thumbnail Hallo,

Der Entwickler des neuen Magista sprach mit Goal über die Inspiration durch Mario Götze, die Athletisierung im Fußball und darüber, wie eine Elf in Zukunft aussehen könnte.

Interview
Das Gespräch führten Martin Ernst und Helge Wortmann

„Unglaublich schnell und unglaublich kräftig“ - so sieht die Zukunft des Fußballs für Shawn Hoy aus. Nikes Produktentwickler muss es wissen: Der US-Amerikaner untersucht, was Kicker in praktischer und ästhetischer Hinsicht wollen und beschäftigt sich mit den Wünschen der Götzes, Ronaldos und Ibrahimovic'. Goal traf Hoy in Berlin, wo Nike seine neueste Innovation vorstellte, den "Magista" - einen Schuh speziell für Mittelfeldspieler. Ein Gespräch über die Suche nach den "Inches" und die mögliche Zukunft des Ballsports.

Herr Hoy, der neue Magista ist ein Schuh für Kreativspieler und Spielmacher. Wem haben Sie bei der Entwicklung auf die Füße geschaut?

Hoy: Wir haben bei Nike natürlich einige Spieler, die sehr kreativ sind. Zwei, auf die ich mich hier aber besonders gerne berufen habe, sind Andres Iniesta und Mario Götze. Zwei Spielertypen, die ein Spiel beeinflussen und das Geschehen auf dem Platz lesen können. Für mich sind das Spieler, die ein Spiel mit einem Pass entscheiden können und dazu ganz bestimmte Bewegungsabläufe brauchen. Wir haben diese Spieler dann genau beobachtet, um ihre Bedürfnisse genau zu studieren.

Sie sprachen speziell beim Magista von „Micro Awareness“ - „Mikro-Wahrnehmung“: Was muss man sich darunter vorstellen?

Hoy: Dahinter steht die wissenschaftliche Erkenntnis, dass es im menschlichen Fussgelenk sehr kleine Bänder gibt, die bei einer Verdichtung aktiv werden. Wenn Sie zum Beispiel mit einer kompressions-basierten Technik arbeiten, nehmen Sie diese Mikro-Bewegungen wahr. Das Prinzip haben wir beim Magista durch den Strumpfortsatz, den Dynamic Fit Collar: Die Spieler bekommen eine erhöhte Sensibilität für die Bewegungen in ihrem Gelenk und nehmen Aktivitäten wahr, die sie vorher nicht kannten.

Wie lange hat die Entwicklung der beiden neuen Modelle gedauert?

Hoy: Wir haben an beiden Modellen, dem Magista und dem Mercury, vier Jahre lang gearbeitet. Wir mussten die Veränderungen im Fußball beachten, denn die waren in den letzten Jahren immens. Die FA hat vor Kurzem eine Studie veröffentlicht, die zeigte, dass heutzutage sieben Spieler soviel rennen wie früher die gesamte Elf. Das Spiel wird also immer schneller. Aus Sicht der Entwicklung hatte sich deswegen auch die Frage gestellt, wie wir die Flyknit-Technologie in einen Fußball-Schuh integrieren. Das hat uns rund vier Jahre beschäftigt.

Gab es etwas, wo sich Mario Götze speziell eingebracht hat?

Hoy: Ja, Mario ist ein interessanter Spieler, weil er nicht nur schnell, sondern auch sehr kreativ ist. Für ihn ist vor allem das Gefühl wichtig, das er beim Spielen hat. Er bewegt sich sehr dynamisch, mit vielen Körperdrehungen. Oft sieht man, wie er den Ball mit dem Außenrist annimmt und sich dann dreht. Wir wollten ihm helfen, diesen speziellen Bewegungsablauf zu perfektionieren. Mario hat uns aber auch bei der Arbeit mit dem Flyknit-Textgewebe inspiriert, weil er sagte, dass es ihm bei der Ballkontrolle extrem hilft.

Sie präsentieren gleichzeitig den neuen Mercurial. Für wen wäre der geeignet?

Hoy: Am Ende für jeden Spieler, der explosiv und schnell ist. Cristiano Ronaldo oder Franck Ribery sind solche Typen, aber auch Raheem Sterling.

