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Nach dem Derby ist vor der Kneipe. So oder so ähnlich läuft es ja für beide Seiten. Die Sieger springen noch die ganze Nacht rum, die Verlierer wollen vergessen und armselig sein.

Berlin.Nach dem Revierderby gab es ein Notfall-Treffen mit dem besten Chefredakteur der Welt. Der FC Schalke 04 hatte am Nachmittag auch das zweite Spiel der Saison gegen Borussia Dortmundgewonnen, was den Knappen gar nicht vorzuwerfen ist. Es waren die Dortmunder selbst, die das Spiel verloren hatten, bevor überhaupt zur Pause gepfiffen wurde. Das war fast gemein den Königsblauen gegenüber. Der BVB war zumindest in den ersten 45 Minuten kein würdiger Gegner. So saß ich bei Wirt Gerd in der hintersten Ecke und wartete auf den Chef, lauschte den Gesprächen über das noch laufende Spiel von Werder Bremen und stellte auf Schmollmund-Modus.

„Was war denn da los?“ Eine ehrlich entsetzte Frage seinerseits zur Begrüßung. Was war los? Die Hintermannschaft von Borussia Dortmund hatte scheinbar allerbeste Connections, so gute Karten möchte ich auch mal für ein Derby bekommen! Direkt und dauerhaft aus zwei Meter Entfernung dem ballführenden Spieler folgen können – toll! Aber wir wollen ja nicht sarkastisch werden. Samstagabend wie Montagmorgen konnte und kann ich nur Fragmente anbieten. Einzelbetrachtungen und lose Fäden. Mehr nicht. Möchte man es unbedingt auf den Punkt bringen, kann man es mit einem einfachen Satz versuchen: Schalke war besser. Sie waren extrem gut auf den Gegner eingestellt und haben mit Leidenschaft und dem Derby entsprechendem Biss gekämpft. Dortmund hat ihnen dann noch den Gefallen getan, dass Mats Hummels gespielt hat, der auch vor seiner Verletzung in der 30. Minute alles andere als fit wirkte.

Hummels und Bender

Beide Tore für Schalke waren zu diesem Zeitpunkt schon gefallen. Mats Hummels war an beiden Toren beteiligt. Hätte, hätte, Viererkette. Tele Santana hat ein wahnsinnig gutes Spiel gegen Donezk gemacht. Ich nehme an, dass die BVB-Fans nichts gegen seinen Einsatz gehabt hätten. Zudem war Manni Bender weit weg vom Staubsauger. Auch Bender war die ganze Woche angeschlagen, nachdem er gegen Donezk zur Pause mit einer Sprunggelenksverletzung ausgewechselt werden musste. Ilkay Gündogan wurde fulminant von den Schalkern unsichtbar gemacht. Er, die Schaltzentrale von Borussia Dortmund, wurde simpel und einfach dauerhaft gestört. Gündogan und Hummels waren also kaum in der Lage, das Spiel zu eröffnen oder über das Mittelfeld hinaus zu tragen. Dadurch fehlte die Verbindung nach vorn, wo Marco Reus nicht spielte.

Marco Reus saß auf der Bank. Punkt. Er wurde geschont, weil die Belastungen verteilt werden sollten, wie Jürgen Klopp vorm Spiel gegenüber Sky sagte. Zuletzt war Reus nicht mehr in der bestechenden Form, die Deutschland und Europa zuvor die Freudentränen in die Augen getrieben hatte. Kevin Großkreutz war allerdings die gesamte Saison noch nicht in solch einer Form gewesen. Auch wenn er die Dortmunder Skyline auf der Wade trägt, bleibt sein Einsatz von außen betrachtet fragwürdig und wurde auch jäh beendet, als Marco Reus in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurde. Plötzlich lief es. Mario Götze hatte seinen Surfergruß-Buddy wieder auf dem Feld und konnte selbst plötzlich viel mehr reißen. Diese zwei Spieler bedingen sich gegenseitig. Nimmt man einen raus, wird der andere ebenso gehemmt. Nach 45 Minuten kompletter Paralyse wachte Dortmund auf, Lewandowski konnte den Anschlusstreffer machen. Game on? Nein, eher nicht.

Das war nicht der Doublesieger

Dortmund bemühte sich zwar endlich, Schalke verteidigte aber weiter sackstark und setzte nadelspitze Konter nach vorn. Bei fast allen schwarz-gelben Spielern war eine deutliche Leistungssteigerung zu erkennen, was wiederum fast betroffen machte. Warum nicht in der ersten Hälfte? Hatte man aggressive (aber nicht unfair spielende) Schalker nicht erwartet? Hatte man sich darauf ausgeruht, dass auf Schalke auch Fürth irgendwie gewonnen hatte? War der Kopf noch in Europa? Man möchte den Jungs nichts unterstellen, ein einziges Fazit bleibt jedenfalls: Dortmund hat die an sie gestellten Erwartungen in diesem Spiel nicht erfüllt. Manch eine personelle Entscheidung bleibt zweifelhaft und Kapitän Kehl, der mit einer Grätsche frischen Schwung hätte reinbringen können, hat schmerzlich gefehlt.

Am besten fasste es allerdings der Chef am Samstagabend zusammen. Es war nicht einmal ein Aussagesatz, es war eine Frage, die heilsam war für die Seele, die sich um so viel beraubt fühlte. Irgendwann stand er auf, schaute ernst und fragte: „Soll ich Dir noch ein Bier holen?“ Spätestens als der Abend nachts um zwei am Spreewaldplatz vorbei war und der Blizzard mir die dicken Flocken unter die Kapuze wehte, war ich irgendwie fertig mit dem Spiel, auch ganz ohne absolute Erklärung, warum all das passiert war. Mit einem anderen Satz hatte Chef weniger Erfolg: „Es ist nicht alles Fußball.“ Wir mussten beide lachen.


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