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Andreas Herzog: "Lionel Messi lässt den Chef raushängen"

Deutschland kann gegen Argentinien seine Mission "Vierter Stern" krönen. Vor dem Endspiel spricht Ex-Bundesliga-Legionär Herzog über lauffaule Superstars und die DFB-Reife.

München. Für gewöhnlich ist die Soccer-Begeisterung in den USA enden wollend. Nicht bei dieser WM. Plötzlich fieberte Barack Obama mit. Und wenn sich der mächtigste Mann des Planeten dafür begeistert, tut es ein ganzes Land. Es stand hinter seinen neuen Helden, hinter Jürgen Klinsmann - und Andreas Herzog .

Er ist der Vertraute des ehemaligen Bundestrainers, beobachtet für ihn Talente in Europa, assistiert als Co-Trainer. Gemeinsam führten sie das amerikanische Nationalteam bis ins Achtelfinale, begegneten Deutschland in der Gruppenphase. Im Goal-Interview spricht Herzog über positiven Größenwahn im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" und eine halbnackte Begegnung mit Vize-Präsident Joe Bidden.

Zudem schwärmt der 45-jährige Österreicher vor dem WM-Finale (21 Uhr im LIVE-TICKER ) über Toni Kroos, Joachim Löws bayrischen Dortmund-Stil und das gewinnbringende DFB-Gefüge. Lionel Messis Allüren sowie die Selecao bewertet er indes kritisch.

Brasilien steckt in der Depression – die USA wurden mit dem Fußball-Virus infiziert. Herr Herzog, hätten Sie das für möglich gehalten?

Andreas Herzog: Es ist uns bei der WM gelungen, den Fußball-Boom der letzten ein bis zwei Jahre auszunutzen. Der Ruck, der durch das Land ging, bereitet uns große Freude. Sogar Präsident Obama ließ seine Glückwünsche ausrichten. Sein Vize war nach dem Spiel gegen Ghana sogar bei uns in der Kabine. Für mich war das kein guter Zeitpunkt (lacht). Ich kam aus der Dusche und lief nur mit meinem Handtuch bekleidet herum. Plötzlich standen seine Bodyguards mit finsterer Miene vor mir. Mister Bidden war aber sehr locker. Der Fußball gewinnt in den USA mehr an Stellenwert.

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Die Brasilianer sind geradezu verrückt danach: Wie haben Sie die Stimmung erlebt?

Herzog: Wir blieben vom Chaos verschont – bei uns lief es ruhig. Die Organisation war sehr gut. Wir wurden mit Polizeieskorte zu Partien begleitet, die Stimmung war absolut positiv. Was vorher passiert ist, dass Stadien statt Schulen oder Krankenhäuser gebaut wurden, die Menschen in Armenvierteln und unter Brücken leben, ist natürlich tragisch.

Wie sehr belastete dies auch Brasiliens Stars?

Herzog: Ganz klar, sie bürdeten sich zu viel auf. Jeder Einzelne wollte das Volk glücklicher machen, darauf haben sie sich mehr konzentriert und vergessen sich perfekt auf den Gegner einzustellen. Sie haben ihre Nerven verloren. Dass sie geweint haben, nicht nur vor und nach dem Elfmeterschießen gegen Chile, ist absolut okay. Sie sind Menschen. Allerdings hat ihnen einfach zu oft die Ruhe gefehlt. Eiskalte Gegner, und dazu zählt Deutschland, wissen eine Schockstarre wie nach dem ersten Tor im Halbfinale auszunutzen. So ging man unter. Neymar hätte keinen Unterschied gemacht.

Der Gastgeber wirkte total überfordert –man wähnte sich im falschen Film …

Herzog: Nicht dass ich auf 7:1 getippt habe. Aber mir war klar, die Mannschaft ist nicht so reif und verfügt nicht über die spielerische Klasse der Vergangenheit. Da fehlt einiges. Wenn man die kritisierten Stürmer heranzieht. Früher hatte man Ronaldo, Ronaldinho, Careca, Romario, Bebeto – die waren allesamt weltklasse. Fred oder Jo fehlt die Qualität, in Europa kennt sie der normale Fan gar nicht. Von vorneherein sah das nicht so erfolgsversprechend aus.

