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Thomas Müller: Einer wie keiner

Nicht Ribery. Nicht Robben. Müller ist Bayerns Topscorer. Er bereichert den Titel-Krösus mit unkonventionellen Facetten. Guardiola vertraut ihm, sucht aber die optimale Lösung.

München. In einem VW-Bus klappert Regisseur Christian Heynen quer durch die Bundesrepublik. Auf der Suche nach dem Durchschnittsdeutschen. Auf den Spuren eines Allerweltsnamen, dem unter 82 Millionen weitest verbreiteten. Mal besucht er einen Gastronomen. Mal interviewt er einen Soldaten. Mal einen Fußballer. Klischeehaft normal, das ist keiner von ihnen. Schon gar nicht Letzterer.

Er, der Profi des FC Bayern München, der gefragte Triple-Gewinner, gibt den Thomas Müllers dieses Landes im Dokumentarfilm "Wer ist Thomas Müller" ein Gesicht. Ein einzigartiges. Authentisches. Selbst wenn er dem leicht übergewichtigen Mittel nicht entspricht.

Gewöhnlich, für jemanden aus einer prätentiösen Scheinwelt beinahe farblos, wirkt dagegen sein Äußeres. Sich und sein Privatleben zu inszenieren, widerspricht seinem Naturell. Erst auf dem Grün, gehüllt in rote Kluft, mutiert er. Zum unberechenbaren Genie. Zum Lautsprecher.

"Er versprüht immer Gefahr", erklärt Hasan Salihamidzic, selbst eine Institution in der Landeshauptstadt, bei Goal, "stellt sich ausnahmslos in den Dienst der Mitspieler. Das spricht für seinen Charakter." Egal, ob auf der Wohlfühlposition hinter der Spitze. Auf dem Flügel. Oder als falsche Neun. Er ist Pep Guardiolas Mann für alle Fälle.

Mixed Zone wird zur Comedy-Bühne

Wettbewerbsübergreifend hielt er bei 34 Volltreffern seine Storchenbeine dazwischen und hat maßgeblich Anteil daran, dass bei Hertha BSC (20 Uhr im LIVE-TICKER bei Goal) die früheste Meisterschaft der Bundesliga-Historie fixiert werden kann. Er ist damit gefährlicher als Arjen Robben. Assistiert besser als Mario Mandzukic. Und stiehlt Franck Ribery, Europas Fußballer des Jahres, die Show. Trotz alledem wird der gebürtige Oberbayer vielerorts belächelt. Das mag dem losen Mundwerk, dem trockenen wie pointierten Humor geschuldet sein.

In schöner Regelmäßigkeit lässt Müller die bierernste Mixed Zone zur Comedy-Bühne verkommen. Ein lockerer Spruch hier, ein scherzhafter Konter da. Er brilliert im Kreise der Fragensteller. Ohne abgehoben zu wirken. "Ich mag Situationskomik, drücke gerne mal einen Spruch rein, wenn der Moment es hergibt", offenbarte er der Zeit. "Aber ich bin mir nicht zu schade, mich selbst auf den Arm zu nehmen."

So kam er mitunter einem Interview-Wunsch nach, wo er Mimik sowie Gestik statt markigen Worten sprechen ließ. Extraordinär, irgendwie passend. Bei SPOX sagte er: "Ich hab das System verstanden." Termine solcher Art würden zum Geschäft gehören und der Fan danach dürsten. Im gehaltlosen PR-Zeitalter ein überaus erfrischender Ansatz.

Der 24-Jährige macht sich einen Spaß daraus, vor laufenden TV-Kameras seine Kollegen anzupöbeln. Er analysiert Partien prägnant, stellt sich unbehaglichen Themen und meidet branchenübliche Worthülsen. Müller lebt seine Profession – mit jeder Faser des Körpers. Er liebt den Wettkampf, die tägliche Arbeit. Das ist ihm anzumerken.

Ein "Glücksgriff" für Bayern

"Wir lachen sehr viel neben dem Platz", gesteht Mittelfeld-Konkurrent Xherdan Shaqiri, der zuletzt Kontakte nach Mönchengladbach dementierte, bei Goal. Zusammen mit Ribery mimt Müller mannschaftsintern die Stimmungskanone. Mit Scherzen foppen sie Mitspieler, blockieren Freistoßübungen auch mal mit einem Golfcart. Niemand ist davor gefeit.

