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Nicht nur die Boulevard-Medien zeichnen ein Bild von kriegsähnlichen Zuständen in und um deutschen Stadien. In welchem Maße ist die Gewalt aber tatsächlich gestiegen?

Berlin. „Immer mehr Gewalt in deutschen Stadion“ war Ende November eine beliebte Schlagzeile. Die seinerzeit veröffentlichte Polizei-Statistik der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) legte in der Tat nahe, dass die Aggressivität der Fans in nicht geringem Maße gestiegen sei. Muss man als Zuschauer in den Spielstätten der ersten und zweiten Bundesliga tatsächlich Angst haben?

Fakt ist, dass es laut dem Bericht im Rahmen von Fußballspielen der oberen Ligen einen neuen Höchststand an verletzten Stadionbesuchern und Polizisten gibt - nämlich 1142 Personen, 296 mehr als im Vorjahr. „Ausschreitungen durch aggressive und gewaltbereite Personen in der Fußballfanszene bewegen sich seit Jahren auf einem ansteigend hohen Niveau“, heißt es in dem Papier.

„Kein langfristiger Trend“

Gunter A. Pilz allerdings widerspricht: „Die Erhebung ist in einer Zeit passiert, in der es massive Protestaktionen der Fans zum Thema Pyrotechnik gab, die die Polizei mit einer harten Linie mit Pfefferspray-Einsatz beantwortet hat“, sagte der in Hannover lehrende Fan-Forscher gegenüber der Braunschweiger Zeitung. Daher seien diese Zahlen lediglich „eine Momentaufnahme“ und würden „keinen langfristigen Trend“ erkennen lassen.

Laut 11Freunde zog etwa ein Einsatz von Pfefferspray durch Polizeibeamte in Hannover 36 verletzte Personen nach sich. In dem Bericht wird nicht zwischen derartigen Verletzungen und denen, die durch gewaltbereite Fans selbst verursacht wurden, unterschieden.

Zudem gab es in der angesprochenen Spielzeit viele sogenannte „Problemspiele“. Dadurch, dass Eintracht Frankfurt und der FC St. Pauli aus der ersten Liga ab- und Hansa Rostock, Eintracht Braunschweig sowie Dynamo Dresden aus der dritten Liga aufgestiegen sind, kam es vermehrt zu Begegnungen mit Konfliktpotenzial.

Aber auch die Zahl der Strafverfahren stieg an. In der Saison 2011/12 gab es derer 8143 in den ersten beiden Ligen, ein Anstieg um 25 Prozent.

Konsequentes Vorgehen gegen Pyrotechnik

Die ZIS erklärt dies ebenfalls mit der vermehrten Anwendung von Pyrotechnik: „Ursächlich hierfür dürfte die zu Beginn des Berichtzeitraums geführte Diskussion um die Legalisierung von Pyrotechnik in Fußballstadien gewesen sein, die seitens der Fußballverbände (DFB und DFL) in einer Presseerklärung vom 02. November 2011 mit einer Absage der Legalisierung beendet worden war.“ Daher sei man vom Vorsitzenden des Nationalen Ausschusses Sport und Sicherheit um ein konsequentes Vorgehen gegen Pyrotechnik gebeten worden.

Man fügte an: „Dieser Hinweis dürfte zu einer weiteren Intensivierung der Strafverfolgungsmaßnahmen mit der Folge eines außerordentlichen Anstieges der eingeleiteten Ermittlungsverfahren geführt haben.“ Daher wurden „Strafverfolgungsmaßnahmen, die der Identifizierung dienen (der Abbrand erfolgt häufig hinter Bannern, es findet ein Kleidungswechsel statt) umfassend betrieben.“

Nicht in der Statistik festgehalten ist übrigens auch, wie viele dieser Strafverfahren letztlich zu Verurteilungen geführt haben.

Das Problem Europapokal-Spiele

Zudem stieg die Anzahl von freiheitsentziehenden Maßnahmen von 6061 auf 7298. In den ersten beiden Ligen erhöhte sich dieser Wert allerdings lediglich um ein Prozent, der Anstieg ist, wie bei 11Freunde erörtert, vornehmlich durch Partien in den UEFA-Wettbewerben zu erklären: Hier stiegen die freiheitsentziehenden Maßnahmen um 334 Prozent. Ähnlich verhält es sich mit den Arbeitsstunden der Polizei: Diese sind insgesamt um 21,6 Prozent gestiegen, im Rahmen von Spielen der ersten Liga aber um 12 Prozent gesunken - bei internationalen Partien hingegen um 70 Prozent angewachsen.

Verletzten-Anteil: 0,0051 Prozent

Natürlich muss man konstatieren, dass jeder Verletzte einer zu viel ist. Bei genauen Hinsehen kann von den vielzitierten „alarmierenden Zahlen“ aber kaum die Rede sein. Noch deutlicher wird das, wenn man den Anteil der Verletzten unter allen Stadionbesuchern der Saison 2011/12 betrachtet. Der liegt laut 11Freunde bei 0,0051 Prozent und ist verglichen mit Volksfesten oder sonstigen Großveranstaltungen somit äußerst niedrig.

So würde man sich wünschen, dass die Diskussion über die - trotz allem ohne Frage existierende - Gewalt im Rahmen von Bundesliga-Spielen versachlicht und man darauf verzichten würde, ein Bild von kriegsähnlichen Zuständen in den Stadien zu zeichnen. Nur so kann man nach Lösungen suchen, die wirklich hilfreich sind.

Solange die Debatte aber von Politikern ausgenutzt wird, um populistisch auf Stimmenfang zu gehen oder Boulevard-Medien versuchen, durch Skandalisierung ihre Verkaufszahlen zu erhöhen, wird das wohl ein frommer Wunsch bleiben.

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