Sie trafen mit den USA auf die DFB-Elf – was macht sie derart stark?

Herzog: Sie verfügen über einen eingespielten Bayern-Block mit bis zu sieben Profis. Die Mannschaft ist daher wie eine Vereinsmannschaft. Und sie hat eine perfekte Altersstruktur, wenig extrem Junge, aber für ihr Alter ausgesprochen routinierte Spieler, die in der Champions League erfolgreich waren. Joachim Löw hat den Stil von Bayern und Borussia Dortmund vereint. Wenn das umgesetzt wird, ist die Qualität erdrückend, das wurde gegen Brasilien offensichtlich.

Wo liegen die Unterschiede zu den letzten Turnieren?

Herzog: Sie bieten nicht nur Zauberfußball, das hängt mitunter vom Gegenüber ab. Gegen defensiv bestens organisierte, aggressive Teams wie Algerien oder Frankreich hatten sie Probleme. Brasilien konnte mit dem übergroßen Druck nicht umgehen. Deutschland hat das knallhart ausgenutzt, führte zur Pause 5:0, das zeigt die Mentalität. Ob 60.000 Fans pfeifen, ist den Spielern total egal. Mir gefällt speziell das Spiel im Ballbesitz. Sie verzetteln sich nicht mehr, behalten den Endzweck im Auge. Zuletzt waren Barcelona und Spanien nur auf Passspiel getrimmt, sie haben vergessen, wo das Tor steht. Das war nicht mehr anzusehen.

In der Schaltzentrale verfügt Deutschland über einen Spielmacher alter Schule. Was sagt der frühere Regisseur zum Schlüsselspieler Toni Kroos?

Herzog: Er absolviert ein überragendes Turnier. Sein Passspiel ist bewundernswert, er zieht die Fäden im Mittelfeld. Ihm sieht man das Selbstvertrauen auf dem Platz an. Jeder Verein, jeder Großklub, vor allem Real zeigen Interesse, das pusht ihn. Einen herauszupicken ist aber schwer. Manuel Neuer ist eine absolute Wand. Er verleiht unheimliche Sicherheit. Oder Mats Hummels, der als Abwehrchef die Defensive ordnet – Deutschland ist einfach breit aufgestellt.

Der ausschlaggebende Vorzug?

Herzog: Im argentinischen Kader stehen zwei, drei Stars, die Begegnungen entscheiden können. Was die DFB-Elf auszeichnet, ist jedoch das Mannschaftsgefüge. Niemand lässt den anderen für sich laufen und beansprucht für sich selbst die wichtigen Szenen. Thomas Müller, der die meisten Tore im Team geschossen hat, rennt mit am meisten...

… im Gegensatz zu Lionel Messi.

Herzog: Auf solche Typen wird die Taktik zugeschnitten, das ist normal. Augenscheinlich ist, dass er nicht die unbedingte Laufbereitschaft aufbringt. Vor ein paar Jahren, als der FC Barcelona ein Angriffspressing vom Feinsten aufzog, hat er noch mitgemacht. In der Phase war man beinahe unbesiegbar. Er kann mit einigen Aktionen ein Spiel im Alleingang entscheiden. Zu abhängig solltest du eine Mannschaft von Messi aber nicht mehr machen.

Warum?

Herzog: Er kickt seit dem 17. Lebensjahr auf absolutem Weltklasse-Niveau. Das ist nun zehn Jahre her. Irgendwann kommt zwangsläufig eine Zeit, in der du schwächelst und nicht jede Saison 30 bis 40 Tore schießt. Derzeit lässt er gerne den Chef raushängen. Solange er Erfolg hat, ist das kein Problem. Nur waren Barca und er schon besser. Das ist der Maßstab, woran er in den nächsten Jahren gemessen wird. Bei dem Turnier bin ich von ihm nicht angetan.