Welche Rolle spielen die Farben: Geht es hier um die Wünsche der Spieler oder auch um praktische Aspekte, wie zum Beispiel, ob der Schuh für den Zuschauer so besser zu sehen ist.

Hoy: Am Ende wohl beides. Fußballspieler sind heute auch Stil-Ikonen, das war schon zu Zeiten von George Best so, ist heute aber noch stärker geworden. Sie werden ständig fotografiert und man kann wohl sagen, dass sie so etwas wie eine ganz eigene Ästhetik haben, die wir natürlich widerspiegeln wollen. Aber natürlich ist auch wichtig, dass sie gut wahrnehmbar sind, ob auf den Rängen oder dem Fernsehbildschirm. Schwarz ist aber auch weiterhin intessant und wird eine Option bleiben.

Sie sprachen die Veränderungen im Fußball an. Stichwort: Athletisierung. Inwiefern spiegelt der Schuh das wieder und muss sich anpassen?

Hoy: Der Schuh spiegelt die gesamte Veränderung wieder. Beide Schuhe sind für Athleten, die in ständiger Bewegung sind und sehr viel schneller und mit einem größeren Radius unterwegs sind als zuvor. Das ganze Spiel wird immer schneller, die Spieler immer kräftiger und die Räume immer enger. Wir müssen außerdem schauen, dass die Athleten 100 Prozent ihrer Bewegungen effektiv nutzen können, denn das entscheidet am Ende über Sieg und Niederlage. Wir müssen einen Athleten komplett in den Schuh integrieren: Der Mittelfuß soll perfekt sitzen und keinen Spielraum mehr haben. Das ist eine der großen Herausforderungen gewesen. Es sind die berühmten "Inches". Mittlerweile entscheiden Zentimeter. Früher gab es langsamere Spieler, die sich hinten auf die Verteidigung beschränkten. Heutztage ist das ja nicht mehr denkbar: Jeder Spieler soll technisch versiert und schnell sein.

Als Entwickler von Sportschuhen müssen Sie die Zukunft gut im Auge haben. Wie könnte die aussehen?

Hoy: Ein Gedanke, der mir von Seiten Barcelonas zugetragen wurde: Stellen Sie sich ein Fußballspiel in der Zukunft vor, in dem ein Spieler auf der Position von Gerard Piquet technisch auf demselben Niveau wie Iniesta ist. Ich halte das für sehr wahrscheinlich. Die Tendenz geht sicher in die Richtung. Schauen Sie sich Jerome Boateng an, ein athletischer Innenverteidiger mit einer guten Technik – vor zehn, fünfzehn Jahren wäre so einer noch im Mittelfeld eingesetzt worden. Heute ist er Innenverteidiger und leitet die Angriffe ein

Wie könnte sich das auf die Positions-Rollen auswirken? Sehen Sie eine Gefahr, dass sich der Fußball durch die wachsende Athletisierung dem American Football annähern könnte?

Hoy: Technische Fertigkeiten und die Athletik werden sich auch weiter verbessern. Zum Beispiel kann ich mir vorstellen, dass Außenverteidiger in Zukunft tendenziell ähnlich schnell und technisch beschlagen wie Ronaldo werden. Oder Innenverteidiger, die nach Ballgewinn sofort einen Angriff einleiten und mit vorstoßen wie ein Mittelfeldspieler. Ich denke eher nicht, dass es eine Spezialisierung wie im American Football geben wird. Vielmehr sieht man, dass alle Spieler theoretisch jede Position spielen können sollten, da die Mannschaft die ganze Zeit in Bewegung ist. Es geht weniger um Spezialisierung, denn um eine sich ständig verbessernde Technik und Athletik, durch die Spieler polyvalenter werden.

Sie sind ÙS-Amerikaner – ein Land, das dem Charme des Fußballs immer schon skeptisch gegenüberstand. Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung?

Hoy: Europäer wären überrascht, wenn sie hören, dass mittlerweile die meisten Kinder in Amerika Fußball spielen. Wir waren immer schon sehr athletisch ausgeprägt, nun kommt die technische Verbesserung hinzu. Langfristig nähern wir uns Europa wohl an, der Sport ist auf jeden Fall schon viel populärer...

Herr Hoy, wir danken für das Gespräch!

Dazugehörig