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Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender spricht bei Goal über königsblaue Themen: Trainer Keller verteidigt er, Manager Heldt erntet großes Lob.

INTERVIEW
Das Gespräch führte Hassan Talib Haji

Rheda-Wiedenbrück. Beim FC Schalke 04 hat man die Vorbereitung vor über drei Wochen aufgenommen und arbeitet nun im Trainingslager in Grassau am Chiemsee an den Feinheiten. Clemens Tönnies schaute am gestrigen Dienstag zur Stippvisite vorbei und gab seinen Profis ein paar Worte mit auf den Weg.

Wir begrüßten ihn zuvor zum exklusiven Goal-Interview. Der gebürtige Rhedaer sprach über Vereine, die zu Fußball-AGs werden, den Stahlbad-erprobten Jens Keller, Unterredungen mit Thomas Tuchel, die Transferaktivitäten des Klubs und einiges mehr.

Tönnies im Portrait: Der königsblaue Macher

Herr Tönnies, vor einigen Monaten mussten Sie sich einer schweren Nieren-Operation unterziehen. Mittlerweile geht es Ihnen aber wieder richtig gut. Den Ost-Westfalen bekommt man also nicht so schnell klein.

Tönnies: So ist das. Es ist schon eine Weile her und ich habe mich gut erholt. Ich freue mich jetzt auf den Sommerurlaub, da ich nach der OP nicht direkt in der Reha, sondern wieder im Einsatz war. Aber keine Sorge: Es ist alles okay, mir geht es sehr gut.

Das ist erfreulich. Was ebenfalls bei den Fußballfans für Freude sorgt, ist die anstehende neue Spielzeit.

Tönnies: Wir haben natürlich durch die WM in Brasilien eine nahezu gesättigte Situation gehabt, was den Fußball angeht. Es herrscht selbstverständlich Vorfreude auf die neue Saison. Wenn es losgeht auf Schalke, dann bin ich immer auf hundertachtzig.

Was sind die Ziele des FC Schalke 04 für die nächste Saison?

Tönnies: Das große Ziel ist die Champions League, dort wollen wir auch nächstes Jahr wieder hin. Ob es der zweite, dritte oder der vierte Platz wird, da wollen wir uns nicht festlegen. Es kann während einer Saison schließlich viel passieren.

Goal 50: Hier gibt's alles zur prestigeträchtigen Wahl

Können Sie den Fans Hoffnung machen, endlich mal wieder vor dem großen Rivalen Borussia Dortmund zu landen, oder sind die Schwarz-Gelben für Schalke noch nicht erreichbar?

Tönnies: 'Noch nicht erreichbar' will ich nicht sagen, ich will auch nicht sagen, dass wir 'gleichauf' sind. Wir greifen an, schauen am Ende, für was es gereicht hat und wo wir landen. Ich bin ganz guter Dinge - wir werden eine gute Saison spielen!

Der BVB hat wirtschaftlich sehr gut gearbeitet und generiert durch Anteilsverkäufe große Millionensummen. Schalke macht das nicht.

Tönnies: Die Fußballwelt wird sich dramatisch verändern und wir werden damit konfrontiert, dass sich Vereine zu Unternehmen wandeln. Dadurch werden sie große Summen einnehmen, die sie für den Spielbetrieb einsetzen können. Wir wollen aber unseren Klub als eingetragenen Verein für die Mitglieder erhalten.

Wie wollen Sie da finanziell mit den Fußball-AGs mithalten?

Tönnies: Ich bin nicht wirklich davon überzeugt, dass diese Veränderung immer ein großer Vorteil sein muss. Wir haben eine große Mitgliederschar, wir werden in Zukunft bestimmt die Marke von 200.000 Mitgliedern knacken, dadurch wird die Schalker Familie noch gewichtiger. Ich sehe die wirtschaftliche Perspektive des FC Schalke 04 nicht negativ. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

"Ich kann mir vorstellen, dass noch jemand kommt, aber das muss nicht unbedingt sein, weil wir die eigentlichen Planungen abgeschlossen haben."
 
- Clemens Tönnies

Ein anderes Thema: Horst Heldt war im Sommer nicht untätig. Sidney Sam, Fabian Giefer und Eric Maxim Choupo-Moting sind jetzt auf Schalke. Wie bewerten Sie die Neuzugänge?

Tönnies: Diese Spieler werden uns verstärken. Und wir kommen durch den Mehrwert an Flexibilität aus diesem Zwang heraus, bei Verletzungen immer dieselben spielen lassen zu müssen. Wir agieren in drei Wettbewerben und das hoffentlich solange wie möglich. Wir haben an Qualität gewonnen und werden erheblich stabiler werden.

Wird Schalke noch mal auf dem Transfermarkt tätig?

Tönnies: Die heiße Phase liegt noch vor uns. Ich kann mir vorstellen, dass noch jemand kommt, aber das muss nicht unbedingt sein, weil wir die eigentlichen Planungen abgeschlossen haben. Warten wir einfach mal ab.

Rechnen Sie auch noch mit Abgängen einiger Spieler?

Tönnies: Wir sind in Gesprächen und es könnte sich etwas tun. Es gibt den einen oder anderen Spieler, der uns verlassen und sich umorientieren möchte. Es sind alles Namen, die in der Öffentlichkeit keinen überraschen würden.

Mit der neuen Saison vor Augen: Wer wird Deutscher Meister?

Tönnies: Ich glaube, bei der Stärke, die der FC Bayern auf den Platz bringt, müssen wir uns daran gewöhnen, dass sie immer als großer Favorit in die Saison gehen. Was natürlich nicht heißt, dass sie nicht auch mal straucheln können. Das ist aber kein Thema, was wir auf Schalke heiß diskutieren.

