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Sportpsychologe Werner Mickler: "Löw ließ sich früher beeinflussen"

Brasilien vs. Deutschland, Gastgeber vs. Titelfavorit – die Fußball-Welt erwartet einen erbitterten Kampf. Zuvor spricht ein Sportpsychologe über Erfolgszwang und Körpersprache.

München. Er begleitete jüngst Mehmet Scholl und Stefan Effenberg. Er lehrte Bundestrainer Jürgen Klinsmann , auch Joachim Löw das mentale Einmaleins: Werner Mickler leitet die sportpsychologische Ausbildung für angehende Fußball-Lehrer des DFB .

Im exklusiven Goal-Interview beantwortet der 61-Jährige vor dem großen WM-Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland (22 Uhr im LIVE-Ticker ) Schlüsselfragen: Wie ließ sich Joachim Löw früher beeinflussen? Warum treibt Neymars Aura an? Sind die Stars der Selecao zu weich? Und: Mesut Özil rät er zu persönlichen Korrekturen.

Herr Mickler, wie akzeptiert ist Sportpsychologie mittlerweile im professionellen Fußball?

Werner Mickler: Als Jürgen Klinsmann 2004 sein Amt antrat, installierte er Hans-Dieter Hermann. Diese Zusammenarbeit hat bis zur WM in Deutschland Großes bewirkt. Einige Ehemalige wie Aktive sagen heute, wenn sie gewisse Erfahrungen früher gemacht hätten, hätten sie sich manchmal nicht so schwer getan. Jetzt suchen sich Spieler entweder selbst ihre Vertrauenspersonen, mit denen sie auf dieser Ebene arbeiten, oder ihnen wird im Verein die Möglichkeit geboten. Grundsätzlich glaube ich, sie haben erkannt, dass nicht nur das Konditionelle und Technisch-taktische von Bedeutung ist, sondern ebenso der mentale Umgang mit bestimmten Situationen. Der entscheidende Punkt, das letzte Quäntchen, um Erfolg herbeizuführen, hängt stark von der kopfmäßigen Einstellung ab.

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Bei einer WM lastet auf dem Gastgeber überdimensionaler Druck. Wie arrangiert man sich damit?

Mickler: Das Wichtigste ist: Wie gehe ich mit der Erwartungshaltung um? Sehe ich sie als Belastung, kann sie mich erdrücken und mein Potenzial bleibt unausgeschöpft. Sehe ich sie als Chance, um mit den Fans im Rücken das abzurufen, was mir zur Verfügung steht und auch mal kritische Momente durchzustehen, ist sie ein Energieträger, der mich hochpowert. Es hängt ganz davon ab, wie es jeder Einzelne für sich interpretiert. Im positiven Sinne kann natürlich eine Wechselwirkung entstehen. Die Unterstützung aus dem eigenen Land zu spüren und einen Teil davon zurückzugeben, potenziert das Ganze.

LÖW SIEHT BRASILIEN IN FAVORITENROLLE

Ein Paradebeispiel ist das Sommermärchen 2006 …

Mickler: Vorab herrschte eine negative Stimmung hierzulande. Trotzdem gelang es Klinsmann, obwohl die Resultate in der Vorbereitung enttäuschend waren, die unheimliche Kritik umzuwandeln und daraus Kraft zu ziehen. Nach dem Auftakt gegen Costa Rica ging eine positive Welle durch das Land. Plötzlich fuhren die Fans mit Deutschland-Fahnen auf ihren Autos herum, die Begeisterung auf den Fanmeilen war riesig. So etwas pusht die Spieler zusehends. Sie haben durch den neuen Input von Klinsmann gelernt, sich davon tragen zu lassen.

Der DFB-Elf begegnete man damals skeptisch – für die Selecao zählt bei der diesjährigen Endrunde einzig der sechste Titel, die Hexa. Inwiefern leiden die Hauptdarsteller darunter?

Mickler: Durch den Triumph beim Confederations Cup entstand eine wahnsinnige Erwartungshaltung. Alles andere als der Titel wäre enttäuschend. Normalerweise hätte man mit dem Halbfinale-Einzug viel erreicht, immerhin gehört man zu den vier weltbesten Nationen. Die Brasilianer sehen das anders. Sie müssen Weltmeister werden. Ohne Neymar wird es verdammt schwer. Für die Akteure, die bis dato nicht ran durften, da Luiz Felipe Scolari nicht dazu neigt, die Startformation umzustellen, kann das gleichwohl eine Initialzündung sein. Nach diesem Schock wird man probieren, das Positive zu akzentuieren: Nämlich die Möglichkeit, Neymar etwas zurückzugeben. Er bleibt eine Schlüsselfigur. Wenn es Scolari schafft, ihnen klar zu machen, dass er bei ihnen ist, sie für ihn kämpfen müssen, setzt das positive Energie frei.

