Teamcheck: FC Schalke 04

50 Jahre ohne Meisterschale – ein verdammt hartes Brot für die treue Schalker Fanseele. In dieser Saison soll es endlich wieder klappen, die Schale muss in den Pott! Sturmführer Kevin Kuranyi hat bereits die Maxime ausgegeben: Die Bayern anzugreifen! Doch ist Königsblau tatsächlich reif dafür, den Deutschen Meister Bayern München vom Bundesliga-Thron zu stoßen? Eine Analyse kurz vor dem Bundesliga-Start.

Der Traum von Platz zwei lebt für Schalke weiter (firo)

Von Elmar NEVELING

Gelsenkirchen. Mit Verstärkung aus dem Nachbarland unternehmen die Schalker in diesem Jahr einen weiteren Titelanlauf. Neben Fred Rutten wurden mit Orlando Engelaar und Jefferson Farfán auch zwei Spieler aus der niederländischen „Eredivisie“ verpflichtet. Mit ihrer Hilfe soll nach insgesamt acht Vize-Meisterschaften in der Vereinshistorie endlich wieder Platz 1 erobert werden.

DIE NEUEN

Schalke hat sich in diesem Sommer punktuell verstärkt – und das mit sehr guter Qualität. Der Peruaner Jefferson Farfán wurde für geschätzte 10 Mio. Euro von der PSV Eindhoven verpflichtet und ist somit der teuerste Schalker Einkauf aller Zeiten. Seine Aufgabe ist es, Alleinunterhalter Kevin Kuranyi im Angriff zu entlasten. Zuzutrauen ist es dem 23-jährigen durchaus: Während seiner vier Jahre in Eindhoven erzielte der Nationalspieler etwa in jedem zweiten Ligaspiel einen Treffer.

Auch Orlando Engelaar ist ein erstklassiger Spieler, wie der knapp 29-jährige erst jüngst bei seinen EURO 2008 – Auftritten für die niederländische „Elftal“ unter Beweis stellte. Er kam zusammen mit Fred Rutten von Twente Enschede ins Ruhrgebiet. Allerdings sorgte Engelaars Verpflichtung auf den ersten Blick für Verwunderung, verfügt Schalke doch auf seiner Position mit Jermaine Jones und Fabian Ernst bereits über zwei hervorragende defensive Mittelfeldspieler, denen vom Fachblatt „Kicker“ jüngst „internationales Format“ bescheinigt wurde. Insbesondere Jones reagierte zunächst „verschnupft“ auf den teaminternen Konkurrenten. Allerdings kristallisierte sich in der Vorbereitungszeit heraus, dass wohl alle drei Spieler zur Startelf gehören werden.

Hinzu verstärken aus der eigenen Jugend noch Mohamed Amsif, Lewan Qenia und Carlos Zambrano den Kader.

DIE STÄRKEN

Schalke verfügt über ein eingespieltes Team. Der Kern des Kaders wurde zusammengehalten, kein etablierter Stammspieler verließ den Klub. Auch der zweite Anzug, früher oft deutlich schwächer als die erste Elf, passt inzwischen. Personelle Ausfälle können somit besser kompensiert werden als noch in den Vorjahren. Diese Vielfalt verschafft Rutten auch taktisch eine enorme Flexibilität.

Prunkstück der Mannschaft ist das Defensivverhalten. Ob die Innen- und Außenverteidigung oder das defensive Mittelfeld: S04 verfügt über echte „Abräumer“ wie Marcelo Bordon oder Fabian Ernst, die der alten Devise von Ex-Schalke-Trainer Huub Stevens, „die Null muss stehen“, alle Ehre machen. Alle Außenverteidiger, egal ob Rafinha, Heiko Westermann oder Christian Pander zeichnet aus, dass sie sich immer wieder mit ins Angriffsspiel einschalten.

Eine weitere Stärke sind die Standardsituationen. Wenn bei Eck- oder Freistößen die langen Kerle aus der Abwehr – Mladen Krstajic, Heiko Westermann oder Marcelo Bordon – mit nach vorne gehen, brennt es im gegnerischen Strafraum oft lichterloh. Ihre Kopfballstärke ist berüchtigt.

DIE SCHWÄCHEN

Die Nerven! Immer, wenn es „um die Wurst“ geht, scheinen Schalke plötzlich die Nerven zu versagen. Vor allem 2001 und 2007 besaß der Klub fantastische Chancen auf den Meistertitel – und versagte jeweils mit geradezu apathischen Leistungen im entscheidenden Moment kläglich. Ein unerklärliches Faszinosum, das sich von Spielergeneration zu Spielergeneration zu vererben scheint. Eines, das letztes Jahr auch in der Champions League zu beobachten war: Gegen einen keinesfalls übermächtigen FC Barcelona verkrochen sich die Knappen im Hinspiel wie das Kaninchen vor der Schlange, eine vollkommen unnötige Niederlage war die Folge. Es wird eine von Ruttens dringenden Aufgaben sein, seiner Mannschaft Siegermentalität auch für den Saisonendspurt zu vermitteln.

Auch lässt die Kreativität im Mittelfeld bedingt durch drei eher defensiv ausgerichtete Akteure zu wünschen übrig. Bereits im letzten Jahr gingen vom Mannschafszentrum zuwenige Impulse, geschweige denn Torgefahr, aus. Allerdings steht außer Ivan Rakitic auch kein Regisseur im Schalker Kader – doch der erst 20-jährige ist vermutlich nicht für die Startformation vorgesehen.

