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Brasilien nach Neymar-Schock: Plötzlich ohne den Unersetzlichen

Neymar war die stilbildende Figur der Selecao - nun fällt er aus. Vor und nach dem Schock lebte der Jung-Nationalheld aber ganz Brasilien vor, wie es geht: Mit purer Leidenschaft.

KOMMENTAR
Von Christoph Köckeis

Er war das Rückgrat Brasiliens, Vollstrecker wie Impulsgeber zugleich. Manchmal mimte er den Zauberer, immer den aufopferungsvollen Kämpfer: Neymar da Silva Santos Junior, personifizierter Hoffnungsträger. Er lebte für sein Land. Und knapp 200 Millionen lebten für ihn. Bis sie in kollektive Schockstarre verfielen. Mit einer rücksichtslosen Attacke.

Es war die 88. Minute. Der Superstar leitet einen Ball weiter, ohne zu ahnen, dass gleich seine WM-Blase jäh platzt. Im Rücken rauscht Juan Zuniga mit dem Knie voran ungestüm heran. Er möchte, beim Stand von 1:2 aus kolumbianischer Sicht, den Entlastungsangriff stoppen. Koste es, was es wolle. Sekunden später krümmt sich Neymar, überwältigt vom Schmerz, von der traurigen Gewissheit, auf dem Rasen und schreit enthemmt. Der designierte Höhepunkt verkam für die Selecao zum emotionalen Tiefpunkt: Wirbelbruch! WM-Aus!

Twitter-Reaktionen: Drecksfoul, Brutalität, Horror

Der 22-Jährige wurde erfolgreich aus dem Turnier getreten. Zu selten legten Unparteiische schützend die Hand über ihn. Zu oft blieben hinterlistige Übergriffe unbestraft. Zuniga, dem Übeltäter, wurde tagsdarauf gar mit Mord gedroht. Es entbehrt jeder Erwähnung, dass dies absolut inakzeptabel und weit fern von berechtigter Wut ist. Es offenbart jedoch, wie sehr die Diagnose Brasilien erschütterte.

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Wie einst Ikone Pele

Neymar wurde auserwählt, von Arm und Reich. Geschlossen wie selten zuvor standen sie hinter ihm. Nur Pele, dem noch heute ehrfurchtsvoll gehuldigt wird, war zuvor in der Lage, die Gesellschaft so zu einen. Neymar sollte eine Nation, welche den "Jogo bonito", den schönen Ball, verkörpert wie keine Zweite, erlösen. Nach zwölf langen Jahren. Mit gerademal 22. Ein Gros würde am schier übermenschlichen Druck zerbrechen. Die Wenigsten, die Größten ihrer Zunft sind dem gewachsen. Er war es.

Neymar dirigierte seine Selecao nach mühseligem Auftakt gegen Kroatien durch die Gruppenphase. Selbst beim Elfmeter-Thriller, im Achtelfinale gegen Chile, wackelte er kein bisschen, stellte sich der Verantwortung. Erst seine dicken Tränen der Erleichterung unterstrichen, welch mentalen Strapazen er ausgeliefert war.

Dennoch streichelte er bisweilen zusätzlich das Nervenkostüm seiner Kollegen, versuchte Emotionen zu kanalisieren. Er tat das, was eine Führungspersönlichkeit eben tut: Vorangehen, mit Leistung und Einsatz. Dem Superstar vom FC Barcelona blieben die wichtigen Momente, diese originellen Ideen, die Standards meist vorbehalten.

Oft wirkte das Spiel, speziell das Defensivverhalten, unkoordiniert und chaotisch. Man lief Räume zu und entblößte neue, viel gravierendere. Ob des Übereifers krankte mitunter die Umschaltbewegung. Einzig Neymar verlieh den Bemühungen Konturen, schulterte die Offensive alleine. Dabei schwebte er nicht nur über den Platz. Er rackerte auch.

Neymar schwor Brasilien ein

Gegen Kolumbien war sich der hochdekorierte, millionenschwere Werbeträger nicht zu schade, sich in einen Freistoß zu werfen. Andere Hochbegabte, ohne Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo hier zu nennen, lassen diese pure Leidenschaft vermissen. Neymar vermochte gleichwohl jeden Einzelnen im Team mitzureißen. Er hielt Vergleichen mit Nationalhelden stand und erlangte selbigen Status. Das wissend, richtete er im Bewusstsein seines Einflusses nach dem Schock bewegende Worte an die Fans.

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"Mir", erklärte der Verletzte sichtlich gezeichnet, "wurde der Traum genommen, ein WM-Finale zu spielen, aber der Traum, Weltmeister zu werden, ist nicht zu Ende. Es fehlen zwei Spiele. Meine Jungs werden den Titel holen und ich werde bei der Mannschaft sein." Neymar, Darling der Medien, schwor Brasilien auf die Schlacht gegen die DFB-Elf ein. In nachhaltiger und beeindruckender Manier.

Ab sofort sind andere gefordert. Etwa Hulk, der seinen Körper gewinnbringender in die Waagschale werfen muss. Oder Oscar, Totalausfall Fred und Willian, sofern er rechtzeitig fit wird. Gemeinsam hoffen sie die Abhängigkeit von Neymar zu kaschieren. Eine atemberaubende, "typisch brasilianische" Fußball-Show erwartet keiner mehr. Dazu fehlt schlichtweg die Qualität. Sie sollen kämpferisch, mit ehemals deutschen Tugenden den Gegner zermürben.

"Wir werden wie Krieger für unseren Bruder Ney kämpfen", so Julio Cesar martialisch. Die kollektive Depression um Neymar weicht dem Glauben an das Wunder. Jenes würde die Tränen des filigranen Dribblers, die eines ganzen Landes endgültig trocknen.

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