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Ein Hauptgrund, warum Deutschland der Titel nicht zu entreißen ist?

Herzog: Nein, diesmal ist es eine Spur einfacher, weil keine Mannschaft so souverän agierte, wie Spanien in den letzten sechs bis acht Jahren. An der Mannschaft ist Deutschland zerschellt. Sie waren vielleicht ein bisschen zu alt, hatten nicht mehr den Hunger. Wenn Bastian Schweinsteiger und Co. am Sonntag gewinnen, haben sie in den letzten vier Jahren alles richtig gemacht. Sie sind definitiv reif.

Jürgen Klinsmann revolutionierte einst den DFB, in den USA vollbrachte er selbiges Kunststück. Öffnet die Zusammenarbeit für Sie neue Horizonte?

Herzog: Jürgen ist detailversessen im Training und lässt sich von anderen Sportarten inspirieren. Er ist die Triebfeder im amerikanischen Fußball, der Hauptgrund, warum der Sport explosionsartig boomt. Das Schönste ist, wie er es schafft, einer Mannschaft so viel Selbstvertrauen einzuimpfen, um schier übermächtigen Mannschaften doch Paroli bieten zu können.

Was ist er: Trainer oder Manager?

Herzog: Jürgen stellte sich einen Stab zusammen, in dem jeder seine Stärken besitzt. Das Beste ist, dass wir gewisse Freiheiten haben. Wir reden und diskutieren über alles, dürfen auch unsere Ideen verwirklichen. Er ist und bleibt der absolute Chef, entscheidet und öffnet viele Türen.

Wie viel Größenwahn steckte hinter dem proklamierten Ziel WM-Titel?

Herzog: Man muss das realistisch betrachten. Belgien legte unsere Schwächen offen. Im Offensivspiel vermochten wir durch die Verletzung Jozy Altidores nie eine unserer Stärken, den Pass mit Tempo in die Tiefe, auszuspielen. Trotzdem blieb es stets bis zur letzten Sekunde eng. Die Mannschaft ist im Stande, Außergewöhnliches zu leisten. Uns fehlt zwar die individuelle Klasse, aber unser Teamspirit kompensiert das und macht uns gefährlich für jeden Gegner.

Wie nachhaltige ist die Aufbruchsstimmung?

Herzog: Die Liga wird stetig besser, das ist wichtig. Es entstehen neue Klubs, einer in New York, einer in Orlando, der Kaka verpflichtete. Wenn die Amerikaner etwas in die Hand nehmen, hat alles Sinn und Verstand und eine finanzielle Kraft dahinter. David Villa wechselte zum New York City FC. Es gibt Gerüchte, dass Xavi ebenfalls den Lockruf erhört. Früher kannten die Leute nur Baseball, Football und Basketball. Jetzt steigt das Interesse an der MLS, das an anderen Sportarten flaut ab. Wenn Medien auf den Zug aufspringen, steigert sich das. Bei der WM war es so. Wir prangten überall auf den Titelseiten, besser hätte es gar nicht laufen können. Das Potenzial in den USA ist jedenfalls unerschöpflich. Wir müssen das pushen, im Nachwuchs arbeiten, Talente, die nach Europa wechseln, bestmöglich darauf vorbereiten, damit mehr Topspieler heranreifen.

Eine Hauptrolle wird Ihnen zugedacht: Welche Reize böte der angebotene Trainerposten im Olympia-Team?

Herzog: Es ist verlockend und die zweieinhalb Jahre, die ich für den US-Verband arbeitete, waren sehr schön. So etwas gibt man nicht so schnell auf. Ich habe mit Jürgen vor einigen Tagen telefoniert. Ich habe gesagt, ich möchte nach der WM runterkommen, mir Zeit geben, um in Ruhe zu überlegen. Wir werden danach miteinander telefonieren und eine Lösung finden.

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