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Trauerfeier um Robert Enke in Hannover: Der Tränen nicht schämen...
Oliver Bierhoff hat es auf einer Pressekonferenz nach dem Selbstmord von Robert Enke nicht geschafft, seine Tränen zu unterdrücken. Irgendwie war das aber zu keinem Zeitpunkt als Schwäche angesehen worden. Wer am Sonntag die Trauerfeier in der AWD-Arena zu Hannover besuchte, wusste schnell, wie es Bierhoff ergangen sein muss. Kaum jemand konnte sich die Emotionen verkneifen. Und egal, wer auch weinte: Dieser Tränen brauchte sich nun wahrlich niemand zu schämen...
Dennis WEINACHT
Hannover. Grundsätze sind auch im Journalismus da, um eingehalten zu werden. Nur wenn sie eingehalten werden, kann ein qualitativ hochwertiger Beitrag das Produkt harter Arbeit sein. Im Umgang mit Profis und großen Namen der Sport-Szene ist es nicht immer einfach, einen klaren Kopf zu behalten und objektiv zu berichten. Aber das wird erwartet. Das muss eingehalten werden. Es ist nicht schwer vorstellbar, wie es deshalb zumeist auf den Pressetribünen in den Fußball-Stadien aussieht. Selbst bei den spektakulärsten Szenen, den tollsten Spielen und den schönsten Toren verzieht die schreibende Zunft in aller Regel keine Miene. Am Ende steht doch über allem die Objektivität. Gefühle sind Fehl am Platz, müssen quasi von der ersten Minute an dem kühlen Verstand weichen.
Der Beginn eines prägenden Tages
Umso spannender war es für mich,
als ich am Freitag die Zustimmungen für eine Dienstreise
erhalten hatte: Die Chefredaktion hatte mir den Sonntag freigeräumt,
so dass ich möglichst ausführlich aus Hannover berichten
konnte. Ich sollte aus der AWD-Arena von der größten
Trauerfeier aller Zeiten im Bereich des Sports berichten. Dass ich
dafür eine Reise von rund Tausend Kilometern auf mich nehmen
musste, war mir egal. Schon in der gesamten letzten Woche hatte mich
das Schicksal der Familie Enke erschüttert und getroffen. Wie
konnte das passieren? Eine endgültig Antwort kann darauf niemand
mehr geben. Als ich dann am frühen Sonntag-Morgen gegen 2.30 Uhr
in mein Auto stieg und gen Niedersachsen aufbrach, sollte mir nicht
klar sein, was dieser Tag noch bedeuten könnte.

Denk dran: keine Emotionen
Schon während der Fahrt hatte ich
immer wieder im Radio die Nachrichten verfolgt. Natürlich war
die Trauerfeier das beherrschende Thema. Als ich dann am Morgen
endlich in Hannover angekommen war und die schier unglaubliche Suche
nach einem Parkplatz beendet hatte, machte ich mich auf den Weg zum
Stadion. Es waren die schwersten Meter dieses Tages. Immer wieder
begegneten mir Fans, die schon jetzt keine Träne mehr
unterdrücken konnten. Immer wieder die Bilder von Robert Enke.
Die Sprüche auf den Plakaten. Es fiel schwer, sich vollkommen
professionell zu verhalten. Immer wieder der Gedanke: „Reiß
dich zusammen! Du bist beruflich hier. Das Schicksal dieser Familie,
dieses tollen Torhüters ist schlimm. Aber du darfst jetzt nicht
auf der Pressetribüne deinen Emotionen freien Lauf lassen.“
Eine gespenstische Atmosphäre
Zunächst sollte das auch noch gut verlaufen. Laptop raus. Einfach nicht zu sehr dran denken, was gerade um dich herum passiert. Noch schnell den Kollegen aus der Chefredaktion anrufen: „Ich bin gut angekommen. Alles okay!“ Aber die Stimmung im Stadion zeigt schon an, dass eigentlich nichts in Ordnung ist. Im Mittelkreis steht dieser Sarg mit den Blumen. Vielleicht besser nicht hinsehen? Mails sind im Postfach. Sehr gut! Das klingt nach Ablenkung. Und der Laptop stürzt auch noch ab. Wieder Ablenkung. Die Pressetribüne und der Rest des Stadions sind mittlerweile gut gefüllt. Nun zählt es! Die Berichterstattung muss auf den Punkt genau passen. Die Leser wollen und müssen informiert werden, was in der AWD-Arena vor sich geht.
Objektivität, keine Emotionen.
Dafür ist dann später noch ausreichend Raum und Zeit.
Irgendwie scheint alles wie immer zu sein: Die Tages-Arbeitskarte
hängt am Mantel. Das verpflichtet dazu, sich professionell zu
verhalten. Hat doch immer geklappt. Aber der Schein trübt.
An Arbeiten nicht mehr zu denken
Denn dann beginnt die Trauerfeier und plötzlich ist alles anders. Gearbeitet werden kann nicht mehr. Denn: Im Stadion ist es unglaublich still, als der gesamte DFB-Tross den Rasen betritt und in Gruppen zum Sarg läuft. Jetzt auf dem Laptop rumzutippen wäre sicherlich verdammt geschmacklos. Und irgendwie möchte ich auch das Geschehen auf mich wirken lassen. Dann nehmen die Dinge ihren Lauf. Der Blick auf Teresa Enke. Sie weint bittere Tränen des Abschieds und plötzlich werden Laptop, Diktiergerät und Handy unwichtig. Ohnehin habe ich mittlerweile die Technik gegen einen Kugelschreiber und ein Blatt ausgetauscht. Aber dieses bleibt bis zum Ende unbeschrieben. Es gibt einfach keine Worte, die diese Atmosphäre in diesem Moment beschreiben. Zumindest wollen sie mir nicht einfallen.