Letztlich wird man jedoch an nackten Zahlen gemessen. "Ich stehe und falle schlagartig mit dem Erfolg. Sonst gehst du unter", weiß Müller. Ein netter Typ zu sein, gut anzukommen, reicht in der leistungsorientierten Gesellschaft bei weitem nicht. Dessen war er sich früh bewusst.

Seine mustergültige Einstellung rang Louis van Gaal dazumal eine Stammplatzgarantie ("Müller spielt immer") ab. Uli Hoeneß adelte ihn nach nur eineinhalb Jahren im Rampenlicht als "Glücksgriff" – ungewöhnlich für den früheren Präsidenten. Unaufhaltsam kletterte das Talent in der Hierarchie gen Spitze und erlebte 2012/13 die Saison seines Lebens.

"Nicht der Filigrantechniker"

Durchwachsene Vorstellungen und das verlorene "Finale dahoam" im Jahr zuvor beflügelten ihn, Wechselgedanken wichen der Rekordjagd. Mit Müller als essentiellem Mosaikstein. "Er hat den Riecher, das gewisse Etwas vor der Kiste, ist viel unterwegs und blitzschnell auf den Beinen", charakterisiert ihn Salihamidzic.

BAYERN VOR BERLIN-GASTSPIEL
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"Er vereint Qualitäten, die andere nicht haben. Nicht umsonst wurde er bei der WM 2010 bester Jungstar und Torschützenkönig." Dieser Müller, so Brazzo, sei "einmalig". Unter den Könnern seiner Zunft sucht der Instinktfußballer alter Schule seinesgleichen. Eine Gabe ist dabei von unschätzbarem Wert: Das Gespür für den Raum. Immer wieder schleicht er hinter die Abwehrreihen, stößt in Lücken, welche die wenigsten ausfüllen. Sein Timing perfekt, sein Auge gewinnbringend.

"Wir wissen alle", betont Shaqiri, "dass Thomas nicht der Filigrantechniker ist, dennoch zeigt er immer wieder, dass man nicht den besten letzten Pass, die beste Annahme haben muss, um zu einem Top-Spieler reifen zu können." Jene atypischen Laufwege, jene unorthodoxen Bewegungen sind größter Vorzug und Makel zugleich.

Suche nach dem Ideal

Hölzern wirkt er, sein technisches Rüstzeug limitiert. Eleganz á la Lionel Messi versprüht er nicht, vielmehr bezeichnet er seinen Stil selbst als "komisch". Ihn über sehenswerte Finten zu definieren – ein Fehler. Er brilliert durch Effizienz. Durch Kaltschnäuzigkeit. Durch Eifer. Unter van Gaal. Unter Jupp Heynckes. Unter Guardiola.

Gemeinhin bevorzugt der spanische Taktikguru wendige, polyvalente Akteure. Sein flexibles System erfordert ein hohes Maß an Ballfertigkeit. Unkenrufe, Müllers Zeit in München neige sich dem Ende zu, verstummten. Pep schwört auf das Gefahrenmoment seines Schützlings, das findet im öffentlichen Diskurs zu selten Beachtung. Allerdings scheint das Ideal noch nicht gefunden.

Müller, dessen Arbeitspapiere bis 2017 Gültigkeit haben, rotiert zwischen Angriff und Mittelfeld, zwischen Zentrum, wo er für das Empfinden seines Chefs zu viele leichte Ballverluste produziert, und Arjen Robbens rechtem Flügel. Die Konkurrenz im Luxuskader ist exorbitant, jede Position mehrfach hochklassig besetzt. Im Achtelfinale der Champions League musste er sich etwa zwei Mal als Teilzeitkraft verdingen.

"Für Spiele wie gegen Arsenal arbeiten wir die ganze Saison", wurmte es Müller. Gleichwohl behauptete er selbstbewusst: "Vor allem da habe ich Qualitäten, die verlangt werden." Meist schlitzohrige, immer kämpferische. Und niemals gewöhnliche.

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