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Ex-Dortmunder Dede im Interview: "Von Neymar wird der Titel erwartet"

Die Straßen bildeten ihn aus, beim BVB reifte Dede zur Legende. Ein Interview über Neymars WM-Bürde, unkontrollierbares Brasilien und SMS mit Götze.

EXKLUSIV

Von Christoph Köckeis

Für den blutjungen Kaka war es nichts Außergewöhnliches. Für Ronaldinho, später Weltfußballer, oder Altmeister Cafu ebenso nicht. Ein Testkick, gegen Ungarn, im Saisonendspurt mehr lästige Pflicht als willkommene Abwechslung. Allesamt kannten Sie das Gefühl, ihr Heimatland zu vertreten. Ein 26-Jähriger erlebte indes seine Erfüllung.

"Dabei zu sein, mit den großen Stars", offenbart Dede , glücklich wie am ersten Tag, "war einer der größten Momente meiner Karriere. An Roberto Carlos, einer Legende, gab es fortan kein Vorbeikommen. Daher blieb es bei dem einmaligen Erlebnis." Noch heute, ein Jahrzehnt danach, funkeln seine Augen. Die Selecao trieb ihn an, in den Favelas, den Armenvierteln von Belo Horizonte. Wie jeden Straßenfußballer. Oft ist sie der einzige Ausweg in schier endlosen Sackgassen. Sie ist der Stolz Brasiliens. Einer Nation gefangen im Netz von Korruption und Veruntreuung.

Über 190 Millionen fiebern ab dem 12. Juli bei der Weltmeisterschaft mit ihren Helden. Den Neymars, den Dantes. Sie sollen das Leid, den tristen Alltag zumindest für einen Monat vertreiben. Im Interview spricht Dede, der bei Goal seinen Rücktritt ankündigte , über die Proteste, den schönsten verschossenen Elfmeter seines Lebens sowie die "europäisierte" Nationalmannschaft.

Herr Dede, welche Bedeutung hat Familie für Sie?

Dede: Sie ist die Basis meines Lebens. Schon in jungen Jahren begann ich für sie zu sorgen, das mache ich weiterhin. Ich komme aus den Favelas, weiß, wie es dort läuft. Das habe ich nie vergessen. Früher musste ich Autos waschen, Tüten tragen, Eis auf der Straße verkaufen. Nun helfe ich als Profi. Sie brauchen meine Unterstützung.

Das runde Leder bannte Sie in Kindertagen. Um Ihren Traum zu leben, fuhren Sie gar mehrgleisig...

Dede: Ich spielte in bis zur vier Vereinen gleichzeitig, um schnell weiterzukommen, Kleinigkeiten für meine Verwandtschaft zu verdienen. Die Trainer verteilten Lebensmittel an uns. Mich trieb dabei die Hoffnung an, meiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Schon mit fünf Jahren. 80 Prozent der Kinder hegen den Wunsch, nur die wenigsten schaffen es.

Brasilien ohne Fußball – das ist kaum vorstellbar. Gleichwohl tummelt sich ein Land derzeit auf den Straßen, protestiert lauthals gegen die WM. Warum?

Dede: Viele Dinge laufen falsch. Zunächst sind die Leute keineswegs gegen den Sport. Nein, sie sind gegen die Zustände. Ich kenne die Probleme, die Armut. In den Favelas hat man kein Geld, vermisst Essen, normale Wohnungen, es gibt keine Jobs – seit über 30 Jahren. Zu oft wurde versprochen, die Missstände zu beheben, die Infrastruktur zu verbessern. Plötzlich kommt die WM. Milliarden werden in moderne Stadien gesteckt, das wird von der FIFA und den Fans aus aller Welt erwartet. Das Drumherum bleibt mangelhaft.

Das letzte Testspiel Brasiliens vor der WM gegen Serbien im LIVE!-Stream - am Freitag ab 21 Uhr bei Goal.com!

Für Politikverdrossene bietet sich eine Plattform, ihren Unmut, die Enttäuschung medienwirksam kundzutun. Wie bewerten Sie die Stimmung eine Woche vor dem Auftakt?

