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Andreas Beck über Kevin Volland: "Eine unglaubliche Durchsetzungsfähigkeit"

Hoffenheims Kapitän sprach mit Goal über die Rückkehr zur Offensivphilosophie unter Trainer Markus Gisdol, die Entwicklungen der Saison und über Neu-Nationalspieler Volland.

Sinsheim. Saisonabschluss im Kraichgau: Die TSG Hoffenheim erwartet am Samstagnachmittag Abstiegskandidaten Eintracht Braunschweig, der noch um die Relegation kämpft. So manch einer in der Wirsol Rhein-Neckar-Arena dürfte sich da erinnern: Vor genau einem Jahr rettete sich die TSG selbst mit dem "Wunder" von Dortmund am letzten Spieltag in die Relegation, wo sie anschließend gegen den benachbarten 1. FC Kaiserslautern den Klassenerhalt sicherte.

Seitdem hat sich einiges getan: 1899 steht Ende 2013/14 im gesicherten Tabellenmittelfeld, aber auch für Spektakel und (Gegen-)Torflut. Nach den Bayern und dem BVB ist die TSG das torfreudigste Team der Bundesliga, fing sich aber auch ebensoviele Gegentore ein. Goal sprach mit einem der dienstältesten Profis, Kapitän Andreas Beck, über die Rückkehr zur Offensivphilosophie unter Trainer Markus Gisdol, die Entwicklungen der Saison und auch über Neu-Nationalspieler Kevin Volland.

 

Herr Beck, vor einem Jahr war die TSG Hoffenheim noch im Abstiegskampf, vor dem letzten Spieltag liegt sie ungefährdet auf Platz neun. Wie zufrieden sind Sie mit der Saison?

Beck: Zufrieden ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Wir wollten eine sorgenfreie Saison und den Fans vor allem attraktiven Fußball bieten. Ich denke, wenn man das Jahr Revue passieren lässt, haben wir beides erreicht. Auch die Wahrnehmung in Deutschland hat sich verbessert. Wenn wir den einstelligen Platz verteidigen, können wir sehr gut damit leben.

Die Rückkehr von Markus Gidsol gilt als Hauptgrund für den Umschwung. Welche Knöpfe hat er gedrückt?

Beck: Absolut, Markus Gisdol und Alexander Rosen waren für den Verein in dieser Situation die Rettung, mit ihnen haben wir das „Wunder“ geschafft. Seitdem sind wir den Weg beharrlich weitergegangen und man kann definitv einen roten Faden erkennen in der Art und Weise wie wir spielen wollen. Der Trainer hat eine bestimmte Spielidee, die von einigen Außenstehenden gelegentlich als mutig oder fälschlicherweise als wild verstanden wird, mit dem Pressing und hohem Umschaltspiel. Ich denke aber, das ist der einzig richtige Weg für Hoffenheim.

Das Spiel in Dortmund am 34. Spieltag der vergangenen Saison dürfte zu den Meilensteinen der jungen Bundesliga-­Geschichte von 1899 gehören...

Beck: Natürlich, das war unsere eigene, kleine Meisterschaft, als Fast­-Absteiger gegen den Champions-­League­-Finalisten. Dass uns das tatsächlich gelungen ist, war für uns ein toller Erfolg. Letzte Woche waren die Dortmunder aber einfach zu gut, vor allem in der ersten Halbzeit.

In Bezug auf Hoffenheim war in den letzten Jahren viel von mangelnder "Identität" die Rede. Hat Gisdol sie dem Verein wiedergegeben? Mit 69 Toren hat 1899 mehr Tore geschossen als in der Aufstiegssaison unter Ralf Rangnick 08/09 (63)...

