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Luís Mira: Portugal in drei Worten? "Ronaldo, Ronaldo, Ronaldo!"

Im Goal-Interview spricht der portugiesische Sportjournalist Luís Mira über CR7, aufstrebende Hoffnungsträger und Mourinho als möglichen Nationaltrainer.

INTERVIEW

Von Michael Bauer

Lissabon. Der Tag X ist gekommen: Deutschland greift in die WM ein. Zum Auftakt wartet gleich der wohl gefährlichste Gruppengegner - und ein Superstar (18 Uhr im LIVE-TICKER bei Goal). Portugals Hoffnungen ruhen auf Cristiano Ronaldo. Dieser träumt vom großen Wurf, vom ersten Titel.

Im Vorfeld bat Goal einen Kollegen um dessen Expertise: Luís Mira arbeitet für A Bola, die größte Tageszeitung Portugals, die sich fast ausschließlich mit Fußball beschäftigt. Er spricht über die Rolle der DFB-Elf in Brasilien, die fast bedingungslose Liebe zum Weltfußballer, die Goldene Generation und Jose Mourinho.

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Wie ist die Stimmung in Portugal vor dem ersten Gruppenspiel gegen die deutsche Elf?

Luís Mira: Ohne Frage ist es das schwerste Gruppenspiel für Portugal. Es geht gegen eines der stärksten Teams und einen der Favoriten im Turnier. In Portugal ist man mit Prognosen vorsichtig, da Ronaldo angeschlagen ist. Er wird nicht zu 100 Prozent fit sein, daher sind unsere Chancen geringer. Wir werden versuchen, über Konter zum Erfolg zu kommen.

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Wenn Sie die DFB-Elf in drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Mira: Technisch, effizient, kraftvoll.

Und die Selecao?

Mira: Ronaldo, Ronaldo, Ronaldo (lachend).

Er kämpfte in der Vorbereitung mit seinem Körper, der Auftakt kommt womöglich etwas zu früh. Sind die anderen Begegnungen deshalb wichtiger als das Spiel gegen Deutschland?

Mira: Seit der EM 2004 sind wir nicht gut in die Turniere gestartet, aber haben uns dann stetig verbessert. Die Spiele gegen die USA und Ghana haben für uns Priorität, besonders weil er dann endlich fit ist. Ronaldo spielt einfach eine große Rolle in der Nationalmannschaft, besonders im Hinblick auf seine Saison mit Real Madrid.

An dem Superstar scheiden sich in Deutschland die Geister. An seinen Qualitäten gibt es keinen Zweifel, aber er repräsentiert auch ein ganzes Land und manchmal wirkt er selbstgefällig. Wird er in Portugal bedingungslos geliebt?

Mira: Nicht alle lieben ihn, die meisten von uns aber schon. Die Tatsache, dass er manchmal arrogant wirkt, sorgt zwar für negative Kommentare, jedoch interessieren sich viele Leute nur für sein Spiel und im Moment ist er der Beste der Welt. Für die portugiesische Elf ist er ein Schlüsselspieler, deshalb unterstützen ihn alle.

Gegen die deutsche Nationalmannschaft blieb er in der Vergangenheit regelmäßig blass. Man sagt, dass er keine großen Spiele entscheiden kann. Wie sehen Sie das?

Mira: Da ist was dran. Dieser Makel wird ihm oft nachgesagt, aber in diesem Jahr war er einfach unglaublich, für Verein und Nationalteam. Daher glaube ich, dass er seine Leistung bringen wird. Gegen Schweden stand er ebenfalls im Fokus und lieferte eine Show ab.

Der Spielstil Portugals ist extrem auf Ronaldo zugeschnitten. Liegt darin nicht eine große Gefahr, wenn eine Mannschaft so von einem Akteur abhängt?

Mira: Das ist gefährlich, ja. Aber wenn man auf das aktuelle Team schaut, dann gibt es keine Alternative. Wir haben eben keinen Rui Costa, Deco oder Pauleta mehr. Nani spielt kaum bei Manchester United und man weiß nicht, wie er bei der WM drauf ist. Es gibt einfach zu viele Fragezeichen rund um die Mannschaft, daher müssen wir auf den einen Spieler vertrauen, der wirklich immer gut spielt. Das ist eben Ronaldo.

Also kann man die jetzige Auswahl nicht mit der goldenen Generation um Luis Figo und Rui Costa vergleichen?

Mira: Bisher noch nicht. Wir haben einige gute Talente wie William Carvalho, Rafa oder Bruma, aber sie brauchen noch Zeit um sich zu entwickeln und müssen Erfahrung sammeln. Wir hatten Probleme, uns für die WM zu qualifizieren, aber während eines Turniers neigen wir dazu, besser zu spielen. Aber wir sind nicht mehr so stark wie vor einigen Jahren.

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Talente wie Andre Almeida, Rafa und William Carvalho bringen frischen Wind ins Team. Wem trauen Sie den Durchbruch bei der WM zu?

Mira: William Carvalho wird meiner Meinung nach bei dieser WM einer der Stars werden. Er sollte seinen Platz in der Startelf sicher haben, denn er ist der beste defensive Mittelfeldspieler, den wir haben und er kann auf dieser Position einer der Besten der Welt werden. Rafa wird vielleicht als Einwechselspieler seine Einsätze bekommen und Andre Almeida kann zwar viele Positionen spielen, ist aber ebenfalls nur Ersatz.

Nationaltrainer Paulo Bento gilt nicht als der große Name im internationalen Trainer-Business. Mit José Mourinho verfügt Portugal über einen der Großen - inwiefern könnte der nunmehrige Chelsea-Trainer für einen enormen Schub sorgen?

Mira: Er ist ohne Zweifel der beste portugiesische Coach, aber manchmal haben die etwas schwächeren Trainer, wie Luis Felipe Scolari, mehr Erfolg bei großen Turnieren, denn sie konzentrieren sich darauf, die Mannschaft zu motivieren und das Land von der eigenen Taktik zu überzeugen. Für einen Verein zu arbeiten ist etwas anderes als für eine Nationalmannschaft. Warten wir erst einmal diese WM ab."

Vielen Dank für das Gespräch!

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