thumbnail Hallo,

Martin Stranzl: "Wir müssen auch mal anders spielen"

Der Abwehrchef verrät, wie man gegen Leverkusen die "Mini-Krise" überwinden will und warum Favre ein besonderer Trainer ist. Seine Vertragsverlängerung werde kein großer "Akt".

EXKLUSIV
Das Gespräch führte Gregor Becker

Mönchengladbach
. Als Max Eberl Martin Stranzl im Januar 2011 von Spartak Moskau zu Borussia Mönchengladbach lotste, erwies sich dies für alle Beteiligten als Glücksgriff. Innerhalb kurzer Zeit avancierte der Musterprofi zum Führungsspieler und wichtigen Stabilisator. Der Österreicher strebt entgegen seiner ursprünglichen Pläne einen weiteren Verbleib in Gladbach an, erklärt was beim Rückrundenstart gegen den FC Bayern München und gegen Hannover 96 schief lief und was man gegen Bayer Leverkusen besser machen will. Ob Trainer Lucien Favre seinen Abwehrchef für die Partie am Freitag einplanen kann, ist indes noch fraglich.

Borussia Mönchengladbach erlebte gegen Bayern einen Fehlstart in die Rückrunde. Wie erklären Sie sich die Niederlage?

Martin Stranzl: Es wäre mehr drin gewesen, wenn wir von Anfang an so mutig aufgetreten wären wie teilweise in den letzten 15 Minuten der ersten Halbzeit oder Anfang der zweiten Hälfte, als wir auch Chancen hatten. Das wäre eigentlich unsere Spielidee gewesen, das von Beginn an so umzusetzen wie in dieser Phase. Aber wir waren zu mutlos. Wir haben nur 30 Minuten von dem umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten.

Unterlief Ihnen vor dem Götze-Treffer zum 0:1 ein Stellungsfehler?

Stranzl: Das ist sicher Interpretationssache. Es ist eine Momentaufnahme und du musst schnell entscheiden. Wäre ich von Anfang an mit ihm gelaufen, dann wäre ich vielleicht da gewesen, aber wir spielen ja auch Zonendeckung.

Gegen Hannover folgte dann eine Niederlage trotz des vielen Ballbesitzes. Ist diese Spielweise inzwischen vielleicht zu ausrechenbar oder woran lag es?

Stranzl: Wir haben hoch gepresst und viel Ballbesitz gehabt, aber vielleicht hätten wir uns in einigen Situation auch mal 30 bis 40 Meter vor das eigene Tor zurückziehen und Hannover kommen lassen sollen und versuchen sollen, dort den Ball abzufangen, um dann wieder schnell nach vorne zu spielen, wie es auch zwei, drei Mal der Fall war. Wir haben in einigen Situationen die falschen Entscheidungen getroffen und hatten zu viele leichte Ballverluste. Wir müssen uns ankreiden lassen, dass wir nicht variabel genug gespielt haben.

In den letzten drei Spielen hat das Team sieben Gegentore kassiert. Ist das ein Abwehrproblem oder arbeitet die gesamte Mannschaft im Moment defensiv nicht gut mit?

Stranzl: Nein, die Mannschaft arbeitet schon gut mit und gegen Hannover waren es auch wieder nur einzelne Fehler. Wir müssen mehr kommunizieren, so muss man dem Vordermann dann auch mal coachen und sagen "geh du drauf, ich bin da" und nicht immer nur verschieben und verzögern, um Fouls zu vermeiden. Wir machen, glaube ich, ligaweit mit die wenigsten Fouls, was gut ist, da man so keine Freistöße gegen sich kriegt. Aber wir dürfen einfach nicht in Passivität verfallen, den Gegner spielen und flanken lassen.

Was muss gegen Leverkusen am Freitag also insgesamt besser werden?

Stranzl: Wir müssen aus dem Hannover-Spiel mitnehmen, dass wir auch mal anders spielen müssen. Den Gegner auch mal kommen lassen, tiefe, lange Bälle spielen und nicht immer nur klein-klein. Wir müssen aber auch wieder schneller Druck auf den ballführenden Spieler ausüben. Das sind immer wieder Kleinigkeiten oder Details, wie der Trainer sagt. Daran müssen wir arbeiten, dann kommen wir auch wieder in die Spur.

