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Stefan Effenberg: "In Madrid ist Pep Guardiolas System an Grenzen gestoßen"

Geschlossen blickt die Fußball-Welt gen München: Bayern kämpft gegen Real und das vorzeitige Scheitern der historischen "Mission Titelverteidigung". Effenberg weiß, was zu tun ist.

München. Er bewachte Raul. Er fightete gegen Zinedine Zidane. Und jubelte gegen beide. Stefan Effenberg schlug manch erbitterte Schlacht mit Bayern München. Etwa vor dem größten Triumph seiner Laufbahn, dem Champions-League-Titel, als Real Madrid aus dem Wettbewerb gefiedelt wurde. Im Halbfinale. Damals wie heute?

Am Dienstag gastiert das königliche Orchester zum Rückspiel (20.45 Uhr im LIVE-TICKER bei Goal) in der Allianz Arena. Vollgepumpt mit Selbstvertrauen. Unter besseren Vorzeichen. Anders als 2001 lastet ein 0:1-Rückstand auf dem deutschen Titel-Krösus. Auf dem Favoriten, dem amtierenden Champion.

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Exklusiv bei Goal spricht Sky-Experte Effenberg (45) Klartext. Ein Interview über Pep Guardiolas System-GAU, die Abhängigkeit von Franck Ribery, das Stilmittel Rhythmuswechsel und falsche Zufriedenheit. Plus: Warum Dortmund kein Vorbild sein darf!

Herr Effenberg, das erste Kräftemessen vergangenen Mittwoch weckte ungleiche Reaktionen. Hier die zufriedenen, dort die nörgelnden. Wo reihen Sie sich ein?

Stefan Effenberg: Zu allererst können die Bayern froh sein, dass sie nicht zwei oder drei Stück kassierten. Es war ihre typische Spielweise unter Pep Guardiola. Mit viel Ballbesitz versuchen sie, Gegner zu ermüden. Für mich zeigte Real eine taktische Meisterleistung, ließ sich nicht locken. Es verfügt über eine hohe Qualität im Verteidigen. Man spielte nicht mit offenem Visier, sondern das, was man beherrscht. Schnell umschalten, auf Konter setzen. Die Rechnung ging auf: Madrid erarbeitete sich klarere Chancen. Damit kann in München niemand zufrieden sein. Es fehlten die Lösungen.

Real verkörpert den ästhetischen Ball seitjeher. Obgleich scheint auf dem Weg zu "La Decima", dem zehnten Triumph in der Königklasse, jedes Mittel recht. Jose Mourinho wurde dazumal für seine Destruktivität gescholten – inwiefern erwarteten Sie eine ähnlich abwartende Ausrichtung?

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Effenberg: Ich dachte, dass sie das Geschehen offener gestalten. Sie sind eigentlich offensiv ausgelegt. Aber Carlo Ancelotti hat die richtigen Schlüsse gezogen: Man überließ dem FCB mehr Ballbesitz und versuchte, Fehler eiskalt auszunutzen. Er hat brandgefährliche Stars dafür. So erspielte man sich drei hundertprozentige Chancen – unter dem Strich ist das Ergebnis daher nicht unverdient.

Unentwegt verpufften bayerische Offensivbemühungen. Das wirft abermals die Gretchenfrage auf: Muss der katalanische Stratege sein auf Dominanz basierendes Konzept adaptieren?

