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Bayern demontiert die Konkurrenz – national wie international. Für Salihamidzic ein erschreckendes Szenario. Die Titelverteidigung in der Königsklasse wäre für ihn der "Knaller".

München. Mia san Mia - beim FC Bayern München wird diese Mentalität gelebt. Vom Weltstar bis zum Reservisten. Vom Präsidenten bis zum Chefbetreuer. Jeder identifiziert sich damit. Hasan Salihamidzic weiß, wovon er spricht. Doch was steckt dahinter? Vor dem Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen den FC Arsenal klärt der nunmehr 37-Jährige auf.

'Brazzo', der dazumal im roten Trikot beinahe alles gewann, was es zu gewinnen gab, spricht über das mühselig konzipierte Rekordmeister-Gen, spanischen Leichtsinn und Mesut Özils Gemüt. Plus: Was er von Thiago hält, wozu er Toni Kroos rät.

Matthias Sammers gewagte These empört Fußball-Deutschland dieser Tage: Er zweifelte öffentlich an der Arbeitsethik einiger Verfolger, diese kanzelten ihn ab. "Hochgradige Arroganz" (Hannover-Manager Dirk Dufner) wird dem FCB-Sportvorstand vorgeworfen, sein Verhalten sei "Kindergarten" (Schalke-Trainer Jens Keller). Wie kategorisieren Sie die abschätzigen Kommentare?

Hasan Salihamidzic: Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Mit diesen Aussagen beschäftige ich mich nicht. Ich will nur das Sportliche beurteilen. Und diesbezüglich ist die Mannschaft, wie sie sich im Moment präsentiert, sensationell. Derzeit ist es sehr, sehr schwer, sie zu schlagen.

Nach dem Triple reklamierte Bayerns Führungsetage mehrfach Anerkennung ein. Warum fällt der Blick gen Süden vielerorts missgünstig aus?

Salihamidzic: Ich gönne den Jungs alles, habe größten Respekt. Schon in der Vergangenheit war es aber so: Entweder man liebt Bayern, oder nicht. Natürlich wurde zuletzt viel investiert. Trotzdem kennen wir in Europa andere Beispiele, die in den letzten fünf Jahren mehr ausgaben, allerdings nicht den Erfolg hatten: Nicht nur Geld schießt Tore. Seit 40 Jahren wird am Bayern-Gen gefeilt. Jetzt ist etwas Perfektes entstanden, alles passt. Sie sind eine Macht im internationalen Fußball. Mehr geht nicht!

Der Rekordmeister demontiert seine Verfolger: Inwiefern kann nicht nur die sportliche, sondern vielmehr die monetäre Übermacht erdrückend auf die Bundesliga wirken?

Salihamidzic: Tatsächlich ist die Situation bedenklich, da man im Moment nur spekuliert, ob 5:0 oder 6:0 gewonnen wird. Es ist gefährlich, denn Langeweile droht. Aber: Was soll Bayern machen? Die Konkurrenz muss versuchen, besser zu spielen. Gute Neue holen zu können, ist zwar das A und O. Nur gilt es, die Mannschaft zunächst in der Form zusammenzustellen. Da leistet Pep Guardiola hervorragende Arbeit. Er hat alles im Griff – die Spieler, die Verantwortlichen, den Klub. Er ist die Schlüsselfigur in diesem System.

Unter seiner Regie wird Tiki-Taka mit bisweilen in Spanien kaum ausgeprägten Elementen staffiert. Ob Distanzschüsse oder zielstrebige Konter – perfektioniert Bayern gerade das Barca-Spiel?

Salihamidzic: Das Team funktionierte schon zuvor. So oft im Champions-League-Finale zu stehen, ist keineswegs selbstverständlich, sondern das Produkt kontinuierlicher Planung. Guardiola konnte einige Sachen mit Erfolg verändern. Er hat neue Spieleröffnungen installiert, den Jungs taktische und offensive Feinheiten beigebracht. Dadurch wirkt alles überaus flexibel. Es ist eine Art und Weise, die Barca ähnelt. Zahlreiche Dinge waren dort zu sehen, nur dominierte dabei stets Lionel Messi. Das sehe ich bei Bayern nicht, die Mannschaft ist wesentlich ausgeglichener und nicht abhängig von einem Einzelnen.

