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Der BTSV-Trainer stand uns Rede und Antwort. Er verriet dabei unter anderem, wie man Leverkusen knacken kann und warum er nie in die jetzige Lage von Stefan Kießling gekommen wäre.

INTERVIEW
Das Gespräch führte Claas Philipp

Braunschweig. Torsten Lieberknecht steht wie kein anderer für die Wiederauferstehung von Eintracht Braunschweig. Der 40-Jährige wechselte 2003 als Spieler zum damals drittklassigen BTSV, 2008 übernahm er bei den Niedersachsen das Traineramt. Was er seitdem erreicht hat, ist bemerkenswert - Lieberknecht führte einen vor dem Ruin stehenden Verein von der Regional- in die erste Liga, Geld für Spielerkäufe hatte er dabei kaum zur Verfügung.

Inzwischen ist die Eintracht im Bundesliga-Alltag angekommen, steht mit vier Punkten auf dem letzten Platz. Während andernorts der Stuhl des Trainers gehörig wackeln würde, sitzt Lieberknecht fest im Sattel. Zu groß ist das Vertrauen in die Arbeit des gebürtigen Pfälzers, einen sofortigen Wiederabstieg würde man ihm wohl kaum übelnehmen. Wir haben mit dem Mann gesprochen, der lieber Andreas Lambertz als Lionel Messi verpflichten würde.

Herr Lieberknecht, am Samstag kommt es zum Duell mit Bayer Leverkusen. Ist der erste Heimsieg fällig?

Torsten Lieberknecht: Wir sind nicht so vermessen, dass wir sagen, wir planen gegen Leverkusen mit dem ersten Heimsieg. Aber wir versuchen alles erdenklich Mögliche, diesem extrem großen Favoriten ein Bein zu stellen.

Wie kann man die Leverkusener knacken?

Lieberknecht: Indem wir erst einmal versuchen, fehlerfrei zu bleiben. Unsere Entwicklung hat gezeigt, dass wir in der Lage sind, mit einer höchst konzentrierten Leistung auch großen Klubs wehzutun. Das hat man in Wolfsburg und gegen Schalke gesehen - auch wenn es gegen Schalke dann leider nicht gereicht hat für einen Sieg oder einen mehr als verdienten Punkt. Aber das Wichtigste ist, dass wir individuell fehlerfrei agieren und mannschaftstaktisch wieder ans Limit kommen.


"Ich wäre nie in die Lage gekommen, weil ich nie ein Kopfballtor gemacht habe."

- Lieberknecht zur Frage, was er an Kießlings Stelle getan hätte

Die Leverkusener waren zuletzt aufgrund des Phantomtors in aller Munde. Wie bewerten Sie die Entscheidung des DFB-Sportgerichts, das Spiel gegen Hoffenheim nicht zu wiederholen?

Lieberknecht: Man hat die Tatsachenentscheidung gemäß den Regeln als Maßstab genommen. So haben die verantwortlichen Leute entschieden, und dann sollte man da auch den Deckel drauf machen. Aus Sicht der Hoffenheimer ist das natürlich ärgerlich. Aber aus Sicht der Leverkusener auch, dass man das Spiel dann so gewinnt.

Stefan Kießling wurde wegen seines angeblich unfairen Verhaltens nach dem Phantomtor zum Teil heftig kritisiert. Ging das zu weit?

Lieberknecht: Ja.

Wie hätten Sie an seiner Stelle damals als Spieler reagiert?

Lieberknecht: Ich wäre nie in die Lage gekommen, weil ich nie ein Kopfballtor gemacht habe (schmunzelt).

Leverkusens Trainer Sami Hyypiä hat einst bei bei Roy Hodgson hospitiert, um was von ihm zu lernen. Welchem Trainer würden Sie gerne mal über die Schulter schauen?

