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Giovane Elber: "Mario Mandzukic macht den FC Bayern besser"

Die Münchner erwartet im Rückspiel gegen United ein heißer Tanz: Im Vorfeld spricht Elber über den Faktor Mandzukic, Sammers Schlüsselrolle sowie den einzigen FCB-Konkurrenten.

München. Im Giuseppe-Meazza Stadion erlebte Giovane Elber seine Vollendung. Ausgerechnet an der früheren Wirkungsstätte. Dort, wo in den 90ern beim AC Mailand das Europa-Abenteuer begann, eroberte er mit Bayern München die Champions League . Nur zwei Jahre nach dem Sekundentod von Camp Nou reckte er den ersehnten Henkelpott gen Nachthimmel.

Bevor sein Ex-Arbeitgeber am Mittwoch (ab 20.45 Uhr im LIVE-TICKER bei Goal ) Manchester United zum Viertelfinal-Rückspiel empfängt, blickt er zurück auf die wohl schrecklichste Pleite der Final-Historie sowie den größten Triumph seiner Laufbahn.

Im Goal-Interview verrät der nunmehr 41-jährige Brasilianer überdies, warum Mario Mandzukic den schnörkelhaften FCB-Stil erfolgsorientierter gestaltet, wie der Konkurrenzkampf hochgehalten wird und weshalb Robert Lewandowskis Engagement durchaus Sinn macht.

Herr Elber, ManUnited und Eckbälle wecken beim FC Bayern unliebsame Erinnerungen…

Giovane Elber: Ein Finale zu verlieren wie 1999, passiert dir einmal im Leben. Die Erinnerungen setzen sich im Kopf fest, aber nur bei uns Ex-Fußballern. Die Spieler von heute haben es vermutlich im Fernsehen verfolgt. Für sie ist die Sache durch.

Sie sahen die Tragödie aus der Zuschauerperspektive. Womit richteten Sie die Kollegen auf?

Elber: Das schaffte selbst ich nicht! Für mich war die Situation nicht einfach. Ich wollte unbedingt auf dem Platz stehen. Leider war ich verletzt. Die Jungs zeigten ein tolles Endspiel, ehe das traurige Ende kam. Manchester hatte das Glück auf seiner Seite. Wir haben aus dieser Niederlage gelernt, sie hat uns geprägt. 2001 wurden wir in letzter Sekunde in Hamburg Meister. Du darfst nie aufgeben, musst, wie es Olli Kahn gerne sagt, immer weiter machen.

Wie verarbeitet man solche Momente der puren Trauer, des Haderns?

Elber: Ich bin in die Heimat geflogen, kurierte mein Knie aus. Bis die Lust am Fußball zurück war, dauerte es Monate. Die Niederlage war allgegenwärtig. Es ist wirklich hart, eine Hand am Pokal zu haben und in allerletzter Sekunde wird dir alles genommen. Für jeden Einzelnen war es schwierig, sich auf den Sport zu konzentrieren. Ottmar Hitzfeld sagte, wir müssten die Zeit bis zur Winterpause meistern. Er motivierte uns, an die eigene Stärke zu glauben. Wir hielten uns in der Liga gut, überstanden die Champions-League-Gruppenphase. Danach kam alles von selbst.

Die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden – der Triumph 2001 sowieso.

Elber: Als wir im Finale gegen Valencia standen, war uns klar: Das dürfen wir nicht verlieren. So eine Chance hätte wenige Spieler in unserem Kader erneut bekommen. Viele waren bereits Ü30er. Plötzlich kassierst du das erste Tor, dann vergibt Scholli (Anm.: Mehmet Scholl) den Strafstoß. Im Elfmeterschießen machte Olli glücklicherweise mit seinen Paraden den Unterschied. Endlich hatten wir das Ding.

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Die Triple-Bayern wirken ähnlich gefestigt, qualitativ noch herausragender, spielerisch facettenreicher als Ihre Generation. Warum stellte ein kriselndes United sie dennoch vor fast unlösbare Aufgaben?

