thumbnail Hallo,

Arne Friedrich im Interview: "DFB bekam ein neues Gesicht"

Friedrich erlebte den Paradigmenwechsel beim DFB hautnah mit, bestritt unter Löws Ägide drei Endrunden: Bei Goal gibt der 82-fache Internationale interessante Einblicke.

München. Allzu gerne blickt Arne Friedrich zurück, auf den 3. Juli 2010. Im WM-Viertelfinale dirigierte er Deutschlands Abwehr gekonnt, selbst Lionel Messis Genieblitze verpufften. Es war wohl einer seiner überzeugendsten Auftritte, mit 4:0 geriet dieser gar zum Triumphzug. Gekrönt durch sein erstes und einziges Länderspiel-Tor.

Vier Jahre sowie eine Nervenschlacht gegen die Albiceleste später darf sich die DFB-Elf wieder Weltmeister nennen, zum vierten Mal. Für Friedrich kam die Krönung zu spät. Er zog sich 2013 aus dem Profi-Fußball zurück. Noch heute spürt man jedoch die Nähe, die Verbundenheit, wenn der 35-Jährige über das Nationalteam philosophiert. Ein Interview über das System Joachim Löw, den "absoluten Leader" und Spielverderber Mario Götze.

Arnold, Lasogga & Co.: Die Zukunft des DFB-Teams

DRAXLER NARRT GROSSKREUTZ
Get Adobe Flash player

Herr Friedrich, insgesamt vier Turniere, eines davon unter Jürgen Klinsmann 2006, absolvierten Sie mit dem Adler auf der Brust. Diesmal waren sie abermals dabei - in ungewohnter Funktion ...

Arne Friedrich: Ich begleitete die Nationalmannschaft für das chinesische Fernsehen, war bei Spielen vor Ort, bei Trainings und Pressekonferenzen, führte Interviews. Ich habe gespürt, dass alle schon in der Vorrunde unglaublich locker waren, einen positiven, hochkonzentrierten Eindruck hinterließen. Ähnlich wie 2010. Trotzdem wurde die Anspannung nie zu groß, sodass sie gehemmt gewesen wären. Man konnte sehen, dass etwas Großes heranwächst.

Sie sprechen 2010 an: In der Runde der letzten Acht begegneten Sie damals Argentinien – das weckt das bei Ihnen bestimmt positive Erinnerungen.

Friedrich: Auf jeden Fall, ich erzielte da mein einziges Tor für Deutschland. Seither hat sich der Fußball stetig entwickelt. Wir waren in Südafrika auf einem sehr, sehr guten Weg, der Sport auf einem enorm hohen Niveau. Diesmal verlief das Spiel anders. Argentinien war darauf bedacht, defensiv stark zu stehen. Unter Diego Maradona hatten sie Probleme im mannschaftstaktischen Bereich. So stand am Ende ein 4:0. Es waren komplett andere Voraussetzungen, aber glücklicherweise der gleiche Gewinner.

Sieben Stunden Warten für 40 Minuten Ekstase

Mancherorts spekulierte man, bedingt durch die Demütigung Brasiliens, lediglich über die Höhe des deutschen Erfolges. Was hatten Sie erwartet?

Friedrich: Ich hätte damit gerechnet, dass es einfacher wird und nicht in die Verlängerung geht. Die Argentinier wirkten allerdings frischer als gegen Holland, körperlich wie geistig. Sie machten es uns sehr schwer, waren gefährlich – gerade über Lionel Messi. Wenn er den Ball hat, ist er kaum zu halten.

Nicht er, sondern Mario Götze erlangte plötzlich Heldenstatus. Obwohl er zuvor bei dieser Endrunde wenig präsent, verunsichert wirkte.

Friedrich: Er ist einer der talentiertesten Spieler weltweit. Klar, er hatte Höhen und Tiefen, die Erwartungen waren hoch. In diese Rolle wächst er sicher rein. Heute lernst du schon in Jugendteams damit umzugehen, da großer Druck herrscht. Nur ist das eine andere Generation mit neuem Führungsstil. Früher war der auf ein bis zwei Personen ausgerichtet. Mittlerweile wird mehr Wert auf das Gefüge gelegt, so werden die Talente ausgebildet.

Und wie überrascht waren Sie?

Friedrich: Im Endeffekt musst du damit rechnen, dass er den Unterschied ausmachen kann. Das ist eben Mario Götze - und solche Geschichten schreibt nur der Fußball. Ich freue mich sehr für ihn. Er und das Team haben eine tolle Zukunft vor sich.

Die Gegenwart gestaltet sich nicht minder glorreich: Weshalb reichte es für Deutschland ausgerechnet in Brasilien zur Vollendung?

Friedrich: Diesen Jungs gelang nochmal ein Entwicklungsschritt. Sie traten dominanter auf. Es ging von Beginn an in eine überaus positive Richtung. Jetzt ist das Team aber besser geworden, in der Breite stärker und taktisch zauberte Jogi Löw einiges aus dem Hut. Er hat blendende Arbeit geleistet, ließ anfangs unkonventionell vier Innenverteidiger auflaufen, stellte Philipp Lahm im Mittelfeld auf. Als dieser zurück nach hinten musste, hat das dem deutschen Spiel sehr gut getan. Nur gehört taktisches Können dazu, um so zu reagieren wie Löw. Er tat das wegen des Ausfalls von Shkodran Mustafi, nicht für die Medien. Er hat die Kritiker verstummen lassen. Man hat sich diesen Weltmeistertitel verdient.