Geglückt ist die Achtelfinal-Generalprobe in Wolfsburg: Nach 60 Minuten erhöhte Bayern die Schlagzahl, triumphierte abermals eindrucksvoll. Was soll dienstags in der Königsklasse gegen Arsenal eigentlich passieren?

Salihamidzic: Jedes Spiel für sich ist ein Kampf. Der VfL hat sich im Pressing gut verhalten, mitgespielt. Irgendwann kommt man nicht mehr hinterher und dann schlägt Bayern zu. Das macht sie brandgefährlich. Spielsystem, Eröffnung, Laufpensum – da besteht man im Moment schwer. Derzeit funktioniert alles. Arsenal kann sie fordern, aber ob sie weiterkommen? Ich wage es zu bezweifeln. Zumal Bayern gewarnt ist. Im Hinterkopf haben sie bestimmt das Vorjahr, als nach dem 3:1 in London nochmal Spannung aufkam.



Mesut Özil verkörpert bei den Gunners die zentrale Figur, haucht ihnen das zündende Element ein. Mit ihm steht und fällt das Spiel gleichwohl. Der entscheidende Makel?

Salihamidzic: Eigentlich spielt der Klub eine gute Saison, hat nur immer wieder Ausrutscher. Den Leistungsträgern und jungen Profis fehlt manchmal die Konstanz. Und: Sie verfügen einfach nicht über die Breite wie der FC Bayern.

Zuletzt stand Özil im Kreuzfeuer der Kritik: Magische Momente, mit welchen er Begegnungen im Alleingang entschied, wichen allzu häufig seinem zweiten Gesicht. Dem phlegmatischen, an sich zweifelnden. Woran liegt das?

Salihamidzic: Özils Herausforderung ist, sein zweites Gesicht abzulegen. Er hat geniale Momente, deswegen war er bei Real Madrid. Woran es liegt, dass er mal untertaucht, kann ich nicht sagen. Jeder Spieler hat seinen eigenen Charakter. Mesut muss daran arbeiten, lernen an schlechteren Tagen zu explodieren. Das Potenzial dazu hat er.

Überfordert ihn die Führungsrolle?

Salihamidzic: Er ist 25 Jahre alt, wechselte mit hohen Erwartungen von Real Madrid nach London. Auf seinen Schultern lastet enorme Verantwortung. Mit der Rolle zurecht zu kommen, ist schwer. Ich drücke ihm die Daumen – besonders mit Blickrichtung WM.

In der DFB-Elf mimte gegen Chile Toni Kroos den offensiven Taktgeber, Özil wurde auf den Flügel abgezogen. Ein Zeichen von Bundestrainer Joachim Löw?

Salihamidzic: Man sollte nicht zu viel hineininterpretieren. Wahrscheinlich will er sich Alternativen für das Turnier schaffen. Als Mitfavorit auf den Titel wird jeder Spieler und jede neue Variante gebraucht. Da erkenne ich Parallelen zu Bayern. Sie verfügen auf der Bank über Leute, die man ohne Verlust von Qualität bringen kann. Wenn man sieht, wie der deutsche Kader besetzt ist, sehe ich das als Jammern auf hohem Niveau an.

Löw steigerte vergangene Woche den Druck – auch auf die Eckpfeiler. Jeder habe alles Erdenkliche zu unternehmen, um die beste Verfassung zu erreichen. Auch Bastian Schweinsteiger. Nach der Zwangspause ist er unter Guardiola lediglich Teilzeitarbeiter. Was fehlt ihm noch?