Dede: Grundsätzlich ist sie gut. Für Demonstrationen habe ich Verständnis, solange sie friedlich bleiben. Mit Gewalt erreicht man Politiker nicht und verschärft die Situation nur. Die, die regieren, sind richtig sauer. Sie wollten Brasilien anders präsentieren, wenn die ganze Welt auf uns blickt. 99 Prozent der Bevölkerung sind heiß, nur ein Prozent geht auf die Straße. Obwohl selbst sie den Sport lieben. Immerhin zeigt es, dass sich die Leute endlich dagegen auflehnen. Sie sind unzufrieden, wollen die Politik zu Veränderungen drängen. Es ist ein großes Land, das schwer zu organisieren, kaum zu kontrollieren ist. Vor allem was im Hintergrund bei Konzernen passiert und in weniger guten Vierteln der Millionenstädte.

Sie entstammen solch einer Favela. Inwiefern prägte Sie diese Zeit in finanziellen Nöten, in ewiger Angst, in Ungewissheit?

Dede: Ich lernte damals, die Leute zu respektieren, mit ihnen korrekt umzugehen. Egal, woher sie kamen, was sie arbeiteten. Die Straße bildete mich aus, war eine harte Schule. Heute ist es anders und wesentlich gefährlicher. Die Kriminalität ist höher. Das ist ein Teufelskreis.

...dem Sie entflohen.

Dede: Ich ging damals nach Deutschland. Nicht, weil ich wollte. Ich musste. Ich tat es für meine Familie, um ihr zu helfen. Die Anfangszeit war schwierig, ich war überfordert und weinte viel. Mit der Zeit lernte ich das Land und die Kultur besser kennen. Obwohl ich es mir nicht vorstellen konnte: Dortmund wurde zur zweiten Heimat. Ich half neuen Spielern in unserer Samba-WG (lacht). 2007 bekam ich den deutschen Pass, es war eine Ehre für mich – der größte Erfolg in meinem Leben.

Dede bei seinem Abschied in Dortmund

 

Ihre Verbundenheit liegt in Dortmund begründet. Von drohender Insolvenz bis Meistertitel – Sie durchlebten turbulente Tage.

Dede: Ich stand zu dem Verein, in guten wie in schlechten Zeiten. Dortmund war Champions-League-Sieger und Meister, als ich hierher kam. Man gehörte zu den besten Adressen Europas, hatte alles: Geld, ein tolles Stadion, wunderbare Fans, teure Spieler. Dann kam die große Finanzkrise. Viele Stars flüchteten. Der Rest musste Gehaltskürzungen bis zu 40 Prozent verkraften. Ich hatte Verständnis für diejenigen, die das nicht mitmachen wollten. Mein Herz hing aber an der Borussia, ich wollte bleiben und helfen, war verliebt in die Fans. Die Chemie stimmte. Für mich war es die schwerste Zeit, weil der Erfolg fehlte, und gleichzeitig die schönste, weil mich die Südkurve als Identifikationsfigur auserkoren hatte. Ich fühlte mich dem Klub und den Anhängern verpflichtet. Hier erhielt ich die Chance, als Profi durchzustarten.

Lukrative Offerten wurden abgelehnt – wen ließen Sie abblitzen?

Dede: Als Leistungsträger verkauft wurden, witterte die Konkurrenz ihre Chance. Ich erhielt Angebote, aus Deutschland, aus dem Ausland. Viele davon liegen bei mir zu Hause herum. Ein sehr gutes unterbreitete mir der AS Rom. Welche Bundesligisten mich wollten, behalte ich für mich (lacht). Ich stellte mir die Frage: Höre ich auf mein Bauchgefühl, oder verdiene ich mehr. Ich wählte Herz statt Geld. Eines kann ich sagen: Schalke war nicht dabei (lacht).

13 Jahre verschrieben Sie sich den Schwarz-Gelben, ehe Ihre Arbeitspapiere nicht verlängert wurden. Für Sie brach eine Welt zusammen. Wie reagierten Sie?

Dede: Ich war todtraurig, nicht enttäuscht. Dortmund gab mir so viel, ich opferte mich wiederum für den Verein auf. Eigentlich sollte es meine einzige Station in Europa sein. Ich wollte hier die Karriere beenden, und am Erfolg teilhaben. Als der nach harten Jahren einkehrte, musste ich weg. Das schmerzte extrem.

