es heute beinahe bei jedem Erstligaverein. Einzig der SC Freiburg kann einen solchen Dienst bisher nicht anbieten. Auf die Erfahrung von über 360 Stunden Live-Reportage können aber nur die wenigsten zurückschauen. Die Fans werden auch beim nächsten Heimspiel wieder auf diesen besonderen Service zurückgreifen und mit den Ohren genau hinhören, wie sich die Spieler dann präsentieren.

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