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Andreas Möller: "Müssen nicht ständig das Haar in der Suppe suchen"

Der ehemalige Nationalspieler spricht im Goal-Interview über die bisherige WM, stärkt Lahm den Rücken und bricht eine Lanze für die Schiedsrichter.

INTERVIEW
Das Gespräch führte Hassan Talib Haji

Berlin. Es ist vollbracht! Die deutsche Nationalelf gewann erwartungsgemäß ihre Gruppe bei der Weltmeisterschaft in Brasilien. Im letzten Spiel bezwang das Team von Joachim Löw die USA mit 1:0. Nun geht es in die K.o.-Phase.

Goal sprach exklusiv mit einem Ehemaligen, der die heißen Duelle noch bestens aus seiner erfolgreichen Laufbahn kennt: Welt- und Europameister Andreas Möller. Offen und ehrlich bezog der 46-Jährige Stellung zu einigen Themen. Vor allem aber nimmt er die gescholtenen Schiedsrichter in Schutz.

Herr Möller, wenn Sie diese Weltmeisterschaft bisher in einem Wort beschreiben müssten, welches Wort wäre das?

Möller: Intensiv.

Warum gerade dieses Wort?

Möller: Wegen der dort herrschenden klimatischen Bedingungen. Die körperlichen Voraussetzungen eines jeden Spielers haben eine ganz entscheidende Rolle. Aber das wussten alle Teilnehmer schon im Vorfeld und man konnte sich darauf einstellen. Dass die Südamerikaner so auftrumpfen, hängt auch damit zusammen. Sie genießen einen kleinen Heimbonus, weil sie eben die Gegebenheiten kennen.

Die Gruppenphase ist durch. Wer ist für Sie die große Überraschung?

Möller: Mit dem Vorrunden-Aus der Spanier, Italiener und Engländer war nicht zu rechnen. Argentinien hatte Schwierigkeiten gegen vermeintlich kleine Gegner. Sehr überraschend war aber auch Costa Rica. Die Favoriten sind gestolpert, das konnte man so nicht erwarten.

Deutschland hat das Achtelfinal-Ticket als Gruppenerster gelöst: Es gibt die Diskussion, dass Philipp Lahm eigentlich als Rechtsverteidiger wertvoller für das Team wäre. Sehen Sie das genauso?

DUTT TRAUT DFB-ELF ALLES ZU, ABER....
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Möller: Diese Diskussionen sind dermaßen nervig. Wenn Philipp Lahm in den letzten Spielen der überragende Mann auf der Sechs gewesen wäre, hätten wir diese nicht. Es sah gegen Ghana im Defensivbereich so aus, dass es einige Lücken gab. Da hat auch Lahm nicht so glücklich gespielt. Trotzdem sind solche Gedankengänge müßig. Gegen die USA stand die Defensive wieder hervorragend.

Bastian Schweinsteiger war nicht von Beginn an gesetzt. Muss ein Spieler seiner Qualität nicht automatisch in der Startformation stehen, wie gegen die USA?

Möller: Normalerweise ist Schweinsteiger aus dieser Mannschaft nicht wegzudenken. Wenn er seine körperliche Fitness hat, ist er ein absoluter Stammspieler und eine Führungspersönlichkeit. Er wird für Deutschland in diesem Turnier noch eine sehr große Rolle spielen, davon gehe ich fest aus. Man muss aber auch klar sagen, dass wir noch nicht so gefordert wurden, wie andere Mannschaften. Das kommt noch, die WM nimmt jetzt mit den K.o.-Spielen erst richtig Fahrt auf. Die großen Brocken warten. Spätestens im Viertelfinale werden wir sehen, wie stark unsere Mannschaft ist.

Joachim Löw hat vom DFB viel Zeit bekommen, ein Titel sprang leider noch nicht heraus. Kann er Deutschland dieses Siegergen früherer Tage einimpfen?

Möller: Besonders die Spanier hatten in den letzten Jahren eine goldene Generation. Deutschland war noch in der Findungsphase, das war vielleicht das Pech, weshalb wir keinen Titel geholt haben. Wir waren immer kurz davor. Die Konkurrenz mit Spanien oder Italien war eben sehr stark, das muss man anerkennen. Jetzt scheint es so, dass es zu einem Titel reichen könnte. Ganz Deutschland erwartet das. Ich sehe Brasilien als unseren härtesten Kontrahenten.

Warum?

Möller: Diese Mannschaft hat unglaubliches Potenzial und einen absoluten Ausnahmespieler in Neymar. Der Druck ist natürlich da, aber das hat jedes Land, was solch ein großes Turnier ausrichtet. Brasilien hat keine einfache Gruppe gehabt. Kroatien und auch Mexiko waren bärenstarke Gegner. Für mich sind sie der Topfavorit. Man kann sie eigentlich nur stoppen, wenn man so aufopferungsvoll spielt, wie es die Mexikaner vorgemacht haben. Dafür muss man aber über sich hinauswachsen, das wird unheimlich schwer.

Und wie schätzen Sie die stark aufspielenden Niederländer ein?

Möller: Ich glaube, wenn es darauf ankommt, werden wir Holland besiegen. Aber ein Patentrezept gibt es nicht. Es müssen viele Faktoren zusammenpassen. Einen Titel zu gewinnen ist sehr schwer, deshalb aber auch etwas Besonderes. Deutschland hat das Zeug dazu, es ist eine goldene Ära.