Salihamidzic: Zunächst war er lange verletzt, seine körperliche Verfassung wird sich bessern. Er hat in den letzten Jahren gezeigt, dass er die Hauptrolle bekleidet. Ein, zwei Partien auf der Bank zu sitzen, ist beim FC Bayern normal. Gerade das versteht Guardiola. Er hält die positive Atmosphäre aufrecht, die Stimmung ist top. Die Nationalmannschaft wird mit Bastian um hundert Prozent stärker. Jetzt soll er erst fit werden.

SO GEHT'S WEITER
Bayerns anstehende Aufgaben
11.03. FC Arsenal (H)
15.03. Bayer Leverkusen (H)
22.03. 1. FSV Mainz 05 (A)
25.03. Hertha BSC (A)
29.03. TSG 1899 Hoffenheim (H)
05.04. FC Augsburg (A)
Die Personalie Schweinsteiger wird kontrovers diskutiert, Thiago als legitimer Erbe gepriesen. Jünger, flinker, technisch gewiefter – bahnt sich da eine Entmachtung an?


Salihamidzic: Bastian konnte auf seiner Position alles gewinnen. Ich weiß, wie es ist, verletzt zu sein, selten zu spielen und den Rhythmus nicht zu finden. Die Feinabstimmung kehrt durch Einsätze zurück. Ich halte ganz viel von ihm. Wie Thiago seine Aufgaben erfüllte, ist große Klasse. Bei Bayern gibt es eben für jede Position zwei oder drei Akteure.

Im Winter wurde der Spanier von seinem Förderer ermahnt: Er gehe manchmal zu hohes Risiko, agiere zu unachtsam. Beraubt ihn Guardiola dadurch nicht seiner Stärken?

Salihamidzic: Auf seiner Position darf man sich keinen Leichtsinn leisten. Letztlich macht ihn das aber aus: Diese Leichtfüßigkeit, diese verrückten Momente, wenn er mit dem Außenrist passt. Er ist technisch bestens ausgebildet, läuferisch wahnsinnig stark und schnell. Die Mannschaft kann sich glücklich schätzen, ihn im Kader zu haben.

Zu Guardiolas Liebkindern darf sich mitunter Kroos zählen: Er pokert bei den Verhandlungen um einen neuen Vertrag hoch. Was würden Sie ihm raten?

Salihamidzic: Ich persönlich wollte immer bei Bayern bleiben. Jetzt hier zu spielen, ist Ehre genug. Der Verein will ihn halten. Er muss abwägen, was ihm wichtiger ist.

Jupp Heynckes betonte im kicker, den Klub verlasse man nicht. Weder für Real. Noch für Barca. Über welches Standing verfügt der FCB international?

Salihamidzic: Klar, weder Messi, noch Cristiano Ronaldo werden kommen. Mit Ribery stellt man aber Europas Fußballer des Jahres. Fast jeder möchte derzeit nach München. Der Ruf ist exzellent, man ist die Nummer eins im europäischen Fußball, dazu Guardiolas Ansehen. Er feiert Erfolge und weiß, mit Stars umzugehen.

Höchste Priorität genießt die Titelverteidigung in der Königsklasse. Arsenal könnte ein gutes Omen darstellen: Sowohl 2000/2001 – damals mit Ihnen – als auch 2012/2013 begegnete man den Gunners und streckte danach die Trophäe in den Nachthimmel.

Salihamidzic: Ich wünsche es ihnen, das wäre der Knaller (lacht). Alleine die Tatsache, dass es noch nie gelungen ist, den Titel zu wiederholen, zeigt die Schwierigkeit. Durch die Vorstellungen bisher erwartet es dennoch jeder.

Seit Montag bewegt die bayrischen Landeshauptstadt zunächst die Gerichtsverhandlung um FCB-Boss Uli Hoeneß. Wie sehr lenkt das ab?

Salihamidzic: Gar nicht. Ich wünsche Uli nur, dass es gut ausgeht. Er ist der Vater der Erfolgs.

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