Beck: Die Spielidentität, die wir verfolgen -­ Forechecking, Umschaltspiel und mutiges Auftreten – ist die, die am besten zu uns passt. So haben wir damals den Aufstieg in die erste Liga geschafft, mit einem tollen ersten Jahr. Natürlich gab es dann Jahre, in denen man anderes ausprobiert hat. Der jetzige Weg ist aber derjenige, mit dem sich Verein und Umfeld am wohlsten fühlen, bei dem man Mut zum Risiko haben und auch Fehler machen darf. Ich denke, der Tabellenplatz zeigt, dass wir uns sogar noch etwas mehr nach oben orientieren können, wenn wir uns dann und wann noch abgezockter präsentieren.

Was lief in den Jahren dazwischen falsch?

Beck: Es kamen sehr viele Trainer hintereinander, jeder mit seiner eigenen Idee oder seinen Wunschspielern. Man muss dabei bedenken, dass nach dem Aufstieg und der phänomenalen Herbstmeisterschaft die Erwartungen hoch waren und nicht jeder mit einem einstelligen Tabellenplatz zufrieden war, sondern schon an Europa dachte. Fakt ist, dass es bei den ganzen Umstellungen für die Mannschaft schwer war, ein Gerüst zu finden. Der jetzige Weg ist beständig, die Mannschaft spielte schon letztes Jahr weitestgehend zusammen.

Neben einer „Torfabrik“ ist Hoffenheim aber auch die „Schießbude“ der Liga...

Beck: Das ist ein Resultat unserer insgesamt sehr offensiven Spielweise, von der unsere Angreifer profitieren. Andererseits bilden sich dadurch natürlich Räume hinter den Ketten. Dennoch halten wir daran fest und möchten gleichzeitig die Zahl der Gegentore abbauen. Ich bin überzeugt, dass wir das schaffen und es nicht zwangsläufig heißen muss, dass wir viele Gegentore fangen. Wir werden uns defensiv weiter stabilisieren und versuchen, den Gegner weiter vom Strafraum wegzuhalten.

Dennoch scheint 1899 in dieser Saison eher Sympathien zurückgewonnen zu haben. War das vielleicht sogar ein Jahr gegen das „Retorenklub“­-Image?

Beck: Wenn man auf die Tabelle schaut, ist die Frage, was wäre die Alternative. Mit einem Torverhältnis von 40:40 wären wir vielleicht eine graue Maus. So haben wir die meisten Torbeteiligungen pro Spieltag, da schalten die Leute vielleicht mal eher rein, auch neutrale Zuschauer. Nach der Vorrunde gab es Stimmen, dass sich dieser Spektakel-­Charakter auch in Punkten niederschlagen muss, aber die Rückrunde hat gezeigt, dass die Entwicklung in die richtige Richtung geht. Sicher müssen wir lernen, auch mal mit einem Punkt zu leben, wenn man eine Aufholjagd gemacht hat. Aber in der Rückrunde haben wir dazu gelernt, haben eine Führung auch mal verwaltet, oder sind in den letzten Minuten Richtung Eckfahne gegangen, um ein Tor Vorsprung zu halten. Das war in der Vorrunde gar nicht der Fall....

Sie selbst scheinen als Außenverteidiger von der Spielweise zu profitieren, wirken spielfreudiger. Wie kam es zum Wechsel vom Rechts­- zum Linksverteidiger?

Beck: Absolut, wir Außenverteidiger profitieren von dem Zug nach vorne. Dass ich seit der Rückrunde als Linksverteidiger spiele, war etwas aus der Not heraus geboren: Wir hatten beim Heimspiel gegen Hamburg keinen Linksverteidiger zur Verfügung und mein linker Fuss ist ja zum Glück nicht nur zum Stehen da. Der Trainer hatte das registriert, ich habe dann sogar mein einziges Saisontor bisher gleich gegen den HSV geschossen. Markus Gisdol meinte: Das hat mir gefallen, ich lasse dich jetzt da. Ich selbst beschwere mich nicht.

Kevin Volland wurde am Donnerstag von Joachim Löw in den vorläufigen Kader berufen. Als Abwehrspieler: Warum würden Sie nicht gerne gegen ihn spielen wollen?

