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Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien und das wird alles von den Medien hochsterilisiert - soweit Business as usual. Was wir in dieser Woche gelernt haben...

Istanbul. Nach den negativen Schlagzeilen ist vor den positiven Schlagzeilen. So könnte das Motto der Woche in Istanbul lauten. Eigentlich würde Fenerbahce Istanbul ausreichend Futter liefern, um für zwei bis drei Wochen die Kolumne WwidWgh zu befeuern – und das richtig fetzig. Denn gerade an diesem Beispiel lässt sich gut erkennen, wie schnelllebig der Fußball ist und wie schnell die Fans wieder zu beruhigen sind – durch Erfolge und beeindruckende Siege.

Eine Statue sichert dir noch nicht den Job

Erst vor wenigen Wochen wurde im Istanbuler Stadtteil Kadiköy, der Heimatstätte des türkischen Klubs Fenerbahce, eine Statue für den Mannschaftskapitän Alex de Souza enthüllt. Acht lange Jahre schnürte er seine Stiefel für einen der Topklubs vom Bosporus und erarbeitete sich bei Freund und Feind einen Kultstatus. Doch wie schnell der Unantastbarkeits-Nimbus vorbei sein kann, durfte Alex erleben. Statue erhalten, aussortiert, auf die Bank verbannt, suspendiert und schließlich die Vertragsauflösung – das alles in weniger als einem Monat. Highspeed durch die Hölle. Trainer und Vorstand haben ein Denkmal demontiert. In Rekordzeit. Und gerade da, als die Emotionen hochschwappen, man sich gegen Kasimpasaspor eine ärgerliche Klatsche abgeholt hat, kommt ein Bundesligist von europäischem Format in der Europa League als Aufbaugegner und Trostpflästerchen für gequälte Fanseelen. Ja, ihr lest richtig, ein Bundesligist. Borussia Mönchengladbach. Es stand quasi fest, würde sich Fenerbahce in Gladbach eine Klatsche auf internationalem Parkett abholen, Trainer Kocaman und Präsident Aziz Yildirim hätten sich eine Rückkehr nach Istanbul dreimal überlegen müssen. Doch vier Tore in Gladbach reichten aus, sie als Triumphatoren zurückkehren zu lassen. Das ging fix. Doch später mehr zu Fenerbahce. Es wird noch lustiger.

Bayern, i roll di mit mei'm Traktor platt

Champions League. Bayern München. Gegner: FK BATE Baryssau. Spontan war man geneigt, zu fragen: „Wat, wer seid ihr denn?“ Nun, BATE steht für „Baryssau Automobil- und Traktor-Elektronik“. Und wie vom Traktor überrollt fühlte sich der FC Bayern nach der Auswärtsniederlage bei BATE wohl auch. 3:1 aufs Hirn gekriegt, schwer blamiert, von einem Nobody aus Weißrussland fies vorgeführt. 25.000 sahen in der Bruchbude von Minsk auf einem Rasen, der eigentlich das Wort nicht verdient, dass der Ligaprimus in der Defensive nicht unverwundbar ist. Die Traktorjungs deckten die Schwächen der Bayern schonungslos auf. Gut, nun kann einen das Umfeld am Ende der Welt auch schwer fußballdepressiv machen, aber man darf sich einfach von einem Klub wie BATE nicht überrollen lassen wie ein Dorfhuhn, wenn man den Anspruch stellen will, Fußball-Europa mit zu beherrschen. Da sprach er wahre Worte, der Matthias Sammer. An so einer Niederlage, egal wie grottig der Platz und die äußeren Bedingungen auch sein mögen, gibt es nichts schönzureden. Vielleicht sollte sich der FC Bayern zum Rückspiel Wolfgang Fiereck ins Stadion holen. Dann klappt das auch besser mit dem Traktor – denn er hats erfunden. Der Wolfgang. Nein, nicht die Schweizer.

Was wir am Wochenende lernen werden...
Und nochmals zu den Bayern: Die werden sich am kommenden Spieltag gegen Hoffenheim böse dafür schadlos halten, dass sie sich in Weißrussland haben vom Trakor überfahren lassen. Das wird kein schöner Tag für Markus Babbel werden, denn Sammer wird dafür sorgen, dass es in der Liga Champions-League-Satisfaktion gibt.

Gladbach auf dem Kriegspfad: Wie die Bayern sind die Gladbacher nach der Europa League und der Klatsche gegen den türkischen Yellow-Press-Liebling der Woche, Fenerbahce Istanbul, angeschlagen. Das wird am Wochenende Eintracht Frankfurt ausbaden müssen. Die Schützenhilfe aus Gladbach wird die Bayern versöhnen, denn ein Wettbewerber fällt damit noch weiter zurück.
Englische Wochen im Fußball ein Fall für das Oberlandesgericht?

Machen wir gemeinsam eine Zeitreise: Es ist der 01. Mai 2011 in einer Kleinstadt am Rhein. Düsseldorf. Sidney saß in seinem Auto und kam aus einem Parkhaus an der Kö. Vor dem Tor findet er derzeit die richtige Richtung: Das Runde muss ins Eckige. Das verpeilte er in Düsseldorf grandios und gurkte entgegengesetzt der Fahrtrichtung auf die Kö. Düsseldorfer Polizisten entgeht viel, aber so eine Nummer nicht. Anhalten, pusten, Blutprobe - 0,74 Promille. Bingo. Lappen weg. Doch wie macht man das als etablierter Profi? Genau, man nimmt sich einen Anwalt anstatt zu sagen: Mist, Alkohol und ein Lenkrad gehören nicht zusammen.




