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THOR WATERSCHEI @ Goal.com. Blogger Björn Hoeftmann berichtet über das märchenhafte Endspiel in der Karriere des englischen Altstars Darren Anderton, der mittlerweile in der vierten englischen Profiliga beim AFC Bournemouth gelandet für die Cherries zwei Minuten vor dem Abpfiff seiner 18-jährigen Laufbahn gegen die Kicker von Chester City den Siegtreffer erzielt hat.

Von Björn Hoeftmann

Samstag, 6. Dezember 2008. Zugegeben, der Sound der an diesem Nikolaustag stattfindenden Partie AFC Bournemouth gegen Chester City klingt nicht gerade verlockend. Schließlich empfängt Bournemouth, der 23. und Vorletzte der League Two, die im Tabellenkeller dieser vierten englischen Profiliga gerade einmal vier Ränge besser postierten Kicker aus Chester. Chester? Oh no, wir wollen uns nicht lange mit dem gleichnamigen Käse aus Kuhmilch aufhalten, der regelmäßig beim Einkauf aus dem Kühlregal grüßt.

Denn an diesem Samstag wird in Dean Court, dem zugigen Schmuckkästchen des AFC Bournemouth, Altstar Darren Anderton gegen die Käsekicker die finale Partie seiner Karriere bestreiten. Jener Anderton mit dem Milchgesicht und scharfen Kinn ist mittlerweile 36 Jahre alt und machte 2006 den Klub aus dem südenglischen Seebad, der angesichts seiner rot-schwarzen Kluft The Cherries (die Kirschen) genannt wird, zu seinem Altersitz. Erst den Dienstag vor dieser Partie kündigte Anderton, die reife Kirsche, nun an, dass die Partie gegen Chester das Endspiel seiner 18 Jahre andauernden Profilaufbahn sein werde.

Es sei "a day to say goodbye und thank you" ließ der Vorstand der Cherries, die infolge einiger finanzieller Kalamitäten in der jüngeren Vergangenheit mit einem 17-Punkte-Abzug in diese Saison starten mussten, auf der Klub-Webseite schon im Vorfeld mit einem Anflug von Melancholie in Anspielung auf Andertons finalen Kick verlauten.

Darren Anderton - so manchem deutschen Fußballfan wird womöglich noch das Herz anfangen zu flattern, wenn er an das sagenhafte Halbfinale der Euro 1996 zurückdenkt, bei dem sich England und Deutschland im alten Wembleystadion einen wahrhaftigen Krimi lieferten. Jener Darren Anderton, der Filigrantechniker von Tottenham auf Englands rechtem Flügel, war es, der in der Verlängerung beim Stand von 1:1 das englische Golden Goal auf dem Fuß hatte. Dem deutschen Dusel sei Dank verhinderte der Innenpfosten jedoch Schlimmeres.

Das Ende ist hinlänglich bekannt. Es ging ins Elfmeterschießen, in dem sich die Elf von Berti Vogts durchsetzte und ins EM-Finale einzog, in dem ein gewisser Oliver Bierhoff zum Helden werden sollte. Der Darren Anderton dagegen sollte danach im Dress der Three Lions nie wieder derart im Rampenlicht stehen. Das lag zum einen an dem aufstrebenden David Beckham und vor allem an der Verletzungsanfälligkeit Andertons, der er seinen ungeliebten von Fans verpassten Spitznamen „Sicknote“ verdankte.

Die Maladitäten des hochbegabten Mannes vor Mr. Beckham auf Englands rechter offensiver Mittelfeldseite verbauten ihm letztlich eine größere internationale Karriere sowie mehr als die 30 bestrittenen Länderspiele. Vielleicht mag es auch an Beckham größerem boulevardesken Glanz gelegen haben. Denn so mancher skeptischer Zeitgenosse im Fußball-Mutterland sprach dem eleganten Anderton bisweilen eine größere Begabung als Beckham zu.

Wie dem auch sei, es mutet gleichwohl wie ein Treppenwitz von Andertons Vita an, dass er es dennoch auf inzwischen über 600 Profipartien gebracht hat. Inklusive der gestrigen Abschiedsvorstellung gegen Chester City. Er habe nie daran geglaubt, jemals in der League Two zu enden, hatte Anderton, der in zwölf Jahren im Tottenham-Trikot fast alle Höhen und Tiefen der Premier League miterlebte, noch jüngst in einem Interview mit dem Independent offenbart.

Doch so schlimm wie erwartet, sei es für Anderton in der vierten englischen Profiliga nach eigenem Bekunden nicht gewesen. Denn schließlich würden, wie er augenzwinkernd verriet, auch in dieser Liga alle versuchen, Fußball zu spielen. Eben so wie der Altstar aus Bournemouth, dem Tottenham-Coach Harry Redknapp vor kurzer Zeit bescheinigte, noch immer in der Premier League mithalten zu können. Andertons Abschied ist daher zweifellos einer von der geräuschlosen Sorte, vielleicht auch würdiger als jenes unter großem Getöse inszenierte Beckham'sche Abschiedsgetingel durch die weite Welt des Fußballs.

Erwähnung finden sollte übrigens noch der Ausgang des Endspiels von Anderton, der nach einer guten Stunde unter dem tosenden Applaus der anwesenden 4.152 Zuschauer in Dean Court eingewechselt wurde. Andertons finaler Akt dabei mutet fast ein wenig märchenhaft an, schoss er Bournemouth mit einem Volleyschuss zwei Minuten vor dem Schlußpfiff tatsächlich zum 1:0-Siegtreffer gegen die Kicker aus Chester. Einige englische Gazetten und Fußballportale im Internet sollten tags darauf anerkennend titeln: „ANDERTON ENDS CAREER IN STYLE “.

Dieser Artikel wird präsentiert von dem Fußball-Blog THOR WATERSCHEI.

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