Er forcierte die von Jürgen Klinsmann vollzogene Revolution. Hätten Sie nicht gedacht, diese würde schneller ihren Höhepunkt erreichen?

Friedrich: Vier Jahre früher wäre schön gewesen (lacht). Es war ein Prozess, der seine Zeit gedauert hat. Klinsmann veränderte unheimlich viele Kleinigkeiten, darüber könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Es fing an bei Personalentscheidungen auf prominenter Ebene. Unter ihm wurden andere Spieler einberufen, andere Funktionäre und moderne Trainingsmethoden installiert. Der DFB bekam ein komplett neues Gesicht. Letztlich gehört bei der WM Glück dazu. Die Konkurrenzsituation nimmt eine nicht unwesentliche Rolle ein. Spanien war in den letzten Jahren stets in Topform, diesmal aber nicht konkurrenzfähig. Es muss alles passen, das hat es in Brasilien.

Mario Götze: Die persönliche Erlösung?

Wie akribisch plante der Bundestrainer seine Mission "Vierter Stern"?

Friedrich: Zunächst mal steckt ein riesiges Team dahinter. Die Scouts Urs Siegenthaler, Christopher Clemens, die Co-Trainer, Oliver Bierhoff - alle arbeiten eng zusammen, sind top auf die Gegner, deren Stärken und Schwächen vorbereitet. Es war von langer Hand geplant und alles perfekt. Jede einzelne Einheit ist auf das Ziel und den Gegner ausgerichtet. Das läuft hochprofessionell.

SCHWEINI: ENDLICH DAS SCHEISS-DING
Get Adobe Flash player

Sepp Herberger, Helmut Schön, Franz Beckenbauer – nun Löw: Inwiefern gehörte er für Sie längst zu den größten Persönlichkeiten?

Friedrich: Um in diesen ganz elitären Zirkel zu gelangen, braucht es natürlich Titel. Löw ist nun dort angekommen. Er zeigte immer wieder, welch großartiger Trainer er ist. Brasilien hat ihn gekrönt und ihm ein anderes Standing verschafft. Für ihn ist wichtig, eine homogene Einheit zusammenzustellen. Der Teamgeist hat enorme Bedeutung. Die Arbeit ist Stück für Stück fortgeschritten. Jetzt haben wir endlich das Ziel erreicht.

Bastian Schweinsteiger: Von wegen "Chefchen"

Ein Coup, den Bastian Schweinsteiger in der Hauptrolle einfädelte. Im Stile eines wahren Regisseurs.

Friedrich: Er und Philipp Lahm waren damals bereits weltklasse. Jetzt haben sie auch den Titel. Da kann man nur den Hut ziehen. Wie sich Schweini in dem Spiel durchgebissen hat, zeugt von seinen Qualitäten. Er ist ein absoluter Leader-Typ. Für die Typen-Debatte im Vorfeld hatte ich ohnehin kein Verständnis. Da wird jedes Jahr ein Spieler rausgepickt, das ist das normale Mediengeschäft. In der Mannschaft kennt jeder sein Standing. Er und Philipp hatten stets die Zügel in der Hand. Für sie oder Miroslav Klose freut es mich sehr, da sie seit Jahren ihre Leistung bringen.

Wie viel Wert legt Joachim Löw denn auf die Meinung seiner Führungsriege?

Friedrich: Er ist sehr offen für Gespräche, gerade für den Mannschaftsrat, den Kapitän, den zweiten Kapitän. Das macht ihn aus. Es ist eine seiner großen Stärken, dass er nicht komplett stur ist und alles im Alleingang entscheidet. Er hält Augen und Ohren offen, holt sich Informationen und trifft richtige Entscheidungen.

Mitunter die für Jerome Boateng im Abwehrzentrum: Früher ein Tollpatsch, im Endspiel einer DER Schlüsselfaktoren. Ihre Meinung?

Friedrich: Er ist sehr flexibel, bevorzugt es aber, in der Mitte zu spielen. Da hat er seine Stärken. Ich musste damals als gelernter Innenverteidiger auch oft rechts aushelfen und habe mein Hauptaugenmerk darauf gelegt, die Defensivarbeit zu verrichten. Jeder besinnt sich auf die eigenen Stärken. Wenn man nun Benedikt Höwedes heranzieht. Er fokussierte sich in erster Linie darauf, die Seite dicht zu machen, nicht ständig hoch und runter zu laufen. Alle haben sich als Kollektiv unglaublich verbessert. Speziell im Defensivverhalten.Gemeinsam mit Mats Hummels machte Boateng natürlich exzellente Arbeit. Davor lieferte Per Mertesacker super Vorstellungen ab. Sie haben es sich verdient.

Dazugehörig