Effenberg: Grundsätzlich würde ich nichts umstellen, weil du in der Regel 90 Prozent deiner Spiele gewinnst. In der Bundesliga wirst du dich damit durchsetzen. Du zermürbst die Gegner durch andauernden Ballbesitz. Auf dem nächsten Level ist es jedoch ein anderes Spiel. Teams der Kategorie Manchester United, jetzt Real, oder im Finale womöglich Chelsea, verteidigen fast in Perfektion. Sie sind taktisch so gut geschult, dass sie nicht unnötige Wege laufen, sondern mit zwei, drei Schritten eine Situation komplett zustellen. Zu reagieren, wenn du diese Idee vom Fußball verinnerlicht hast, ist schwer. In Madrid ist das System an Grenzen gestoßen. Deshalb brachte Guardiola mit Javi Martinez in der zweiten Halbzeit einen Mann für Standardsituationen, um die Lufthoheit im gegnerischen Strafraum zu gewinnen. Das ging nicht auf. Es hängt alles vom Erfolg ab. Die Meisterschaft haben sie, das große Pokal-Finale gegen Dortmund, was schwierig wird, und das Halbfinal-Rückspiel stehen bevor. Da müssen sie etwas einsammeln, sonst wird die Diskussion lauter, ob die Grundausrichtung richtig ist.

Über die angesprochenen fehlenden zehn Prozent definiert sich ein Marktführer – unter Jupp Heynckes schien man dem Ideal sehr nahe. Was vermissen Sie derzeit?

Effenberg: Die Bayern haben die Qualität, deshalb muss das Triple der Anspruch sein, klar. Mir fehlten gegen Real die Tempowechsel. Man sollte sich nach guten Chancen auch zurückziehen, das Spiel in die eigene Hälfte verlagern und die Kontrolle scheinbar abgeben. Wenn Ball und Raum dem Gegner temporär überlassen werden, können sie selbst schnelle Gegenstöße fahren. Das entspricht allerdings nicht ihrer Auslegung. Man will immer den Ball haben, deshalb legt man diesen vor dem Strafraum ständig quer, wie im Handball. Es wird versucht, die Lücke zu reißen. Dadurch fehlt die Dynamik. Manche sagen, es sei langweilig. Andere sagen, es sei statisch. Das sind durchaus Begriffe, die stimmen. Besagte Rhythmuswechsel wären ein Vorschlag. Der Gegner weiß nämlich genau, was er zu tun hat, um die Bayern auszuschalten. Hinzu kommt, dass Franck Ribery nicht in so bestechender Verfassung ist wie im Vorjahr. Durch seine Krise hakt das Spiel.

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Effenberg: In entscheidenden Partien brauchst du Spieler, die den Unterschied ausmachen. Wenn sie nicht bei hundert Prozent sind, kriegst du automatisch Probleme. Egal, ob Bayern München oder Real Madrid. Sollte Ronaldo nur 70 oder 80 Prozent seines Leistungsvermögens abrufen, läuft es nicht. Bei Ribery oder Mario Götze ist das ähnlich. Jeder Trainer hat Angst, dass genau so ein Fall eintritt.

Mit welchen Reizen wirkt ein Trainer unterstützend entgegen?

Effenberg: Guardiola muss viel mit ihm reden! Vielleicht ist es bei Ribery eine mentale Blockade. In der vergangenen Woche wurden bestimmt zahlreiche Gespräche geführt. Man versucht, den Kopf frei zu kriegen. Der Druck und die Erwartungen sind hoch.

Zuletzt verkam der Begriff Rhythmus zum geflügelten medialen Thema. Gebetsmühlenartig versicherten die Hauptdarsteller, den Hebel umlegen zu können, sofern es gefordert ist. Worin liegt die Problematik?

Effenberg: Bei 20 oder 30 Punkten Vorsprung geht die Spannung verloren, das ist menschlich. Den Schlendrian rauszubekommen und den Knopf zu drücken innerhalb von drei Tagen ist unmöglich. Real Madrid steht in der Liga unter Zugzwang und muss gewinnen, um die Chance auf den Meistertitel zu wahren. Das ist ein Vorteil, den viele unterschätzen. Trotzdem wird Bayern es so angehen, dass man sofort sieht, dass es nur einen Sieger geben kann.

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Thomas Müller proklamierte für das zweite Kräftemessen bereits volles Risiko. Die Konsequenz: Hinten wird der Titelträger verwundbar. Wie erfolgsversprechend ist diese Formel?