Unklar ist noch, wie sich der Streit um die Olympia-Teilnahme Rafinhas auswirken wird. Der brasilianische Rechtsverteidiger reiste ohne die Erlaubnis seines Klubs nach Peking und untergrub somit dessen Autorität. Dieses Verhalten dürfte sich bei seiner Rückkehr nicht gerade förderlich auf das Arbeitsklima auswirken. Auch muss Keeper Matthias Schober beweisen, dass er ein würdiger Vertreter des verletzungsbedingt noch für Monate ausfallenden Manuel Neuer ist.

DAS TEAM

Die Gelsenkirchener verfügen über einen homogenen wie gut besetzten Kader, die Mischung zwischen erfahrenen Spielern wie Marcelo Bordon und „jungen Wilden“ wie Manuel Neuer oder Rafinha stimmt. Im Sturm ist der Vorjahreszweite selbst im Vergleich zu Bayern München hervorragend besetzt: Mit Joker Peter Lövenkrands, Halil Altintop, Jefferson Farfán, Kevin Kuranyi, Publikumsliebling Gerald Asamoah und Tempodribbler Vicente Sanchez stehen gleich sechs ambitionierte Angreifer bereit.

Die Innenverteidigung ist erfahren, könnte ihren Leistungszenit jedoch fast schon überschritten haben. Da trifft es sich gut, dass mit Heiko Westermann (bisher zumeist als Linksverteidiger eingesetzt) ein Emporkömmling auf sich aufmerksam macht, der auch im Abwehrzentrum spielen kann. Der ehemalige Bielfelder war die positive Überraschung der vergangenen Saison und wurde inzwischen zum Nationalspieler.

Schalkes Kader kombiniert Techniker wie Ivan Rakitic oder Jefferson Farfán mit konsequenten Malochern wie Fabian Ernst oder Jermaine Jones, die sich auch für die „Drecksarbeit“ nicht zu schade sind. Die Mischung stimmt.

TRAINER UND TAKTIK

Wie zu erfolgreichen Zeiten unter Huub Stevens Ende der 1990er Jahre setzt Schalke 04 wieder auf die niederländische Fußballschule. Mit Fred Rutten wurde ein Übungsleiter verpflichtet, der viel Wert auf Disziplin liegt und somit genau der richtige Mann für ein nicht immer einfach zu führendes Team ist. Seinem Vorgänger, dem „netten Herrn Slomka“, wurde nicht zuletzt der Vorwurf zum Verhängnis, das Team nicht im Griff zu haben. Rutten, der seine gesamte Spielerkarriere in Enschede verbrachte, ist als gewiefter Stratege bekannt, der Schalke auch taktisch auf die nächste Niveaustufe bringen soll. Als Niederländer eilt ihm per se der Ruf voraus, einen attraktiven Offensivfußball spielen zu lassen.

Der 45-jährige wird seine Mannschaft im typisch niederländischen 4-3-3-System auflaufen lassen, also mit drei Angreifern – eine Neuerung „auf Schalke“. Stoßstürmer Kuranyi wird voraussichtlich von Neuzugang Jefferson Farfán und dem vom königsblauen Publikum oft verschmähten Hamit Altintop flankiert werden. Einen klassischen „10er“ gibt es im neuen System nicht, schlechte Zeiten also für den erst letztes Jahr als Lincoln-Nachfolger verpflichteten Regisseur Rakitic. Sollte sich Altintop nicht in der Stammelf festbeißen können, wäre dann vermutlich Rakitic erste Alternative und Schalke würde auf ein 4-4-2-Schema wechseln.

DIE WUNSCHELF

Tor: Manuel Neuer

Verteidigung: Rafinha, Marcelo Bordon, Heiko Westermann, Christian Pander

Mittelfeld: Orlando Engelaar, Fabian Ernst, Jermaine Jones,

Angriff: Jefferson Farfán, Kevin Kuranyi, Halil Altintop

DIE GOAL.COM-PROGNOSE

Keine Frage, Schalke hat ein starkes Team zusammen, dessen Spielverständnis von Taktikfuchs Fred Rutten noch verbessert werden dürfte. Im Hexenkessel „Veltins Arena“ bildet der Klub zusammen mit seinen unvergleichlich treuen Fans eine Macht. Konfliktpotenzial lauert im Angriff: Dort tummeln sich gleich sechs Spieler, die auf einen Einsatz hoffen. Hier ist der neue Trainer auch als Moderator gefragt. Viel wird davon abhängen, ob Schalke gegen Atlético Madrid die Qualifikation für die Champions League schaffen wird. Ein Erfolg könnte Kräfte freisetzen, ein Ausscheiden hingegen gleich zu Saisonbeginn die Stimmung mächtig trüben. Letztlich wird der „ewige Zweite“ auch im kommenden Jahr nicht an Bayern München vorbeikommen und kämpft mit Werder Bremen um die direkte Champions League – Qualifikation.

Eure Meinung: Wird es 2009 endlich gelingen – wird Königsblau nach über einem halben Jahrhundert wieder die „Salatschüssel“ nach Gelsenkirchen holen?



 
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