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Beitar Jerusalems Ultras gelten als radikal, rassistisch und nationalistisch. Goal begab sich auf Spurensuche, sprach exklusiv mit Beteiligten - und fand die Spaltung eines Landes.

Ein lauer Sommerabend in Jerusalem. Vom Mittelmeer weht ein lauer Wind, der die schwarz-gelben Fahnen im Teddy-Kollek-Stadion, das im Süden der Stadt liegt, in Bewegung versetzt, die die springende Fanmasse noch dynamischer aussehen lässt. Die knapp 20.000 Fans von Beitar Jerusalem feiern einen Mann, der unten auf dem Rasen mit zum Applaus erhobenen Händen vom Platz schreitet. "Marcel Heister!", schallt es durch das Rund. Es ist Ende August und Beitar führt in der 3. Runde der Europa-League-Qualifikation mit 3:0 gegen FK Jelgava aus Litauen.

MARCEL HEISTER

       

Marcel Heister ist ein deutscher Profi, der bei Beitar Jerusalem spielt. Über Reutlingen wechselte er zu Hoffenheim. 2012 wechselte er nach Kroatien, 2015 schließlich nach Israel.

 

Heister, 24, Undercut, tätowierte Arme und braungebrannt von der israelischen Sonne, hat das 3:0 geschossen und genießt seine Auswechslung, die die Fans zum Fest machen. Es sei sein schönstes Erlebnis bisher in Israel gewesen, sagt er exklusiv gegenüber Goal. Und nicht nur das. "Mein Tor in der Europa League war der schönste Moment meiner bisherigen Karriere", sagt er. Heister ist der einzige deutsche Legionär in Israel – und die Fans lieben ihn. Denn er gibt immer 100 Prozent, er ist auf dem Platz ein Haudegen. Immer hart, nie unfair.

Heister kam in Albstadt-Ebingen, auf der Schwäbischen Alb, im tiefsten Süden Baden-Württembergs zur Welt. Von klein auf war der Ball sein ständiger Begleiter. Über Gammertingen und Reutlingen kam der schnelle Teenager mit dem guten Schuss 2010 mit 18 zur TSG 1899 Hoffenheim. Dass er heute in Israel spielt, liegt zum einen daran, dass es trotz guter Leistungen bei der TSG in der U23 nicht weiter ging.

Wohl auch, weil er jemand ist, der seine Meinung sagt, damit manchmal aneckt. Er liebt Basketball, hört deutschen und kroatischen Rap. Sein Lieblingsfilm ist der explosive Rachethriller "Gesetz der Rache." Er passt nicht so wirklich ins Bild der gutsituierten Ja-Sager, die der Profifußball zuhauf zu Tage fördert. Deswegen traf er 2012 die unpopuläre Entscheidung, in das Heimatland seiner Großeltern Kroatien zu wechseln. Back to the Roots. In Zadar und Istra wurde er jeweils Stammspieler. 2015 stieg Istra fast ab und Heister wollte etwas Neues. 

Berüchtigte Beitar-Ultras

Und plötzlich ist da das Angebot aus Jerusalem, der Stadt, die er nur aus dem Religionsunterricht kannte. Er zögert. "Ich war am Anfang sehr skeptisch", sagt er. Er fliegt dennoch hin, schaut sich Land und Stadt und natürlich den Klub an – und ist begeistert: "Ich wusste sehr schnell, dass es die richtige Entscheidung ist." Er verlässt sich auf sein Bauchgefühl. So wie er es immer gemacht hat und wechselt. Er beschreibt Israel als ein "sehr religiöses Land" mit "unterschiedlichen Kulturen." Und er schwärmt von den "tollen Fans".

DR. STEFFEN HAGEMANN

               

Dr. Steffen Hagemann ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Seit 2010 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Sozialwissenschaften an der Technischen Universität Kaiserslautern. Seine Forschungsschwerpunkte sind Demokratie, Autoritarismus, Politische Kultur, Soziale Bewegungen, Religion, Emotionen und Israel.

Den Fans, die ihm im August zujubelten. Denn er wird auch bei Beitar schnell Stammspieler und Liebling der Massen. Und das nicht bei irgendeinem Verein. Die Löwen, wie Beitar genannt wird, wurden sechsmal Israelischer Meister, sind ein Traditionsklub. Aber auch ein Verein, der ein Problem des israelischen Fußballs gut aufzeigt.