Wie meinen Sie das?

Tönnies: Ich sage doch schon seit Jahren: Wir wollen guten Fußball spielen und schauen, wie weit wir kommen.

Horst Heldt sprach allerdings auf der Mitgliederversammlung von Voraussetzungen, die man schaffen will, um Deutscher Meister zu werden?

Tönnies: Das zu kritisieren, wäre verkehrt. Es ist das große Ziel, dafür arbeiten wir doch alle intensiv. Die Deutsche Meisterschaft ist bei der starken Präsenz der Bayern für alle anderen Klubs kein Zufallsprodukt. Das ist ein langer und schwerer Weg, auf dem man auch den passenden Moment und das Glück auf seiner Seite haben muss.

Heldt geht nun in sein viertes Jahr als Sportvorstand des S04. Was zeichnet ihn aus und wie zufrieden sind Sie mit seiner Arbeit?

Tönnies: Horst Heldt ist ein fleißiger Fußballfachmann, der sehr zuverlässig und mit Augenmaß agiert. Ich arbeite sehr, sehr gerne mit ihm zusammen. Diese Fachkompetenz, gerade als ehemaliger Profi, tut uns gut. Und er hat auch ein glückliches Händchen.

Natürlich ist jeder Mensch nicht fehlerlos. Welche Fehler hat Heldt bislang gemacht?

Tönnies: Ich bin seit 40 Jahren Unternehmer und habe auch nicht alles richtig gemacht. Es geht im Grunde darum, die Quote der Fehler so klein wie möglich zu halten. Und da ist Horst Heldt voll im Soll. Er hat viele gute Entscheidungen getroffen.

Schalke 04 möchte auch in Steine investieren. Das Vereinsgelände wird umgebaut. Erläutern Sie uns doch bitte kurz, was dabei die Kernpunkte sind - was hat Schalke vor?

Tönnies: Unser Masterplan steht: Wir werden die Trainingsplätze neu gestalten, unser Internat einrichten und das kleine Stadion für die Amateure und die Junioren bauen. Wenn alles nach Plan verläuft, ist das in zwei bis zweieinhalb Jahren fertig. Wenn die Bauanträge zurückkommen und die Genehmigung vorhanden ist, fangen wir an. Wir gehen davon aus, dass wir ab Januar 2015 die Bagger auf dem Vereinsgelände sehen werden.

Mit Benedikt Höwedes, Julian Draxler, Mesut Özil und Manuel Neuer entsprangen gleich vier Weltmeister der Schalker Jugendakademie. Wie stolz macht Sie das?

Tönnies: Ich bin unheimlich stolz. Ich war ja in Brasilien, wir haben zusammen den Titel gefeiert und viel Spaß gehabt. Was mir an Mesut und Manuel sehr gefallen hat, war, dass sie den Klub immer noch für sich behalten haben. Die beiden sind Schalker Jungs. Natürlich spielen sie bei anderen Vereinen, aber sie haben Schalke immer noch im Herzen.

Kommen wir zu einem Mann, der durch ein echtes Stahlbad gehen musste: Jens Keller. Sie haben an ihm festgehalten, trotz großer Kritik.

Tönnies: Das zeichnet doch das neue Schalke aus! Wir lassen uns von außen nicht diktieren, welches Personal wir beschäftigen und wie wir handeln. Wenn wir von jemandem überzeugt sind, dann halten wir auch an dieser Person fest. Wenn sich dann auch noch der Erfolg einstellt, wie bei Jens Keller, dann wären wir doch dumm, wenn wir nicht mit ihm weitermachen würden.

Diese Kritik befeuert auch das Umfeld selbst.

Tönnies: Natürlich. Wir haben nun mal ein emotionales und ungeduldiges Umfeld. Das sind nicht nur die Medien. Da möchte ich einfach um Vertrauen bitten! Wir haben alle zusammen bewiesen, dass wir keine Holzköpfe sind und wissen, was wir tun. Und der Erfolg gibt uns recht.

Warum haben Sie dann noch nicht mit Keller verlängert?

Tönnies: Wir haben gar keine Zweifel an Jens. Und wir sind jetzt nicht in Zeitnot oder stehen unter Druck, Verträge zu verlängern. Die Saison steht an. Jetzt wird erstmal Leistung abgerufen. Zweifel zu verlängern, gibt es überhaupt nicht – bei Jens Keller übrigens auch nicht.

Bei einer schlechten Phase geriet Jens Keller bisher immer schnell in Kritik, weit schneller als manch anderer Trainer. Warum war das so?

Tönnies: Jens Keller hat doch bewiesen, dass er mit Schalke erfolgreich sein kann. Er hat uns zweimal in die Champions League geführt. Ich habe keine Angst vor einer schlechten Saison, auch nicht vor einer schlechten Arbeit des Trainerstabs. Deswegen braucht sich Jens keine Sorgen zu machen.

Trotzdem müssen Sie bei solch einem Szenario auch an den Verein denken. Im Januar, als noch nicht absehbar war, dass die Rückrunde derart erfolgreich werden würde, gab es Gespräche mit Thomas Tuchel.

Tönnies: Horst Heldt hat nichts Anderes gemacht, als den Markt zu sondieren. Auch ich habe mit Thomas Tuchel gesprochen, weil wir gemeinsam geschaut haben: Wer ist ein guter Trainer? Das ist aber ein ganz normaler Vorgang in solch einer Situation, so etwas gehört dazu. Wir müssen uns im Sinne des Vereins mit allem auseinandersetzen und schauen, was das Beste für uns ist. Dementsprechend handeln wir auch. Dass wir an Jens festgehalten haben, war aber die richtige Entscheidung.

Herr Tönnies, vielen Dank für das Gespräch.

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