Elber: Die Mannschaft ist unheimlich stark. Es war ähnlich wie bei uns. Sie haben sich nach dem Finale dahoam zurückgekämpft und gegen Dortmund im Wembley gewonnen. Diese Geduldspiele wie in Manchester sind bekannt. Jeder Gegner plant kompakt zu stehen. So hat Bayern zwar viel Ballbesitz, aber keinen Raum. Über die gesamte Spielzeit kommen sie dennoch zu ihren zwei, drei Chancen – und die verwerten sie eiskalt. Auswärts wird United an seiner Ausrichtung nichts ändern, auf Konter über Wayne Rooney und Danny Welbeck lauern. Da muss man aufpassen.



Zu Hause wurden die Red Devils nach allen Regeln der Kunst eingeschnürt, die Überlegenheit schien erdrückend – warum konnte lange kein Profit erzielt werden?

Elber: Ob Manchester, Barcelona oder Paris Saint-Germain – jede der Mannschaften nutzt kleinste Fehler aus. Man muss diese minimieren. Die Klasse ihrer Spieler ist riesig. Ein Ball, den man nicht so optimal klärt, und schon gerät man in Rückstand. United ist und war ein gefährlicher Gegner. Da stehen einander ganz Große gegenüber.

Tief stehen und blitzschnelle Nadelstiche setzen – eine Marschrichtung, die Pep Guardiola in der Vergangenheit mehrfach Kopfzerbrechen bereitete. Muss er seine Taktik überdenken?

Elber: Nein, ich kenne das aus meiner Zeit. Du versucht es über Links, über Rechts, durch die Mitte. Du machst alles. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo man sich denkt: Und jetzt? Was soll ich noch probieren, um Einschussmöglichkeiten vorzufinden? Da verzweifelt man. Du passt viel, suchst im Eins-gegen-Eins die Entscheidung, presst den Gegner, lässt ihm keine Luft zum Atmen, um bei einem Ballverlust zur Stelle zu sein. Bayern wird am Mittwoch seine Angriffe durchspielen und viele Torchancen bekommen, davon bin ich überzeugt.

" Klubs aus Spanien oder Frankreich kaufen Spieler um Spieler. Um mitzuhalten, musst du jeden Sommer dein Team verstärken. Egal wie gut es ist. "



Giovane Elber

Vergangene Woche opferte Guardiola, ein Verfechter der falschen Neun, seinen Goalgetter. Erst mit Mario Mandzukic‘ Einwechslung wurde das Bollwerk geknackt. Verleiht er dem geordneten Chaos notwendige Zielstrebigkeit?

Elber: Für mich ist die Sache klar: Mandzukic macht Bayern besser. Mir gefällt der Junge. Er macht aus wenig ganz viel. Mit Arjen Robben und Franck Ribery verfügt er über hochkarätige Flügelspieler, die permanent das direkte Duell suchen. Er läuft sich oft frei, bekommt seine Bälle. Das Spiel ist mit ihm weniger ausrechenbar. Obwohl er als Mittelstürmer gegen defensive Gegner weniger Chancen kriegt. Ein schneller Treffer wäre daher Gold wert. So würde Bayern zusätzliche Räume bekommen und könnte das normale Spiel durchziehen.

Von Mandzukic sprechen Sie in höchsten Tönen, der Transfer-Coup um Robert Lewandowski wurde Ihrerseits zunächst kritischer bewertet. Entspricht dieser jedoch nicht dem Anspruch?

Elber: Bei Lewandowski war es einfach. Wäre er nicht zum FCB gewechselt, dann zu Manchester, Barcelona, Real oder Paris. Bei Bayern ist es so: Wenn ein guter Spieler auf dem Markt ist, schlagen sie zu. Sie haben das nötige Geld, können die Gehälter bezahlen. Für Borussia Dortmund ist das hart, da der zweite Star nach Mario Götze diesen Schritt wagt.

Folglich zielt der Rekordmeister nicht darauf ab, die heimische Gegenwehr zu terminieren. Vielmehr sollen die internationalen Antagonisten nicht gestärkt werden.