Lieberknecht: Es gibt viele Trainer, die ich bewundere oder bewundert habe. Jupp Heynckes könnte mir mit Sicherheit sehr viel aus seinem langen Leben als Trainer erzählen. Von seinem Erfahrungsschatz würde ich mich gerne mal bei einem Abendessen berieseln lassen. Aber es gibt natürlich auch andere große Trainer. Wichtig ist aber, dass man seinen Weg gefunden hat und trotzdem auch über den Tellerrand hinausschaut.

Sie sind im Jahr 2003 als Spieler vom 1. FC Saarbrücken zur Eintracht gewechselt. Haben Sie damals schon gespürt, dass es eine ganz besondere Zeit in Braunschweig werden würde oder hat sich das erst nach und nach herauskristallisiert?

Lieberknecht: So etwas entwickelt sich natürlich im Laufe der Zeit. Da ist eine enge Bindung aufgrund der Tatsache entstanden, dass man als Spieler und Trainer Tiefen und Höhen mit durchgemacht und den Verein mehr als schätzen gelernt hat. Als ich 2003 hierher kam, habe ich daran mit Sicherheit noch nicht gedacht. Das erste Spiel gegen Kaiserslautern (ein 4:1-Pokalsieg gegen den damaligen Bundesligisten, Anm. d. Red.) hat aber angedeutet, dass es keine normale Zeit werden würde in Braunschweig.

Nach Ihrem Karriereende 2007 waren Sie dann zunächst für die Jugendabteilung Ihres Vereins tätig, ehe Sie 2008 die erste Mannschaft für die letzten drei Saisonspiele übernahmen und völlig überraschend doch noch den Einzug in die dritte Liga schafften. Sie sagen oft, man sei damals "dem Tod von der Schippe gesprungen". War die Situation wirklich so prekär?

DAS IST TORSTEN LIEBERKNECHT

Lieberknecht wurde am 1. August 1979 im Rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim geboren. Er spielte als aktiver Profi für Kaiserslautern, Waldhof Mannheim, Mainz und Saarbrücken, von wo aus er im Jahr 2003 nach Braunschweig wechselte. Er absolvierte im Laufe seiner Karriere 13 Erst- und 152 Zweitliga-Spiele. Für den BTSV kam er 82-mal zum Einsatz.

Nach Beendigung seiner Spielerkarriere arbeitete er in der Jugendabteilung der Eintracht, 2008 heuerte er als Trainer der ersten Mannschaft an - drei Spieltage vor Ende der Saison. Mit einem Unentschieden und zwei Siegen erreichte Braunschweig seinerzeit in der Regionalliga Nord die Qualifikation für die dritte Liga, was kaum noch jemand für möglich gehalten hatte.

Was folgte, ist bekannt: 2011 führte Lieberknecht den Verein in die zweite Liga, 2013 stieg man sensationell in die Bundesliga auf.

Lieberknecht: Ja, definitiv. Im Nachgang des ersten Wunders - der Qualifikation für die dritte Liga - hat man gemerkt, dass der Verein sich nicht nur sportlich, sondern auch finanziell stark konsolidieren musste. Ein Abstieg in die Regionalliga, mit dem man noch weiter vom Bundesliga-Fußball entfernt gewesen wäre, hätte den Verein mehr als nur in Schieflage gebracht. Viele Traditionsvereine sind dadurch in extrem Schwierigkeiten gekommen. Und man weiß ja, wie knapp das bei uns war.

Fünf Jahre später konnten Sie den nicht für möglich gehaltenen Aufstieg in die erste Liga schaffen. Wann haben Sie in der letzten Saison realisiert, dass der Aufstieg tatsächlich machbar ist?

Lieberknecht: Es gab einige Schlüsselerlebnisse. Für mich war ein Spiel ganz wichtig: direkt nach der Winterpause unser Sieg in Paderborn (2:1 für Braunschweig, Anm. d. Red.). Da haben wir mit dem Wissen, dass wir auf einem Aufstiegsplatz stehen, ein super Spiel hingelegt, obwohl uns von Vielen nicht zugetraut wurde, dass wir die nötige Qualität dazu haben, das durchzuziehen. Da hat man gesehen, dass die Mannschaft wirklich mehr als überzeugt war, den ganz großen Traum zu erreichen.