Ob Martin Stranzl gegen die Werkself selbst mithelfen kann, ist indes noch nicht klar.
Stranzl: Am Wochenende hab ich einen Schlag abgekriegt, der hat sich etwas festgesetzt und so muss ich etwas kürzer treten und dann werden wir sehen, ob es klappt gegen Leverkusen.

Lucien Favre wird allerorten sehr geschätzt. Warum ist er auch für Sie ein besonderer Trainer?

Stranzl: Diese Detailarbeit macht ihn aus. Auch wenn wir gut spielen, spricht er Sachen an, bei denen man sich noch weiter verbessern kann und zeigt Lösungswege auf. Wenn es gut läuft, lässt er es uns nicht zu gut gehen, und wenn es schlecht läuft und andere eh schon auf uns draufhauen, findet er immer die richtigen Worte, damit man nicht versinkt und wieder positiv an die nächsten Aufgaben herangeht. Er ist ein super Motivator und bringt immer wieder gute Ideen auf den Platz.

Nervt oder langweilt eigentlich die Akribie, die man dem Trainer nachsagt, im täglichen Training?

Stranzl: Nein. Man kann ja immer dazulernen, auch wenn man manche Sachen schon oft gehört hat. Wenn man Fehler macht oder es an Disziplin missen lässt, muss er das ja auch immer wieder ansprechen, damit es wieder abgestellt wird.

Bindet Sie der Trainer ein, holt er sich auch Rat von Ihnen als erfahrener Profi?

Stranzl: Er fragt schon mal nach, wie die Lage in der Mannschaft ist, über den einen oder anderen Spieler oder was man vielleicht noch verbessern kann. Das ist aber ganz normal, denke ich.

Mit Tony Jantschke verstehen Sie sich privat auch gut. Ist es da hilfreich, dass er jetzt Ihr zentraler Partner ist, obwohl Sie seinetwegen von rechts auf links in der Innenverteidigung rücken mussten?

Stranzl: Ja, wir verstehen uns wirklich gut. Ich habe ja auch neben ihm gespielt, als er Rechtsverteidiger war, von daher ist es ja nur eine Verschiebung nach links. Er muss noch mehr reden und dirigieren auf dieser Position, aber das weiß er auch. Wir unterhalten uns darüber und ich gebe da auch gerne Hilfestellung.

Ist Jantschkes Größe tatsächlich kein Nachteil in der Innenverteidigung?

Stranzl: Tony hat ein gutes Timing, Sprungkraft und Dynamik. Er hat so schon einiges weggeräumt. Das ist also kein Problem.

Der abgewanderte Luuk de Jong wurde oft erst kurz vor Spielende eingewechselt oder durfte sich lediglich warmlaufen, was für einen Profi psychologisch sicher nicht ganz einfach ist. Wären Sie als Trainer anders mit ihm umgegangen?

Stranzl (lacht): Das weiß ich ja jetzt noch nicht, ich bin ja noch kein Trainer und habe auch noch keine Ausbildung. Aber es war immer schwierig, im Training gegen ihn zu spielen. Er hat auch immer Gas gegeben und sich nie hängen lassen, was ihm auch der Trainer gesagt hat. Aber gerade für einen Stürmer ist das natürlich schwierig, wenn er selten spielt. Ich hoffe, dass er in Newcastle seine Tore macht, was ja auch wichtig für sein Selbstvertrauen und für seine Entwicklung ist.

Sportdirektor sind Sie natürlich auch noch nicht, aber wie würden Sie  mit Ihren Mitspielern Daems, Brouwers und Arango umgehen, bei denen die Zeichen ja eher auf Abschied stehen?

Stranzl: Da ist natürlich auch der Verein der Entscheidungsträger. Ich kenne ja alle schon lange und natürlich wünscht man sich auch, mit dem einen oder anderen weiter zusammen zu spielen. Aber als Spieler will man natürlich immer gerne mit seinen Kollegen weiterspielen. Das ist ja völlig normal. Aber der Verein muss ja die Kaderzusammenstellung auch längerfristig planen.

Deckt sich Ihr persönliches Saisonziel mit der offiziellen Lesart, dass man zum dritten Mal einen einstelligen Tabellenplatz anstrebt?