Wie ist diese Drucksituation zu bewerten? Vor der WM gab es eine Debatte und es hieß, dass Deutschland keine Führungsspieler, keine Typen hätte.

Möller: Die Mannschaft hat doch Führungsspieler. Ein Mertesacker hat eine entscheidende Rolle beim FC Arsenal, dann haben wir noch einen Schweinsteiger, einen Neuer, einen Lahm. Bei Real Madrid ist Khedira gesetzt. Klose und Podolski darf man nicht vergessen. Das sind allesamt Führungsspieler. Ich frage mich dann: Was wollen wir Deutschen denn noch? Wir haben diese charakterstarken Spieler, die auch druckresistent sind. Wir müssen nicht ständig das Haar in der Suppe suchen!

England, Spanien und Italien sind raus. Dazu sind viele südamerikanische Mannschaften exzellent drauf. Hat der südamerikanische Fußball aufgeholt oder ist das eine Momentaufnahme?

Möller: Mir war von vornherein klar, dass Mannschaften wie Chile oder Uruguay, Brasilien oder Mexiko eine starke WM spielen – die sind quasi vor der Haustür. Die Zuschauer stehen wie eine Wand hinter ihren Teams. Da war mir schon vorher klar, dass es für die Europäer schwierig wird. Mich freut das aber auch, weil ich mir den südamerikanischen Fußball gerne ansehe. Eben weil er kampfbetont und technisch anspruchsvoll ist. Die Weltspitze ist etwas zusammengerückt, da gehören auch die Südamerikaner dazu – da sind viele auf Augenhöhe.

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Besonders das Ausscheiden Spaniens hat viele Diskussionen eröffnet. Warum ist der Welt- und Europameister so kläglich gescheitert?

Möller: Es ist so, dass die Teams, die gegen Spanien spielen, eine besondere Motivation mitbringen. Jeder will den Welt- und Europameister bezwingen. Da werden dann mehr als 100 Prozent abgerufen, weil man davor steht, etwas Außergewöhnliches zu leisten. Die Spanier besiegt man nicht eben im Vorbeigehen. Bei ihnen und den Italienern ist etwas Sand im Getriebe und dort wird man wohl einen Generationswechsel einleiten. Trotzdem war dieses Ausscheiden nicht die Regel, das sind Betriebsunfälle. Beide werden auch in den nächsten Jahren starke Mannschaften stellen können.

Anderes Thema: Während so einer WM hocken die Spieler wochenlang jeden Tag aufeinander. Wie kann man den Lagerkoller abwenden?

Möller: Heutzutage ist das ein bisschen einfacher. Der Zugang zu den Medien ist leichter und es vergehen kaum mehrere Tage, ohne dass irgendein Ausflug gemacht wird. Für Ablenkung ist gesorgt. Es gab zu unserer Zeit auch genug Beschäftigungsmöglichkeiten. An einen Lagerkoller kann ich mich nicht erinnern. Es ist natürlich eine lange und intensive Zeit für die Spieler, trotzdem aber auch eine sehr schöne, weil es eine große Herausforderung ist, bei so einem Turnier dabei zu sein. So eine WM muss man auch genießen können, gerade als junger Spieler.

Was haben Sie früher getan, als Sie sich selbst noch auf so wichtige Spiele vorbereitet haben?

Möller: Das Training ist einfach sehr wichtig. Die Konzentration muss hochgehalten werden und man darf den Fokus auf die eigene Leistung nicht verlieren.

Bei dieser WM wird auch viel über die Leistungen der Schiedsrichter gesprochen.

Möller: Das Thema gab's doch schon immer. Solange der Ball eben rollt. Es ist doch ganz einfach: Die Schiedsrichter entscheiden und sind nur Menschen. Die FIFA versucht, die besten Schiedsrichter zu finden, welche die alles perfekt sehen und einschätzen können. Das gelingt nicht immer. Solange es keinen Videobeweis gibt, die Torlinientechnik mal ausgeklammert, wie es zum Beispiel beim American Football ist, wird es immer Diskussionen geben. Der Schiedsrichter kann doch nicht sehen, wenn der Strafraum voller Beinen ist, ob der eine oder andere mal am Trikot zupft oder irgendwen in die Schulter beißt. Dafür ist das menschliche Auge bei dieser Geschwindigkeit viel zu langsam.

Kommen wir zu Ihnen: Sie haben den Trainerschein. Wann sieht man Sie endlich wieder in einer offiziellen Funktion im deutschen Fußball?

Möller: Die Fußballlehrerlizenz zu erwerben hat mir viel Spaß gemacht. Ob ich noch mal irgendwo als Trainer arbeite, kann ich jetzt nicht sagen.

Würde Sie auch das Ausland reizen?

Möller: Ich habe immer ein Auge auf den internationalen Fußball, aber ich strebe das nicht an. Ich war letzten November bei Atletico Madrid und Diego Simeone und habe dort hospitiert. Ich bin da natürlich am Ball, aber ob die Option als Trainer zu arbeiten noch mal kommt, kann ich Ihnen Stand jetzt nicht beantworten.

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