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Mesut Özil und Mario Götze: Zwei Edeltechniker, einer im Formloch, einer auf der Überholspur

Mesut Özil und Mario Götze: Zwei ähnliche Spieler, die doch sehr verschieden sind. Goal zeigt auf, wieso Götze besser drauf ist.

ANALYSE
Von John C. Brandi

Als Mario Götze zu Beginn der Saison 2010/11 mit 18 Jahren gleich den Durchbruch bei Borussia Dortmund schaffte und schnell zu einem der gefährlichsten Offensivspieler der Bundesliga avancierte, hatte der knapp vier Jahre ältere Mesut Özil gerade unter großem medialen Getöse seinen Wechsel von Werder Bremen zu Real Madrid komplettiert. Viel ist seither passiert, und so treffen die zwei wohl größten Stars, die Deutschland derzeit hat, nun als Spieler Bayern Münchens und des FC Arsenal im Achtelfinale der Champions League aufeinander. Anlass genug, die beiden Offensivkräfte unter die Lupe zu nehmen.

Özils Start bei den Gunners im vergangenen September hätte besser kaum verlaufen können: Schnell ein Teil der Mannschaft, lieferte der Spielmacher in seinen ersten zwei Partien gleich mal vier Assists, legte gegen Napoli in der Champions League kurze Zeit später das erste Tor im neuen Trikot nach, und es herrschte Einigkeit: Volltreffer – mit Özil ist Arsenal endlich wieder ein absoluter Titelkandidat!

Formkurve zeigt nach unten

Doch nach den guten Wochen, die folgten, ging die Formkurve dann deutlich bergab. Spätestens seit der Schulterverletzung, die ihn kurz vor Jahreswechsel außer Gefecht setzte, ist der Faden des teuersten Arsenal-Einkaufs aller Zeiten gerissen, und der altbekannte Özil-Effekt setzte ein. Der Deutsch-Türke war zwar körperlich schnell wiederhergestellt, doch sein Spiel strahlte fortan mehr Lethargie als Glanz aus. Ähnlich lief es in Madrid; wenn Özil nicht für Highlights sorgte, sah der geneigte Betrachter einen Spieler, dessen Körpersprache einfach nicht zu den Traumpässen passen wollte, die ihm sonst regelmäßig gelangen.



Die mangelnde Ausstrahlung auf und die leicht verklemmte Art Özils neben dem Platz machten ihn immer dann zur Zielscheibe der Kritik, wenn es mal nicht lief. So auch aktuell in London: Seit mehr als zwei Monaten gelang Özil kein Tor und die zwei Torvorlagen, die er in der Zeit gab, werden seinem eigenen Anspruch ebenfalls nicht gerecht, die Presse ist entsprechend schlecht.

Flaute bei Özil? Immerhin, der Rückendeckung seines Trainers kann er sich gewiss sein. Nach dem vorläufigen Tiefpunkt beim 1:5 an der Anfield Road gegen Liverpool nahm Arsene Wenger seinen Star in Schutz: "Er arbeitet sehr hart, um sich an die Premier League zu gewöhnen. Für mich ist er ein außergewöhnlicher Spieler", so der Elsässer, der Özil aber auch nahelegte, nicht immer nur die Mitspieler zu suchen: "Manchmal ist er zu besessen, den perfekten Pass zu spielen, wenn ein Schuss ebenfalls möglich ist", konstatierte Wenger.

Götze: Mit Verspätung zum Leistungsträger

In München verlief Mario Götzes Start beim FC Bayern unter ganz anderen Voraussetzungen. Er kam verletzt an, brauchte eine ganze Weile, bis er im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte war, verletzte sich wieder. Doch nachdem er endlich fit war, spielte er sukzessive sein Können aus, das ihn beim Rekordmeister inzwischen zum absoluten Stammpersonal zählen lässt. Bedenkt man, dass er nach Neymar eigentlich Guardiolas zweite Wahl als Kreativgeist war, ist die Selbstverständlichkeit, mit der er inzwischen in Peps Starensemble auftrumpft, verblüffend. Jedoch nur auf den ersten Blick.

Goal Live Scores: Verpasst keine Fußball-Sekunde

Götzes Vielseitigkeit erlaubt es dem Coach, ihn links, rechts, in der Mitte und als falschen Neuner einzusetzen. Seine Abschlussstärke und vor allem die Handlungsschnelligkeit, mit der Götze Torchancen erahnt und verwandelt, machen ihn zur Bayern-Allzweckwaffe, auf die der katalanische Coach ungern verzichtet. Goal-Reporter Fabio Porta, der bei den Bayern-Heimspielen in der Allianz Arena vor Ort ist, sieht seine Entwicklung beim FC Bayern so:

"Mario Götze wurde in München ganz behutsam aufgebaut. Nach seiner langen Verletzung hatte man überhaupt keine Eile und zeigte viel Geduld, was sich auch gelohnt hat. Der erste kleine 'Durchbruch' gelang ihm gegen Mainz, als er das Spiel der Bayern von der Bank aus im Alleingang gedreht hat und mit zwei tollen Vorlagen für die Wende sorgte. Danach ging es gegen Dortmund weiter, als er für den 'Dosenöffner' sorgte."

