thumbnail Hallo,

Im dritten Anlauf: Adrian Ramos erobert die Bundesliga

Der Kolumbianer ist in der Form seines Lebens und gilt als möglicher Nachfolger von Robert Lewandowski. Körperlich und technisch bringt er alles mit - Restzweifel bleiben trotzdem.

PORTRÄT
Von Martin Ernst

Eine Sache haben Jürgen Klopp und Adrian Ramos auf den zweiten Blick gemein: Beide sind Anlauf- und Aufstiegsspezialisten. Während der heutige Trainer Borussia Dortmunds mit dem FSV Mainz 05 2004 im dritten Anlauf den ersehnten Aufstieg schaffte, kennt Ramos eher das Modell Fahrstuhl: Zweimal stieg der Stürmer mit Hertha BSC ab und wieder auf. Bei seinem dritten Anlauf im Oberhaus ist ihm nun endgültig der Durchbruch gelungen.

Seit mehreren Wochen bereits wird Ramos als Ersatz für Robert Lewandowski beim BVB gehandelt, der sich ab Sommer das Trikot des FC Bayern München überstreift. Für Ramos, gerade 28 geworden, könnte es die letzte Chance in seiner Karriere sein, zu einem Verein zu wechseln, der regelmäßig um die Champions League mitspielt. Und in Berlin könnte man ihm den Wechsel kaum übelnehmen, denn Ramos hat nicht erst in dieser Saison im Hertha-Trikot geglänzt.

Ramos und Hertha: Fahrstuhl-Treue

Schon sein Einstand unter Lucien Favre 2009 war stark (zehn Tore, fünf Assists), weil Hertha aber im Sommer 2010 abstieg, blieben die ordentlichen Leistungen des Kolumbianers bis auf ein Interesse der TSG Hoffenheim eher unbemerkt. Ramos ging mit ins Unterhaus und war gemeinsam mit Raffael einer der Aufstiegsgaranten in der Saison 2010/2011. Doch auch der zweite Anlauf im Oberhaus misslang nach ordentlichem Start.

EXPERTENMEINUNG AUS DEM REVIER
"Adrian Ramos würde gut ins Spiel von Borussia Dortmund passen. Er ist schnell, bewegt sich gut im Raum und kommt aus der Tiefe. Genau die Sorte Spieler, auf die Jürgen Klopp zu stehen scheint, wenn man sich die Transfers der letzten Jahre anschaut.

Auch seine Kopfballstärke wäre ein Pluspunkt. Allerdings kann ich mir nur vorstellen, dass er als 'Stürmer Nummer zwei' verpflichtet würde, denn die Klasse eines Robert Lewandowski hat er (noch) nicht."  Stefan Döring, Goal Deutschland
In der Abstiegssaison 2011/12 musste Ramos unter Trainer Markus Babbel häufiger auf den linken Flügel ausweichen, was ihm weit weniger lag. Es war ohnehin die schwerste Zeit in seiner Karriere: Wegen der Copa Amercia startete er ohne richtige Sommer-Pause in die Spielzeit, Entzündungswerte im Blut führten im Anschluss wohl zu einem starken Leistungsabfall.

2012 Abstiegskampf

Sportlich lief im angespannten Berliner Abstiegskampf mit mehreren Trainerwechseln kaum noch etwas zusammen. Ausgelassene Großchancen wie die am 28. Spieltag gegen Wolfsburg, als Ramos alleine vor Keeper Benaglio aus 25 Metern völlig überhastet abzog, waren symptomatisch. Ein Kopfball-Eigentor in der Relegation gegen Fortuna Düsseldorf machte ihn endgültig zum Gesicht des Abstiegs. Wieder stieg Ramos mit ab, diesmal schoss er die Hertha gemeinsam mit Raffaels Bruder Ronny zurück in die Beletage.

Dass auch sein dritter Anlauf im Fußball-Oberhaus mit einem Abstieg endet, ist momentan eher unwahrscheinlich: Seit seinem zweiten Wiederaufstieg ist Ramos in bestechender Form und hat die Berliner mit 14 Toren und fünf Assists in sichere Tabellenregionen geschossen. Auf dem Boden überzeugt der Angreifer als Ballabschirmer und Vollstrecker, in der Luft durch präzise Kopfbälle.

Zweikampstark und passsicher

Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass er unter Jos Luhukay auf seiner Lieblingsposition als einzige Spitze gesetzt ist. „Ich kann auch auf den Flügeln spielen, aber ich bevorzuge klar die Neuner-Position“, sagte Ramos im Januar erst der kolumbianischen Zeitung El Tiempo. Weil Ramos unter Luhukay unumstritten ist, verlieh die Alte Dame Anfang der Saison sogar Sturm-Talent Pierre-Michel Lasogga nach Hamburg.