Inwiefern vermag ein Trainer, darauf einzuwirken?

Mickler: Grundsätzlich müssen neben der Herausforderung auf dem Rasen vielfältige psychologische Aufgaben gemeistert werden. Ein Fußballlehrer sollte lernen, mit Hochleistungssportlern umzugehen. Bei uns nennt man diese Ausbildung "Coach the Coach". Man setzt sich vorher mit ihm zusammen und überlegt wie eine Halbzeit-Ansprache aussehen könnte, worauf sie im Speziellen achten sollten, um auf den Punkt fixiert zu sein. All das versucht man zu erarbeiten, um ihnen für eben jenen Ernstfall ein psychologisches Rüstzeug an die Hand zu geben. Ein Allheilmittel haben wir dafür nicht. Die Arbeit ist äußerst situativ. Sie können ebenso wenig sagen, die eine Taktik ist immer erfolgreich. Scolari muss seine Ausrichtung von Grund auf ändern, weil mit Neymar und Thiago Silva zwei Leistungsträger fehlen. Hohe Flexibilität ist unabdingbar – auch im Spiel oder in der Halbzeit.

Inwiefern sind die Akteure dann überhaupt aufnahmefähig?

Mickler: In den ersten fünf Minuten der Pause brauchen sie erstmal Ruhe. Sie befinden sich auf einem relativ hohen Belastungsniveau, ärgern sich vielleicht noch über Szenen und müssen zunächst runterfahren. Der Trainer wiederrum soll diese Zeit nutzen, sich mit dem Assistenten zu beraten: Wie gehen wir damit um? Welche Informationen geben wir weiter? Danach hat er fünf Minuten, maximal zwei Aspekte auszuführen – mehr kann in dieser Extremsituation nicht verarbeitet werden. Entweder das taktische Konzept und notwendige Verbesserungen betreffend, oder Veränderungen. Es dürfen nur Dinge sein, die im Training thematisiert wurden und wo die Spieler wissen, wie sie zu reagieren haben. Die letzten zwei bis drei Minuten sind motivational, um den Teamgeist zu beschwören.

Über die Jahre reift eine Persönlichkeit. Joachim Löw wirkt dieser Tage fokussierter, entschlossener, an der Seitenlinie präsenter denn je. Erkennen sie neue Züge in seinem Wesen?

Mickler: Ich weiß nicht, ob er seine Persönlichkeit verändert hat. Man sollte sich, wie wir es sagen, kongruent verhalten. Das heißt, nicht eine Rolle spielen, sondern die eigene Überzeugung nach außen konsequent vermitteln. DEN Trainertypen gibt es nicht. Löw hat erkannt, dass es 80 Millionen Bundestrainer in Deutschland gibt und jeder seine eigene Meinung vertritt. Er aber arbeitet am intensivsten mit der Mannschaft, steuert die Prozesse, steht mit dem Betreuerstab im Austausch, und verfügt über den besten Eindruck. Zum Teil, am Anfang seiner Karriere, als er die Sicherheit und Erfahrung nicht hatte, ließ er sich beeinflussen. Später merkte er, wenn ich den eigenen Ideen treu bleibe, sind wir erfolgreicher. Löw will es nicht mehr allen recht machen und lässt sich nicht von seinem Weg abbringen. Er vertritt seine Meinung felsenfest und die Spieler nehmen es ihm ab, da es funktioniert.

Wie beeinflusst die Körpersprache seine Schützlinge?

Mickler: Er lebt das tausendprozentig vor. Die Mannschaft bildet eine Einheit und ist erfolgreich. Sie hat gelernt, die Idee umzusetzen. Es geht nicht mehr darum, schönen Fußball zu spielen und die Fans zu begeistern. Es geht darum, erfolgreich zu sein und eine Strategie bis zum Ende durchzuhalten. Löw verdeutlichte in der Vorbereitung, nicht nur elf Mann zu gebrauchen. Aufgrund der klimatischen Bedingungen sind die Spieler zwölf, 13, 14 und 15 von elementarer Bedeutung. Er kann von der Bank neue Impulse setzen, um erfolgreich zu sein – ob mit Andre Schürrle, Miroslav Klose oder Bastian Schweinsteiger. Sie sind keine Ersatzleute im klassischen Sinne, sie hieven das System vielmehr auf den nächsten Level. Die große Kunst ist, zu erkennen, wann setze ich wen ein. Löw beherrscht diese große Kunst.

