Spielbericht Bundesliga: TSG 1899 Hoffenheim - VfB Stuttgart

Am Ende lagen sie sich in den Armen: trotz einer eher biederen Leistung reichte es für den VfB im badenwürttembergischen Derby zu einem Remis. Damit hat Christian Gross das Unmögliche möglich gemacht. Er führte die Schwaben aus dem Keller ins internationale Geschäft.

Von Benjamin HOFMANN

Jens Lehmann bei seinem letzten Spiel als Bundesligaprofi (Bongarts/Getty)
Sinsheim. Unterschiedlicher hätten die Vorzeichen kaum sein können. Während TSG 1899 Hoffenheim noch in der Hinrunde vom internationalen Geschäft träumte, stürzten die Kraichgauer unter Ralf Rangnick 2010 ab. Ganz anders der VfB Stuttgart: unter Christian Gross rehabilitierten sich die Schwaben für eine katastrophale erste Saisonhälfte und wollten im Südschlager das Erreichen der Europa Legaue perfekt machen.

PERSONAL & TAKTIK

Ralf Rangnick setzte im Tor erwartungsgemäß auf Leonard Haas, der den verletzten Hildebrand vertrat. Davor die Viererkette mit Beck, Simunic, Compper und Eichner. Auf der Doppelsechs erhielt Vukcevic neben Gustavo den Vorzug vor Vorsah. Vorne läuft es bei der TSG momentan rund, mit Ibisevic, Obasi und Tagoe schnürten gleich drei Stürmer zuletzt einen Doppelpack. Dennoch muss letztgenannter auf die Bank. Für den gelbgesperrten Timo Gebhart und den verletzten Stefan Celozzi rückten bei Stuttgart Kuzmanovic und Osorio auf die rechte Bahn. Mit Cacau, Träsch, Khedira und Tasci bot VfB-Trainer Christian Gross insgesamt vier Akteure auf, die auch in Löws 27er-Kader stehen, vielleicht hoffte er auf einen Motivationsschub nach der Nominierung. Hinten hütete Jens Lehmann in seinem letzten Spiel als Profi das VfB-Tor. Nach 22 Jahren geht eine eindrucksvolle Karriere zu Ende, dafür wurde der 40-Jährige vor Anpfiff geehrt. Blei Hleb reichte es in seinem letzten Auftritt für den VfB wieder nur für die Bank. Stuttgart mit klarem Ziel – Delpierre im Vorfeld: „Wir haben so sehr um diesen sechsten Platz gekämpft. Es wäre grausam, wenn wir ihn jetzt nicht erreichen.“

SPIELVERLAUF 1. HÄLFTE

Doch allzu leicht wollte man es dem deutschen Meister von 2007 in Sinsheim dann nicht machen. Hoffenheim zunächst aktiver und auch aggressiv, bereits nach sechs Minuten sah Sejad Salihovic den Gelben Karton nach einer Attacke an Träsch, der kurz behandelt werden musste. Doch nach gut zehn Minuten bekamen die Schwaben die Partie immer besser in den Griff und folgerichtig gelang Cacau aus elf Metern nach einem herrlichen Konter über Träsch und Marica nach 19 Minuten die verdiente Führung.

Diese wollten die Gross-Schützlinge offenbar nur noch verwalten und stellten komplett das Spielen ein, wodurch sie verunsicherte Hoffenheimer Stück für Stück aufbauten. So ging seitens der TSG nach 30 Minuten durch Obasi zum ersten Mal so etwas wie Torgefahr aus und Kapitän Salihovic Ibisevic prüfte Jens Lehmann aus 18 Metern.

Nachdem Ibisevic eine Hereingabe des wuseligen Eduardo verpasste war es dann in der 44. so weit: Boris Vukcevic stieg nach einer Salihovic-Ecke höher als Hilbert und der Youngster wuchtete das Leder von der Fünfer-Grenze in die Maschen. Das erste Bundesliga-Tor für den 20-Jährigen. Wenige Sekunden später der nächste Aufreger: Salihovic tanzt mit Tasci Samba und nagelt die Kugel gegen den Pfosten. Glück für den VfB, dass es nach dieser Aktion in die Pause geht.