Tränen, Worte, Gesten
Längst beginnt das Ringen um Fassung. Arne Friedrich beginnt zu weinen. Das ganze Stadion versteht ihn in diesen Minuten. Ein Großteil der Fans hat sich mittlerweile selbst der Macht der Tränen beugen müssen. Nicht besser wird es, als die geladenen Ehrengäste das Wort ergreifen. Da schildert plötzlich ein Martin Kind: „Robert Enke hatte nur Freunde. Und dennoch hat ihm eine heimtückische Krankheit das Herz gebrochen.“ Er fährt fort: „In unsere Herzen wirst Du immer weiter leben.“ Der erste emotionale Tiefschlag folgt dann, als DFB-Präsident Theo Zwanziger die Spieler der Nationalmannschaft für ihr Verhalten in den letzten Tagen lobt: „Jungs, ich bin stolz auf euch.“ Zum ersten Mal gibt es Standing-Ovations im Stadion. Auf der Pressetribüne ist es hingegen noch recht ruhig.
Lange bleibt es aber auch dort nicht
dabei. Immer wieder fallen berührende, erschütternde und
ergreifende Worte. Ministerpräsident Christian Wulff etwa
erklärt: „Er war zugleich ein stiller, bescheidener und
zurückgenommener Star gewesen - ein Mensch kleiner Gesten, der
einen Kreis um sich zog, der besonders war.“ Spätestens nach
diesem Satz hält es auch die versammelte Mannschaft aus den
Medien nicht mehr auf den Plätzen. Zum ersten Mal sehe ich, wie
sich Journalisten bei einer offiziellen Veranstaltung umarmen und
weinen. Wie die Fans. Alles scheint in diesem Moment egal zu sein.
Die Welt steht still und das einzige was jeder in diesem Stadion
fühlt ist die Trauer in ihrer schmerzhaftesten Form.
Die Lehren sind klar
Schließlich
kann auch ich nicht mehr alle Tränen zurückhalten. Die
Situation wird zu packend und ist schließlich Herr über
jeden in der AWD-Arena. Wulff hatte eine klare Richtung in seiner
Rede vorgegeben: „Viele Menschen empfinden, dass sich etwas ändern
muss. Doch ändern muss sich jeder einzelne.“ Das Geschäft
muss wieder persönlicher werden. Der Mensch muss verstanden
werden und die Gefühle und Ängste eines jeden Sportlers
dürfen nicht länger mehr ein Tabu-Thema sein. So wie das
etwa an diesem Sonntag der Fall war. Plötzlich war auch unter
den Journalisten kaum mehr ein normales Arbeiten möglich. So wie
sich die Nationalspieler nicht mehr professionell verhalten konnten,
so ging es den Journalisten und allen anderen im Stadion. Die
Trauer vereinte in den Herzen jeden einzelnen in der Arena. Und auch
wenn am Ende noch einige Prominente zu sehen waren, die ich
normalerweise mit Fragen gelöchert hätte, so war ich doch
dieses Mal nicht in der Lage. Funktionäre, Spieler und Trainer
weinten wie alle anderen auch. Wir alle sind nur Menschen. Menschen,
die eben nicht immer und um jeden Preis gezwungen sind, auch professionell auftreten zu müssen. Für Robert Enke kommt
diese Erkenntnis zu spät...

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