Stranzl: Mein Ziel ist es, immer 25 Punkte pro Halbserie zu erreichen. So war das auch schon, als wir gegen den Abstieg gespielt haben. Wenn du das tatsächlich schaffst, hast du mit 50 Punkten auch gute Chancen, international dabei zu sein – und einen einstelligen Tabellenplatz erreichst du dann sowieso.


"Ich habe ja immer wieder betont, dass ich mich hier sehr wohl fühle. Die gegenseitige Wertschätzung ist da."

Wie beurteilen Sie die Entwicklung von Borussia Mönchengladbach seit Ihrer Ankunft?

Stranzl: Wenn man sich die Infrastruktur und das ganze Umfeld anschaut, sind die Gegebenheiten alle da. Die Voraussetzungen sind hervorragend. Wenn man so weiter macht, wird die Borussia an die erfolgreichen Jahre wieder anknüpfen. Es wird alles sehr wohl überlegt und Schritt für Schritt gemacht. Das ist besser, als wenn man es mit Hau-Ruck-Aktionen macht und finanziell ins Risiko geht. Ich habe ja immer wieder betont, dass ich mich hier sehr wohl fühle, die gegenseitige Wertschätzung ist da. Die Fankultur gefällt mir sehr, es ist unheimlich familiär. Eigentlich gefällt mir alles, die Borussia ist eine richtig gute Adresse.

Das klingt, als wäre die Verlängerung des auslaufenden Vertrages von Ihrer Seite aus nur Formsache?

Stranzl: Wenn es etwas zu vermelden gibt, werden der Verein und ich das bekannt geben, wir sind ja im ständigen Kontakt. Aber das wird auch kein großer Akt. Es gibt keine Bedingungen. Es wird dann alles ganz schnell gehen. Wir haben besprochen, dass wir von Jahr zu Jahr schauen. Wenn es körperlich läuft und der Verein sich das vorstellen kann, muss man sehen, welche Aufgaben ich dann weiter in der Mannschaft erfüllen soll. Und wenn dann alles passt, kann ich mir auch vorstellen, noch länger zu bleiben.

Sie wollten ja eigentlich bereits vor der Saison zurück nach Österreich, inzwischen haben Sie nicht nur verlängert, sondern auch noch 2.0 Automotive, eine Automobil-Manufaktur, eröffnet. Bleiben Sie länger in Deutschland?

Stranzl: Wir bleiben definitiv länger hier, schon weil wir wollen, dass die Kinder die Schule auch hier beenden. Die Kinder und wir haben hier viele Freunde, deshalb ist der Lebensmittelpunkt inzwischen auch hier. Wir sind auch im Moment eigentlich nur zwei Wochen im Jahr zu Besuch in Österreich.

Könnten Sie sich grundsätzlich vorstellen, dem Fußball oder speziell auch Mönchengladbach nach Ihrer Karriere in irgendeiner Funktion erhalten zu bleiben?

Stranzl: Das werden wir dann sehen. Es ist ja auch noch etwas Zeit bis dahin. Ich kann mir das gut vorstellen. Wenn sich der Verein das auch vorstellen kann, dann kann man sich auch gerne darüber unterhalten.



Sie wirken immer hart im Nehmen und sehr fit. Täuscht das oder spüren Sie Ihr Alter inzwischen doch?

Stranzl: Generell ab 30 merkt man die Belastung und die Knochen viel mehr und da muss dann viel präventiv machen, mit dem Fitnesstrainer arbeiten, viel schlafen und sich richtig ernähren. Beim Aufwachen ist es dann ab und zu schwer, aber wenn man sich im Trainingslager mal mit den jüngeren Mitspielern unterhält und die dann auch klagen, dann ist das auch ein stückweit beruhigend. Wenn man irgendwann mal aufwacht und überhaupt keine Lust mehr hat, muss man sich natürlich Gedanken machen. Aber noch ist es nicht soweit.

Vielen Dank für das Gespräch.

Folge Gregor Becker auf

EURE MEINUNG: Wohin geht die Reise für Martin Stranzl und Mönchengladbach in der Rückrunde?

Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal auf
oder werde Fan von Goal auf !

Dazugehörig