SPIELVERLAUF 2. HÄLFTE

Ralf Rangnick befürchtete offenbar einen Platzverweis für seinen Spielführer und brachte daher Maicosuel, obgleich Ibisevic mit seinem feinen linken Fuß einige, gefährliche Situationen heraufbeschworen hatte. Wieder bot sich ein ähnliches Bild wie im ersten Durchgang: zunächst der VfB stärker, doch dann Drangphase der Gastgeber.

Zuerst ist Obasi fast durch, fällt jedoch an der Strafraumgrenze bedrängt von Tasci, wobei SR Drees weiterspielen lässt – zweifelhaft. Dann noch mal Aluminium für 1899, als Carlos Eduardo die Kugel nach Maicosuel-Vorarbeit an die Latte donnerte. Der VfB musste noch ganz schön zittern auf dem Weg nach Europa, vor allem als in Sinsheim die Kunde vom Ausgleich in Hamburg die Runde machte.

Khediras Doppelchance läutete in der 80. Minute nochmals eine heiße Schlussphase ein. Auf der Gegenseite liess sich der Nationalspieler von Maicosuel austanzen, doch dessen Hereingabe konnte Tasci abblocken. Als der eingewechselte Tagoe einen Kopfball weit am Tor von Jens Lehmann in den letzten Sekunden von dessen Karriere vor beisetzt, darf sich Stuttgart sicher sein, auch nächstes Jahr in Europa vertreten zu sein.

SCHLÜSSELSPIELER

Wieder einmal war es Cacau, der seinem VfB große Dienste erwies. Mit seinem Treffer hat er das Tor zum internationale Geschäft weit aufgestoßen und letztendlich für den entscheidenden Schritt gen Europa League gesorgt. Ebenso Jens Lehmann, der den Punkt festhielt und in seiner letzten Partie eine solide Leistung bot. Auf der Gegen seit wusste spielerisch die Offensive zu gefallen, wobei Obasi, Ibisevic und Co. die Effizienz vergangener Tage abkömmlich ist.

SCHLÜSSELSZENE

Zweimal nur Aluminium – es war zum Mäusemelken für die Elf von Ralf Rangnick. Hätten Salihovic in der 45. oder Eduardo in der 60. Minute genauer gezielt, wäre der Kampf um Rang sechs für die Schwaben wohl noch eine Spur nervenaufreibender geworden.

SPIELER DES SPIELS: Boris Vukcevic

Nicht nur wegen seines Kopfballtores mit einer ganz starken Leistung. Hielt dem Hoffenheimer Offensivquartett den Rücken frei und überzeugte mit vielen Ballgewinnen und sicherem Passspiel im Aufbau. Szenenapplaus nach seiner Auswechslung (79.).

SCHIEDSRICHTER: Dr. Jochen Drees – Note: 4

Musste gegen harte Hoffenheimer früh gelb zücken und versagte den Gastgebern nach Halten von Serdar Tasci an Chinedu Obasi in der 58. Minute einen Freistoß aus aussichtsreicher Position.

Anmerkung: Die Notenskala reicht wie bei der Spielnote von 1 (Arbeitsverweigerung) bis 10 (Weltklasse).

SPIELNOTE: 6

Nach verhaltenem Beginn entwickelte sich trotz einiger Fehlpässe ein flottes Spielchen. Die Begegnung lebte sicherlich nicht vom technischen oder spielerischen Niveau, sondern von ihrer Spannung, ihren engen Torraumszenen und einem sehr ordentlichen Fight um den einen Punkt.

FAZIT

Eine der schwächeren Saisonleistungen der Schwaben in der Rückrunde reichte Stuttgart zum Punkt im Kraichgau. Hoffenheim konnte zeitweise spielerisch an längst vergangene Tage erinnern, doch was heute fehlte, war die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, die Ibisevic, Obasi und Tagoe eigentlich in den letzten Wochen wieder angedeutet hatten.

Eure Meinung: kann die TSG Hoffenheim in der neuen Saison an die Leistungen der vergangenen Jahre anknüpfen oder verkommt das "Experiment" Hoffenheim zur grauen Maus?
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