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Elber: Genau, Klubs aus Spanien oder Frankreich kaufen Spieler um Spieler. Um mitzuhalten, musst du jeden Sommer dein Team verstärken. Egal wie gut es ist. Damit beugst du der Zufriedenheit vor. Jeder sollte sich Tag für Tag neu beweisen müssen. Andernfalls leidet die Qualität. Bei Bayern ist der Konkurrenzkampf riesig, ob im Sturm, ob Mittelfeld oder der Abwehr. Hier wollen alle spielen. Alle sind Nationalspieler. Das Gute daran: Die Mannschaft steht, man rüstet nur gezielt nach. Die Führungsetage erkannte, dass ein Mittelstürmer fehlt. Claudio Pizarros Zukunft ist nämlich unklar. Bei Mandzukic bin ich gespannt. Daher war es vernünftig, Lewandowski zu holen.

Sportvorstand Matthias Sammer wahrt die interne Rivalität, hebt gerne mahnend den Zeigefinger. Wie essenziell sind Einflüsse von Außen?

Elber: Das Wichtigste ist, frühzeitig zu erkennen, was nicht läuft. Mit Uli Hoeneß hatte ich Glück. Sofern er merkte, dass jemand unzufrieden oder beleidigt war, suchte er den Kontakt, erklärte dem Spieler, was er besser machen sollte. Als Profi ist man egoistisch und auf sein Wohl bedacht. Ich wollte immer spielen, immer Tore schießen. Manchmal vergisst man, dass 20 weitere Kollegen hart für Einsätze schuften. Deswegen gibt es einen Sportdirektor und Trainer, die darauf professionell reagieren. Guardiola und Sammer haben reichlich Erfahrung. Sie wissen, was zu tun ist und sehen, wenn die Körperspannung nachlässt. Da musst du agieren, nicht reagieren. Nicht warten, bis die Sache eskaliert. Sondern herausfinden, was denjenigen beschäftigt.

Durch Rotation hält der katalanische Chef seine prominenten Schützlinge bei Laune. In Augsburg verkalkulierte er sich, bereitete der Rekordserie von 53 ungeschlagenen Spielen en suite ein Ende. Mit Bastian Schweinsteiger, Thiago sowie Javi Martinez fehlen am Mittwoch drei Stützen. Warum wurde nicht der Ernstfall geprobt?

Elber: Bayern hat Stars, die wissen, wie man damit umgeht. Sie müssen gewinnen, weiterkommen, egal wie. Rotation ist kein Problem. Sie kennen einander und können einschätzen, wie der Nebenmann tickt, was er auf dem Platz macht. Sie sind nun frisch für die neue Herausforderung. Sie holten letztes Jahr das Triple. Die Titelverteidigung ist das große Ziel, das hat bislang niemand geschafft.

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Die Bundesliga echauffierte sich ob der Umstellungen, witterte gar Wettbewerbsverzerrung. Ihre Einschätzung?

Elber: Jeder, der beim FC Bayern trainiert, ist bundesligatauglich. Guardiola kann machen, was er möchte. Er schaut auf seine Spieler und schont sie für wichtige Partien, das ist richtig. Die Liga ist selbst schuld. Es wurde Bayern leicht gemacht. Die anderen Klubs versuchen, das Beste aus ihren Mitteln zu holen. Nur ist der Rückstand kaum wettzumachen. Einige kämpfen ums Überleben, verkaufen Talente anstatt nachzurüsten. Dafür bezahlen sie Gehälter pünktlich. Bayern ist für Dortmund oder Schalke derzeit eine Nummer zu groß.

Arsene Wenger posaunte nach dem Achtelfinal-Hinspiel trotzig, die Bayern wären schwächer als im Vorjahr…

Elber: Bayern ist noch stärker geworden. Es gilt das Spiel gegen Manchester abzuwarten, da kann viel passieren. Dennoch wage ich zu behaupten: In der Champions League scheint lediglich ein Team die Bayern besiegen zu können. Und das ist Real Madrid.

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