Einer, bei dem Impulse vorausgesetzt werden, ist Mesut Özil. Er tritt in Brasilien bisweilen gehemmt, blockiert auf. Man spricht bei ihm gerne von einem gewissen Phlegma. Inwiefern teilen Sie diesen Eindruck?

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Mickler: Özil hat die Anlagen, zu überragen, das sieht Löw in erster Linie. Nun muss er das Talent aus ihm herauskitzeln, in dem er einerseits fordernd auftritt und fördernd, also Verständnis für gewisse Gegebenheiten zeigt. Wichtig ist, dass jeder an ihn glaubt. Sie sollten ihn ermutigen, ihm zeigen, wie wichtig er ist, obwohl seine Bewegungen womöglich Assoziationen wecken. Özil wird derzeit nicht an der Leistung in einer Partie gemessen, sondern stets an der Vergangenheit und dem, was er geleistet hat. So entsteht diese Diskrepanz.

Julio Cesar: Brasiliens Phönix aus der Asche

Was bedeuten persönliche Erfolgserlebnisse für das Selbstvertrauen?

Mickler: Klar ist, nur durch das absolute Bewusstsein der eigenen Stärken besteht man Prüfungen. Die Erkenntnis, dass nicht alles von selbst läuft und er sich mit Widerständen konfrontiert sieht, ist bedeutend. Er sollte anfangen nachzudenken, was er besser machen kann, ohne seine Stärken zu verlieren. Wenn er begreift, wie er sich neu anfeuern und den Problemen stellen kann, wird er daraus eine Menge mitnehmen und ihm ein Entwicklungsschritt gelingen. Das Erfolgserlebnis im Wettkampf bleibt definitiv die beste Rückmeldung. Nur was kann er tun, um es wahrscheinlich zu machen? Er sollte anfangen, Kleinigkeiten zu verändern und im Training durch zusätzliche Übungen das Gefühl aufbauen. Und er sollte im Spiel wieder Mut beweisen und überraschende Dinge ausprobieren, auch wenn sie nicht hundertprozentig aufgehen.

Medien und Experten fordern, Özil müsse endlich Führungsfunktionen übernehmen. Inwiefern lässt sich das Verantwortungsbewusstsein schulen?

Mickler: Nicht jeder ist dazu befähigt. Hierfür gilt es Voraussetzungen zu erfüllen: Zuerst muss man anerkannt in der Gruppe sein und diese gut führen können. Man muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen und mit den Konsequenzen zu leben. Özil hat das noch nicht bewiesen. Im Laufe der Karriere lernt man das, nicht jeder wächst allerdings in gleichem Maße in diese Rolle. Neuerdings wird deshalb in den Nachwuchsleistungszentren darauf geachtet, den Talenten Aufgaben zu stellen, um das Verantwortungsgefühl zu erleben und sich den Folgen zu stellen.

Wie belastend das sein kann, offenbart Brasilien: Die dicken Tränen von Neymar, Julio Cesar und Co. bestimmten die Schlagzeilen. Sind Profis heutzutage zu sensibel?

Mickler: Nein, man darf in der heutigen Zeit Emotionen zeigen und die Medien verlangen danach. Da Cesar und seine Kollegen trotzdem im Elfmeterschießen gegen Chile ihre Nerven behielten, sind sie scheinbar in der Lage, entsprechend umzuschalten. Genau das ist der Punkt: Sie lassen einfach mal den Druck in Form von Tränen raus, wenn es nötig und möglich ist, sind danach aber wieder bereit, sich zu fokussieren.

Entscheidet der Kopf denn eine Weltmeisterschaft?

Mickler: Das Mentale ist eine kleine Schraube in der Gesamtheit des Systems. Es über 120 Minuten und womöglich im Elfmeterschießen zu beherrschen, den Kopf einzuschalten, kann vorteilhaft sein. Um die Automatismen einzusetzen, benötigt man aber Erfahrung. Im Film "Ein Sommermärchen" gibt es eine Sequenz, in der Strafstöße geübt werden. Die Spieler sagen an, in welche Ecke sie schießen. Wenn sie nicht treffen, bedienen sie tags darauf ihre Teammitglieder. Vergleicht man die Aufnahmen mit dem Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Argentinien, erkennt man, dass genauso geschossen wurde, wie sie es vorher abspeicherten. Ich muss in kritischen Situationen das Programm einfach von allen Störeinflüssen freihalten.

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