Denn die gleichen Fans, die Heister huldigten, sind berüchtigt für ihre rassistischen Aktionen und ihre Islamophobie. Seit Jahrzehnten sind sie stolz, keine muslimischen Palästinenser im Team zu haben. Kurz vor dem Holocaust-Gedenktag 2013 präsentierten sie ein Banner, auf dem "Beitar ewig rein" stand. 2012 griffen hunderte Beitar-Ultras in einem Einkaufszentrum angestellte Muslime an. Später wurde die Attacke vom damaligen stellvertretenden Bürgermeister als "Pogrom" bezeichnet. In der Kurve sind islamfeindliche Banner an der Tagesordnung. "Tod den Arabern", heißt es. Der muslimische Nigerianer Ibrahim Nadallah musste den Verein aufgrund ständiger Anfeindungen verlassen, Rechtsextremismus ist Normalität.

"Eskalationen im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern haben einen Einfluss auf beide Gesellschaften und ihre Bilder vom Anderen", sagt Dr. Steffen Hagemann gegenüber Goal. "Insbesondere nach der Zweiten Intifada (palästinensischer Protest gegen Israel, Anm. d. Red.) ist ein Anstieg des Rassismus zu erkennen, der sich auch im Fußball entlädt, etwa in anti-arabischen Sprechchören." Hagemann, der an der TU Kaiserslautern Sozialwissenschaften lehrt, ist Experte auf dem Gebiet Israel und hat bereits mehrfach zum Thema publiziert.

"Auch die jüdisch-arabische Konfliktlinie spiegelt sich im Fußball. Besonders die Fans von Beitar Jerusalem fallen immer wieder negativ durch rassistische Äußerungen auf", betont Hagemann. Im Juli dieses Jahres wurden über 50 ultra-nationale Fans des 1936 gegründeten Klubs festgenommen. "Die Festnahmen sind das Ergebnis der Gewalttaten von 'La Familia'", sagte ein Polizeisprecher. Er bezieht sich auf das Herzstück der anti-islamischen Bewegung. Die Ultra-Gruppe ist nicht nur im Stadion das Zentrum des Fantums Beitars, sondern ist auch im Drogen- und Waffenhandel aktiv. Hört man von Menschenjagden auf Palästinenser oder von Brandanschlägen, sind fast immer Mitglieder der „Familie“ involviert, die so gar nichts Warmes und Familiäres an sich hat.

"Bürgerkrieg auf den Rängen"

Jahrelang war ihr Anführer David Mizrahi. Er war Initiator der Radikalisierung der Beitar-Fans, Rädelsführer beim Anschlag auf das eigene Vereinsheim, als publik wurde, dass der Klub zwei muslimische Tschetschenen kaufen wolle. "Wir wandten uns vom Team ab", sagt er gegenüber 11 Freunde. "Es gab eine Art Bürgerkrieg auf den Rängen, denn wir griffen jene Fans an, die sich unserem Boykott nicht anschlossen, weil sie die Elf weiter unterstützten wollten."

Es war auch Mizrahi, der das Wort führte, als die Fans zu Hunderten vor das Haus des Vorsitzenden Itzik Kornfein zogen, um gegen die geplanten Transfers zu protestieren. "Ich beleidigte seine Frau und seine Kinder mit Ausdrücken, die ich hier nicht wiederholen kann", sagt er. Man kann die Radikalisierung der Jungen, wie sie es heute zuhauf gibt, an seinem Beispiel gut nachvollziehen. "Mir hat nie jemand Grenzen gesetzt", sagt er. Er hat sich den Spruch "Beitar, ich wurde für dich geboren und bin bereit, für dich zu sterben" tätowiert. Und wenn man auf die Tribüne guckt und die vielen Jungen sieht, die sich das Beitar-Wappen mit der Menora in die Frisur rasiert haben, dann spiegelt sich Mizrahi in ihnen wider.

Heute besucht Mizrahi Krankenhäuser, arbeitet mit Jugendlichen und macht auf die Gefahren ebenjener Radikalisierung aufmerksam, der er aufgesessen ist. "Sie nennen mich einen Verräter", sagt er und: "Ich bin nur ein Mensch, der seinen Verein liebt. Und dieser Verein ist gekapert worden. Die Ultras sind inzwischen mächtiger als der Klub." Es herrscht ein Klima der Angst. Das merkt man auch, als der Pressesprecher des Klubs, über den Goal zuvor Marcel Heister anfragte, den Kontakt abbricht und auf keine Mail mehr reagiert, als Goal Fragen zu den Ultras stellt.

Auch Marcel Heister äußert sich nicht zu den Ausfällen der Fans. Er persönlich habe nie Rassismus oder Banner mitbekommen. Vielleicht hat er das tatsächlich nicht. Denn er ist Legionär. Auch sein französischer Mitspieler Johan Audel, ehemals beim VfB Stuttgart, sagte, er hätte die eigenen Fans noch nie ausfallend werden sehen. Ein Sprachproblem? Schließlich rufen die Fans vor jedem Spiel auf Hebräisch: "Hier kommt die rassistischste Mannschaft des Landes." Man ist stolz darauf, die "Reinheit" zu bewahren und Flagge zu bekennen gegen alles Fremde.