Beck: ( Lacht ) Der Junge hat eine unglaubliche Durchsetzungsfähigkeit. Es macht im Training schon kaum Spaß gegen ihn Zweikämpfe zu führen. Das wird den gegnerischen Verteidigern kaum anders gehen. Ich hatte mir für Kevin sehr große Chancen ausgerechnet, und freue mich sehr, dass er dabei ist.

Sie haben vor kurzem erst verlängert und sich zu 1899 bekannt. Es soll auch Anfragen aus dem Ausland gegeben haben...

Beck: Es gab Anfragen aus europäischen Topligen, aber es wäre nicht fair jetzt Namen zu nennen. Hoffenheim war stets mein erster Ansprechpartner und für mich war als Spieler, der schon so lange im Verein ist, die sportliche Perspektive hier immer von entscheidender Bedeutung. In den letzten Jahren wurden die besten Spieler oft schnell verkauft, was immer zäh ist, wenn man ambitioniert ist und Erfolg haben möchte, weil man vieles wieder neu aufbauen muss. Jeder Spieler muss sich auf unsere Spielweise einstellen, was nie von heute auf morgen geht. Das war dieses Jahr anders. Den Kern zusammenzuhalten, ist ein Erfolg in der Personalplanung. Kevin Volland und Roberto Firmino haben sich beispielsweise klar zum Verein bekannt. Den Weg will ich mitgehen.

Volland schwärmte nach seiner Verlängerung vom Landleben in und um Sinsheim. Was macht für Sie den Reiz der Region aus? Könnten die Stadt Heidelberg und der Verein in Zukunft mehr zusammenrücken?

Beck: Es ist einfach eine unfassbar schöne Region, in der es gefühlt immer ein paar grad wärmer ist, als beispielsweise im Südosten des Ländles, wo ich herkomme. Durch die Metropolregion hat man vieles beieinander, man ist von Heidelberg schnell im Trainingszentrum, in Mannheim und mit dem Zug schnell in Stuttgart oder Frankfurt. Dazu ist die Lebensqualität in Heidelberg extrem hoch. Wir Spieler profitieren natürlich in einer gewissen Weise davon, dass man hier mehr Privatsphäre genießt als in anderen Großstädten...

Roberto Firmino gehört zu den Topscorern der Bundesliga, trotz seines Bekenntnisses wird er heiß umworben. Ist er denn nächste Saison noch da?

Beck: Ich wünsche es mir natürlich. Mit Sicherheit ist Roberto einer der kreativsten Spieler der Liga. Jeder im Verein würde sich freuen, wenn er uns treu bleibt. Er hat eine sehr stetige Entwicklung gemacht, man kann ihn kaum mehr mit dem Roberto von vor drei Jahren vergleichen. In der Spielanlage, körperlich...  ein Riesensprung. Wenn er sich weiter so entwickelt, wird er einer der Topspieler der Liga.

Eduardo, Gustavo, Firmino - ­ Hoffenheim hat trotz seiner jungen Geschichte schon eine kleine Tradition mit seinen Brasilianern. Was kann man von Bruno Nazario erwarten?

Beck: Er ist noch sehr jung und hat gerade sein Debüt gefeiert. Er ist ein Offensivspieler, mit einem guten linken Fuß und guter Übersicht. Ob er eine Entwicklung wie andere nimmt, kann man aber kaum vorhersagen.

Gegen Braunschweig habt Ihr nicht mehr viel zu verlieren. Was für ein Spiel erwarten Sie?

Beck: In der Vorrunde haben wir dort verloren, das war ärgerlich. Für die Braunschweiger geht es um die Wurst, aber wir wollen den neunten Platz verteidigen und unsere zuletzt positive Heimtendenz bestätigen, den Fans einen tollen Saisonabschluss bieten. Wir haben ein sehr, sehr gutes Gefühl, nicht mehr unter Druck zu stehen, das haben wir uns auch schwer erarbeitet.

Herr Beck, wir danken für das Gespräch!

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