Lasogga definiert sich über Wucht und Entschlossenheit, Ramos über Ballgefühl und Spielkultur, was dem Niederländer Luhukay mehr liegt. Ramos ist kein Strafraum-Experte, sondern interpretiert seine Rolle mit einem weiten Radius, lässt sich tief ins Mittelfeld zurückfallen oder weicht auf die Flügel aus, um den Ball zu sichern oder abklatschen zu lassen und so selbst zur Initialzündung für einen von Herthas Kontern zu werden. Es sind wohl speziell diese Fähigkeiten, die an einen Lewandowski oder Barrios denken lassen und die ihn für Jürgen Klopp so interessant machen.

"Komplizierter Gegenspieler"

Als „komplizierten Gegenspieler“ beschrieb ihn Nürnbergs Verteidiger-Urgestein Javier Pinola nach dem Auswärtssieg in Berlin gegenüber Goal: „Ramos ist nicht umsonst kolumbianischer Nationalspieler. Er bewegt sich sehr intelligent, ist dann plötzlich sehr schnell und behauptet den Ball einfach stark. Man darf ihn nie aus den Augen verlieren“, warnte der Argentinier. Die große Stärke des mitunter etwas staksig wirkenden Ramos leigt darin, den Ball in der gegnerischen Hälfte auf engem Raum und unter dem Druck der Gegenspieler zu behaupten und zum Mitspieler zum bringen.

ADRIAN RAMOS & ROBERT LEWANDOWSKI
Bundesliga

Einsätze:
20
Tore:
14
Vorlagen:
4
Passquote:
73,8%
Chancen aus dem Spiel heraus:
32
Schüsse pro Spiel: 3,2
Bundesliga
 
Einsätze: 20
Tore:
13
Vorlagen:
 6
Passquote:
72,9%
Chancen aus dem Spiel heraus:
32
Schüsse pro Spiel:
3,8

Ramos hat neben Lewandowski (509) die meisten Zweikämpfe ligaweit bestritten (568), davon aber rund vier Prozent mehr gewonnen (46,5 % gegen 42,5%, Quelle: Opta). Auch seine Passquote (74,8%) kann mit der des Polen mithalten (72,9%). In der gegnerischen Hälfte bringt Ramos diese Saison den Ball etwas erfolgreicher an den Mann (71,9% gegen 69,2%), im letzten Spielfeld-Drittel wiederum hat Lewandowski leicht die Nase vorn (64,2% gegen 63,4%). Lediglich die Gladbacher Kurzpass-Experten Max Kruse und Raffael haben als Angreifer bei derselben Anzahl von Spielen eine bessere Quote (84%) als Ramos und Lewandwski.

Flexibel einsetzbar, aber ohne internationale Erfahrung auf Klubebene

In Sachen genutzter Großchancen sind sich die beiden Stürmer zur Zeit ebenbürtig, Lewandoswki kommt auf 52%, Ramos auf 50%. Ein Manko bleibt, dass Ramos aus der Ferne so gut wie nie trifft. Dennoch bringt der Südamerikaner die Spielintelligenz und die nötigen technischen Fertigkeiten mit, um das Erbe Lewandowskis als einzige Spitze im 4-2-3-1 anzutreten. Dank seiner Geschwindigkeit könnte Ramos aber auch auf die Flügel ausweichen, optional sogar hinter der Spitze agieren. Auch ein 4-4-2 mit zwei Stürmern ist dem Angreifer aus seiner Berliner Zeit vertraut.

                                                                Dortmunder Südamerikaner






Der Zweifel bleibt freilich, ob der scheue und als sensibel geltende Ramos auch auf internationalem Level seine Leistung konstant abrufen kann. Bis auf den Druck des Abstiegskampfes und einige Länderspiele für Kolumbien kennt der 28-Jährige keine vergleichbaren Situationen. Und Herthas Seuchen-Sommer 2012, der unter Otto Rehhagel endete, hat gezeigt, dass er keiner ist, der eine Mannschaft mitreißen oder Impulse setzen kann, wenn es mal nicht läuft.

Allerdings ist da noch Jürgen Klopp, der schon so manch einen Spieler geformt und in sein Tempo-Ensemble integriert hat, und einiges spricht dafür, dass Ramos aus früheren Krisen gestärkt hervorgegangen ist. Neben ihren Zweitliga-Erfahrungen könnten Trainer und Spieler auch einen gewissen Humor teilen. So erklärte Ramos in einem seiner seltenen Interviews vor Kurzem, wie schwer ihm die deutsche Sprache immer noch fällt, nicht ohne eine Portion Selbstironie: „Deutsch lernen, das ist schwieriger als gegen die Bayern Tore zu schießen.“

EURE MEINUNG: Ramos und der BVB - passt das?

Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal auf
oder werde Fan von Goal auf !

Dazugehörig