Als Sturmspitze verschenkt?

Porta weiter: "Sein stärkstes Spiel hatte er gegen Frankfurt, als er neben Thiago im Mittelfeld wirbelte und jeweils ein Tor und eine Vorlage lieferte. dort sehe ich ihn auch in Zukunft. Götze fühlt sich am wohlsten, wenn er als Freigeist im offensiven Mittelfeld agieren kann. Dort hat er das Spiel vor Augen und kann seine Kreativität voll ausnutzen. Auch wenn er als Mittelstürmer überzeugen konnte und er auch die nötige Kaltschnäuzigkeit mitbringt: Im Sturmzentrum kann er seine Fähigkeiten nicht voll ausschöpfen."

Diese Meinung teilt er mit vielen Beobachtern. Franz Beckenbauer sieht Götze "als Sturmspitze verschenkt", wie er bei Sky mitteilte, Patrick Owomoyela bekundete ebendort: "Er hat sicher andere Positionen, auf denen er noch stärker ist."



Sollte man, wenn man über Schwächen spricht, also mehr Durchsetzungsvermögen von Götze fordern und ihn in den Kraftraum schicken? Keineswegs! Dadurch, dass er alle Fähigkeiten eines Zehners und dazu Schnelligkeit und Abschlussstärke mitbringt, ist er der moderne Offensivmann schlechthin – die Tatsache, dass er durchaus den spielenden Mittelstürmer geben kann, beweist dies umso mehr.

Was uns noch einmal zu Özil führt. Eigentlich ist der Ästhet aus dem Emirates ein echter Zehner alter Schule: Elegant am Ball, immer auf der Suche nach der der schönen Lösung, stets bereit und in der Lage, aus unmöglichsten Winkeln und Situationen den Ball perfekt in den Fuß des Mitspielers zu legen. Ihm fehlt auf der anderen Seite der echte Torhunger eines modernen offensiven Mittelfeldspielers, doch macht ihn das bei der Anzahl seiner Assists nicht unbedingt weniger wertvoll. Gleichzeitig geht ihm die Flexibilität eines Götze ab, der nicht nur in einem 4-2-3-1 eigentlich jede offensive Position bekleiden kann und das auch tut.

Hinsichtlich seines "Phlegmas" riet Markus Babbel Özil im Münchner Merkur zuletzt, "an seiner Körperspannung zu arbeiten", eine gutgemeinte Empfehlung, die jedoch vermutlich verhallt, da der deutsche Nationalspieler ist, was er ist: Ein scheues Genie. Enis Köylü von Goal International, der sämtliche Özil-Auftritte im Emirates verfolgt hat, sieht seine bisherige Entwicklung so: "Auch wenn Özils Leistungen bis hierher nicht so schlecht waren, wie sie von einigen gemacht wurden, lassen seine hohe Ablöse und der Ruf, der ihm vorauseilte, viele Beobachter durchaus rätseln, was er wirklich zu leisten imstande ist."


"Man bekommt das Gefühl, dass er viel mehr kann als hier und da ein Tor vorzubereiten."
Enis Köylü, Goal International, über Özil

Köylü führt aus: "Özil hat durchaus in vielen Partien einen starken Beitrag geleistet, aber in den wichtigen Spielen gegen die "Großen" Manchester City, United und Chelsea blieb seine Leistung unter den Erwartungen. Man bekommt das Gefühl, dass er viel mehr kann als hier und da ein Tor vorzubereiten."

Was bedeutet das alles für die Nationalelf? In Brasilien kann nur einer in der Zentrale hinter dem Stürmer spielen. Muss Jogi Löw sich also entscheiden – Götze oder Özil? Durchaus möglich: Es könnte paradoxerweise gerade Götzes Anpassungsfähigkeit sein, die Özil den Platz in der ersten Elf sichert. Löw ist seit jeher ein großer Anhänger der Spielkunst des ehemaligen Real-Spielers und könnte mit Müller rechts und Reus links sein System beibehalten, wenn er einen fitten Klose oder Gomez zur Verfügung hätte, Götze dann als Super-Super-Joker auf der Bank, der einem Spiel, wenn nötig, frische Impulse geben kann.

Löw schätzt darüber hinaus durchaus die Option der falschen Neun, die er gern mit Götze besetzt, doch wirkte diese Lösung im Nationalteam besonders zuletzt gegen Italien ineffektiver als bei Bayern. Trotzdem wird Löw mit Sicherheit auf diese taktische Variante zurückgreifen. Viel wird in dieser Sache jedoch auch von der Formentwicklung der zwei Italien-Legionäre im Sturm abhängen – und von Brasilien-Kandidat Kruse, der ebenfalls derzeit schwächelt.

All das gilt jedoch nur, wenn der aktuelle Trend sich nicht nachhaltig fortsetzt. Schafft Özil es nicht dauerhaft, sein Formtief bei Arsenal hinter sich zu lassen und trumpft Götze bei den Bayern gleichzeitig weiterhin auf, könnte dies auch den Bundestrainer ins Grübeln bringen. Am Mittwoch können beide in Gegenwart von Löw zeigen, warum sie auf jeden Fall in die Startelf gehören. Auf welcher Position auch immer.

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