"Nicht 'La Familia' betrügt, sondern der Staat Israels, der seine Ideale verrät", ist auf der Facebook-Seite der Ultra-Gruppe zu lesen. 40.000 Menschen folgen dem Online-Auftritt. Unter dem Post schreibt ein Fan: "Tod allen Palästinensern!" 44 Leuten gefällt das. Sämtliche Kontaktversuche von Goal über die Facebook-Seite blieben unbeantwortet. Marcel Heister kümmert sich um all das nicht. Wer will es ihm verdenken? Er ist ein junger Profi, der das Leben am Meer genießt, Fotos mit seiner Freundin auf Instagram postet. Politik sei innerhalb des Teams absolut kein Thema, sagt er.

Dass sich neben Nationalisten auch immer mehr junge Ultra-Orthodoxe Beitar anschließen, ist laut Hagemann ein "junges Phänomen". "Die Ultra-Orthodoxie ist die einzige größere Bevölkerungsgruppe in Israel, die  zunächst keine eigenen Sportvereine gründete, da das Ideal der Ultra-Orthodoxen im lebenslangen Studium der Tora besteht", sagt er. "Sport wurde hingegen als Ausdruck und Bestandteil der Modernisierung und damit als Bedrohung für eine religiöse Lebensführung abgelehnt. Allerdings zeigen sich hier erste kleinere Wandlungsprozesse: Viele der jungen Ultra-Orthodoxen sind begeisterte Beitar-Jerusalem-Anhänger." So wird der Klub zum Sammelbecken jedweder fremdenfeindlicher Couleur.

Rivalität zwischen Hapoel und Beitar

Dieser Prozess zeigt die Spaltung eines ganzen Landes. Denn viele Vereine stellen sich dem Nationalismus und Rassismus entschieden entgegen. "Für die meisten israelischen Fußballvereine sind arabische Spieler Normalität, auch in der israelischen Nationalmannschaft wurden schon palästinensische Israelis eingesetzt", erklärt Hagemann. Umso größer ist der Hass von "La Familia" auch auf jüdische Fans anderer Vereine. 2014 riefen sie im Internet zu Aktionen gegen Fans des Meisters Hapoel Be'er Sheva auf. Dort wird Offenheit groß geschrieben. Juden, Christen und Araber spielen Seite an Seite. 2016 wurde man Meister, sensationell überwintert man nun auch in der Europa League.

"Die ideologische Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft spiegelt sich auch im Fußball: Der revisionistische Zionismus gründete unter dem Dach von Beitar eigene Sportvereine, die Arbeiterbewegung und die Gewerkschaften gründeten mit Hapoel einen eigenen Verband", bringt Hagemann die Rivalität zwischen den Löwen und Be'er Sheva auf den Punkt.

Am Montagabend kam es zum Spiel zwischen Beitar und Hapoel. Spielort war das Teddy-Kollek-Stadion. Der Ort, an dem Heister so frenetisch bejubelt worden war. Beim 1:3 der Heimmannschaft jubelten sie dieses Mal nicht. Stattdessen hielten sie ein Plakat in die Höhe, das die beiden Nigerianer der Gäste, John Ogu und Anthony Nwakaeme, rassistisch beleidigte. Letzterer traf zum 1:1. Und sie tobten in der Kurve, reckten ihre Fäuste in seine Richtung, beleidigten ihn.

Erfolg für die Menschlichkeit

Be'er Sheva gewann das Spitzenspiel und festigte Platz eins. Es war weit mehr als ein sportlicher Erfolg, es war ein gesellschaftlicher Sieg. Drei Punkte für ein Team, das für Toleranz steht, und null für das Team, das sich seinen Fans beugen muss und um das eigene Wohl fürchten muss, sollte man einen Muslim oder Araber verpflichten. Es war auch ein Stückchen weit ein Erfolg für die Menschlichkeit.

Oder wie es Steffen Hagemann ausdrückte: "Bei aller Ökonomisierung des Fußballs, besitzt Fußball doch immer auch ein demokratisches und utopisches Potenzial: Jeder kann mitspielen, auch die in der Gesellschaft marginalisierten, und von Anerkennung und Aufstieg träumen. Detlev Claussen hat dies sehr treffend formuliert: 'Die Freude am Spiel erweckt die Lebenslust, und bis zur letzten Minute wird die Hoffnung genährt, dass nicht alles bleiben muss, wie es ist, und die Welt doch zu verändern ist.'"

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