Effenberg: Ich bin ein Freund davon, das Risiko zu steigern und auf den Verlauf zu reagieren. Das können die Spieler. Solange es 0:0 steht, sollte man die Geduld bewahren und auf kontrollierte Offensive setzen. In der 85. Minute kann ebenfalls etwas passieren. Real muss nicht in Grund und Boden gestampft werden. Bayern darf nicht in Panik verfallen. Wenn du es überspitzt, begehst du Fehler. Jeder weiß, worauf es ankommt, hat den Gegner und dessen Idee seit dem Hinspiel im Kopf. In der Regel merkt man nach zehn bis 15 Minuten, wie es läuft und dann muss womöglich die Taktik angepasst werden.

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Günter Netzer schrieb in seiner Bild-Kolumne, Guardiolas Philosophie könnten "deutsche Elemente", diese Zielstrebigkeit guttun. Ausgerechnet Dortmund, der schärfste Widersacher der jüngsten Vergangenheit, brachte die Blancos gehörig ins Wanken. Dienen sie als Vorbild?

Effenberg: Überhaupt nicht, der BVB darf nicht das Vorbild sein. Bayern kann nicht so spielen. Außerdem ist die Ausgangsposition eine ganz andere. Real gewann das Hinspiel 3:0 und dachte sich: Was soll überhaupt noch passieren? Mit dieser Einstellung wurde es eng, da hatten sie richtig Glück. Nur kann man die Begegnungen nicht vergleichen. Das ist ein riesiger Unterschied. Sie werden ganz anders auftreten, zumal es gegen den FC Bayern, den Champions-League-Sieger geht. Sie werden mit wesentlich mehr Spannung antreten als gegen Dortmund und haben unglaubliche Waffen.

Etwa Cristiano Ronaldo und Gareth Bale: Beide waren zuletzt nicht ganz fit, hatten nun eine Woche, um ihre Paradeform zu erreichen. Inwiefern erhöht sich der Schwierigkeitsgrad dadurch?

Effenberg: Ich sag mal so: Einfacher wird es mit Sicherheit nicht (lacht). Ich erwarte dasselbe Spiel wie in Madrid. Real wird nach Fehlern versuchen, das eine oder andere Tor zu erzielen. Die Spieler wissen, dass sie sich in 90 Minuten, vielleicht 120, keine Fehler erlauben dürfen, sonst endet es bitter. Das macht das Kribbeln im Vorfeld aus.

2001 dirigierten Sie die Bayern zum Henkelpott, in der Vorschlussrunde wurden die Madrilenen eliminiert. Was schwirrt Ihnen durch den Kopf, wenn Sie zurückdenken?

Effenberg: Ausschließlich Gutes! Man freut sich als Spieler auf solche Duelle, auf solche Gegner, die auch mitspielen können. Für gewöhnlich ist Real eine offensive Mannschaft, das waren sie immer. Allerdings ist Bayerns Spielweise von heute nicht mit unserer zu vergleichen. Wir waren nicht so ballbesitzorientiert. Wenn die Großen kamen, probierten wir zunächst, hinten gut zu stehen und die Räume dicht zu machen. Uns zeichnete aber immer der Glauben aus, vorne zu treffen.

Vor Rückspiel: Guardiola grübelt noch

Wären Sie, eine hochemotionale, ehrgeizige Führungsfigur, mit dem Auftritt in Spanien glücklich gewesen, wenn man Aufwand und Ertrag gegenüberstellt?

Effenberg: Bayern darf nie mit einer Pleite zufrieden sein. Die Statistik ist schön und gut, doch letztendlich steht ein 0:1. Was die Spieler danach gesagt haben, sollte nicht auf die Goldwaage gelegt werden. Am Dienstag müssen sie alles abrufen und das Quäntchen Glück erzwingen, dann kommen sie weiter. Jetzt von falscher Zufriedenheit zu sprechen und zu viel hineinzuinterpretieren, wäre nicht richtig. Die Spieler lassen sich vom Schein nicht trügen. Sie können alles gerade rücken, da darf man kein verfrühtes Urteil fällen.

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