Ihren Abschied wollten Sie vom Elfmeterpunkt krönen, doch....

Dede: …ich verschoss (lacht). Die Fans reagierten großartig. Sie feierten mich, als wäre der Ball im Netz. Es war einzigartig, einmalig, das werde ich nie vergessen. Für mich war es sogar emotionaler. Die Partie gegen Eintracht Frankfurt war ganz schwer. Ich wurde eingewechselt, wusste, ich trage das BVB-Trikot zum letzten Mal. Dann kam diese Szene. Es war der schönste verschossene Elfmeter meiner Karriere. Auf den Abschied danach bin ich unendlich stolz.

Nach drei Jahren in der Türkei bei Eskisehirspor kündigten Sie bei Goal an, zu "90 Prozent" Ihrer Laufbahn ein leises Ende zu bereiten. Sieht man Sie demnächst häufiger in Dortmund?

Dede: Meine Frau lebt in Deutschland, ich habe ein Haus in Deutschland, eines in Brasilien. Seit elf Jahren bin ich mit ihr glücklich. Vermutlich werden wir abwechselnd hier und dort sein. Der Kontakt zum BVB ist ohnehin nie abgerissen. Ich schreibe oder telefoniere regelmäßig mit früheren Kollegen wie Mario Götze, Sebastian Kehl oder Kevin Großkreutz. Auch zu Jürgen Klopp hatte ich ein spezielles Verhältnis, obwohl er letztlich nicht mit mir plante. Ich vertraute ihm uneingeschränkt, respektierte seine Entscheidung. Er sagte danach, es sei die schwierigste seiner bisherigen Trainerkarriere gewesen. Im Team war ich voll integriert, machte nie Probleme und pflege die Freundschaften.

Verraten Sie uns, was Sie Götze mit auf den Weg gen München gaben.

Dede: Nein (lacht). Mario ist wie ein Bruder für mich. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was das Beste ist. Das gilt es zu respektieren. Ich persönlich hätte mich anders entschieden. Für Mario, das Umfeld, war die Entscheidung schwer. Der BVB war seine Heimat. Vor einigen Tagen schrieben wir. Ich wünschte ihm alles Gute. Er gehört zu den Besten der Welt, wird bei der WM seine Leistungen bringen. Die Deutschen haben nicht nur ihn, der ganze Kader ist super besetzt. Ich zähle sie zu den Favoriten. Spanien und Brasilien auch, da wir zu Hause auflaufen. Die technische Qualität im Team ist unvermindert hoch, unter Luis Felipe Scolari spielt die Selecao außerdem europäischer. Ähnlich wie Deutschland.

Kollektiv sehnt ein Land nichts weniger herbei als den großen Triumph, den Pokal. Exorbitanter Druck, in dessen Fokus: Neymar. Inwiefern ist er dem gewachsen?

Dede: Er ist seit Jahren mit der Erwartungshaltung konfrontiert. Bereits als sehr junger Spieler stand er im Fokus. Auf ihn konzentriert sich hierzulande die Aufmerksamkeit. Jeder stürzt sich auf ihn, erwartet den Titel. Er weiß damit umzugehen, das bewies er beim Confederations Cup. Natürlich ist die Mannschaft von ihm abhängig, klar. Wer ist nicht von seinem Superstar abhängig? Bis zu einem gewissen Grad. Wir verfügen nämlich über weitere starke Spieler. Fred, der Stürmer, oder Oscar vom FC Chelsea, David Luiz. Es ist jede Menge Potenzial vorhanden. Den Anspruch sind sie gewöhnt, trotzdem werden sie die Lockerheit nicht verlieren. Wir Brasilianer konservieren den Spaß am Sport, den man als Kind hat, lächeln immer. Sie sind zum Erfolg verpflichtet. Das Land ist erfolgsverwöhnt, das weiß jeder. Mit der Stimmung im Rücken ist es möglich. Die Welt darf sich jedenfalls auf ein großes Fußballfest freuen – mit Samba und heißblütigen Fans.

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