Jetzt sollte auch das aufgrund der vorliegenden Fakten recht fix abgefrühstückt sein. Sollte. Hätte. Könnte. Nicht so bei Sidney Sam und seinem Anwalt. Vier Verhandlungstermine wurden angesetzt und immer wieder platzte die Verhandlung – wie jetzt der Richterin am Amtsgericht Düsseldorf der Kragen. Mal gabs beim Anwalt einen Trauerfall, dann hatte der Anwalt Urlaub und dann wieder hatte Sidney Sam ein Spiel zu bestreiten. Der vierte Versuch sollte nun wegen den englischen Woche und der Vorbereitung auf das Heimspiel gegen Greuther Fürth verlegt werden. Nicht mit der Amtsrichterin, die hatte schlicht die Faxen dicke. Nachvollziehbar. Verlegungsantrag abgelehnt, Bußgeld von 605 Euro festgesetzt, Verfahrenskosten und einen Monat Fahrverbot. Plopp. Und was passiert nun? Ja, es gibt einen Befangenheitsantrag gegen die Richterin und soll vors OLG gehen. Wegen 605 (!) Euro! Bei einem Bundesligaprofi, der siebenstellig verdient. Und weil Sam angeblich das Mannschaftshotel vor dem „Spiel des Jahres“ gegen Greuther nicht würde verlassen dürfen. Ja ne, is klar. Und da ist es logisch, dass die Richterin folgerichtig argumentiert, dass es Sam wie jedem normal Berufstätigen zumutbar sei, sich auf einen Verhandlungstermin einzustellen und dann auch zu erscheinen. Angeschnaselt mit dem Auto zu fahren, auch wenn es nachts war, ist schon übel. Aber dann so eine Verhandlung in die Länge zu ziehen, um das Gericht müde und mürbe zu machen, geht gar nicht. Mein Tipp: Mund abwischen, die 605 Tacken löhnen, den Monat Fahrverbot einsacken und danach ohne Sprit in der Birne ans Steuer setzen.

Beschließen wir es so und da, wo wir begonnen haben: In Istanbul!




Alex, Alex und immer wieder Alex. Ach ne, jetzt geht es um Fenerbahce. Was hat denn die Eskalation heraufbeschworen? Es wird witzig. Und sehr skurril. Aziz Yildirim – ja, der Aziz Yildirim, der von einem ordentlichen Gericht richtig Qualm wegen nachgewiesener Spielverschiebungen erhalten hat und mehr als sechs Jahre in den Knast soll – mokiert sich über Formalien und ein nicht eingehaltenes Protokoll von Alex. Einem Spieler, der acht Jahre seine Knochen für Verein und Präses hingehalten hat. Das kann nicht sein? Oh doch, und wie das sein kann. Nach der Trennung von Alex hat Aziz Yildirim nämlich vor dem Flug nach Düsseldorf zum EL-Spiel gegen Gladbach aus dem Nähkästchen geplaudert. Und es war, wie sich das für türkische Verhältnisse gehört, eine Drama-Queen-Vorstellung. Aziz sprach sinngemäß wie folgt: „Nach dem Gespräch über die Suspendierung, das Alex mit Aykut Kocaman führte, rief mich sein Dolmetscher Samet Güzel an und sagte mir, dass Alex um ein Gespräch mit mir bäte. Ich antwortete Samet – ein Name, der im türkischen Fußball nichts Gutes verheißt, das mal als Besiktas-Anmerkung von mir - dass sie um 16 Uhr bei mir im Büro sein sollten. Aber sie kamen dann erst um 16.15 Uhr und ließen mich warten. Ja, sie haben den Präsidenten von Fenerbahce Istanbul warten lassen. Als sie endlich eintrafen, habe ich sie in meinem Büro empfangen. Bei dem Gespräch schlug Alex seine Beine übereinander und hat die ganze Zeit mit seinem Handy verbracht. So verhält man sich bei uns nicht, wenn man in Gegenwart von Älteren ist. Er hat mir während unseres Gespräches nicht einmal ins Gesicht geschaut, sondern in der ganzen Zeit mit seinem Handy getwittert.“



Ja was erlaube Alex? Wie kann er den Präsidenten warten lassen, wo gerade in Istanbul Zuspätkommen eher normal ist? Und wie kann er die Beine übereinanderschlagen? Ja geht es noch? Und dann, für türkische Verhältnisse absolut ungewöhnlich, mit nur einem Handy zu spielen – normal wäre es gewesen, hätte er drei Handys und einen Tablet PC gehabt. Jedenfalls in der Türkei. Treffen sich in Istanbul zehn Menschen, haben die in der Regel mehr Mobiltelefone am Start, als so mancher deutsche Telefonladen in der Auslage liegen hat. Und darüber mokiert sich Herr Yildirim? Ja wo sind wir denn? In Istanbul, Herr Yildirim, in Istanbul. Und für weiteren Stoff ist gesorgt, denn Aziz Yildirim kündigte an, „alles zu erzählen“ – besonders die Gründe, wieso er nicht hinter dem Alex außerhalb des Platzes stehen würde. Das gibt wieder reichlich Zunder und ob sich Yildirim damit einen Gefallen tut, darf bezweifelt werden. Legenden demontiert man nicht – auch und besonders nicht in der Türkei.

 
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