Der Verein war gezwungen, in den letzten Jahren einen Konsolidierungskurs zu fahren. Daher war nicht viel Geld für Spielerkäufe da, Sie haben auf junge Talente gesetzt. Haben Sie aus der Not eine Tugend gemacht?

Lieberknecht: Letztendlich schon. Aber es war wichtig, dem Verein insgesamt ein neues sportliches Bild zu geben und sich zukunftsorientiert zu positionieren. So hat man auch bei Rückschlägen was Festes in der Hand. Es ging darum, dem Verein unabhängig vom Spielerpersonal ein sportliches Leitbild zu geben und danach zu leben. Das war unser Hauptaugenmerk. Und das wird auch unser Weg sein für die weiteren Jahre bei der Eintracht.

Beim Erwerb Ihres Trainerscheins haben Sie damals eine Abschlussarbeit zum Thema "Der schwierige Spagat zwischen Tradition und Zukunft bei Eintracht Braunschweig" verfasst. Worin liegt die Schwierigkeit und welche Lösungen haben Sie gefunden?

Lieberknecht: Man kann mit der Tradition sehr gut leben, wenn man zukunftsorientiert arbeitet. Das muss man in Einklang bringen. Der Verein Eintracht Braunschweig hat es in den letzten Jahren immer sensationell hinbekommen, die Fans emotional an den Verein zu binden und mit ihnen gemeinsam trotzdem neue, zukunftsorientierte Wege zu gehen. Das war der große Spagat, vor allem, wenn man weiß, dass man 28 Jahre lang keinen Erstliga-Fußball gespielt hat und in diesen 28 Jahren nur fünf Jahre in der zweiten Bundesliga war. Der Rest war weit darunter. Dabei die emotionale Bindung aufrechtzuerhalten und trotzdem zukunftsorientiert zu sein, ist Eintracht Braunschweig in den letzten Jahren vorzüglich gelungen.

Sie pflegen eine besondere Nähe zu Ihren Fans. So haben Sie zum Beispiel schon mal persönlich bei einem Eintracht-Anhänger angerufen, der die Mannschaft in einem Leserbrief kritisiert hat, um den Sachverhalt mit ihm zu klären. Ist es in Braunschweig ganz besonders wichtig, mit den Anhängern auf Augenhöhe zu sein?

Lieberknecht: Jeder Verein hat sein eigenes Bild. Bei der Eintracht ist es extrem wichtig, dass man sich Fan-nah zeigt. Deswegen wird die Mannshaft hier auch so geliebt. Die Leute merken, dass da Jungs auf dem Platz sind, die nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb alles für Eintracht und die Stadt tun. Das passt einfach zu der Stadt, und dementsprechend muss man das auch pflegen. Da steckt auch ein Stück weit Eintracht-Tradition drin, weil es beim größten Erfolg, der deutschen Meisterschaft 1967, auch so war, dass man eine Einheit gebildet hat. Das muss auch heute dazugehören. Aber ich finde es grundsätzlich wichtig, dass man sich den Fans nicht entzieht. In jedem Verein sollte Fan-Nähe bestehen.

In der Eintracht-Kabine hängt ein Zettel mit der Aufschrift "Keiner ist größer als das Team". Wie gehen Sie mit Spielern um, die sich über dieses Credo hinwegsetzen?

Lieberknecht: Die sind nicht mehr hier.

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Sie gehören mit Kollegen wie Thomas Tuchel oder Jürgen Klopp zur neuen Trainer-Generation. Mit Klopp haben Sie seinerzeit beim FSV Mainz gespielt. Konnte man damals schon erahnen, dass er eines Tages ein derart erfolgreicher Trainer werden würde?

Lieberknecht: Die Entwicklung konnte Kloppo zum damaligen Zeitpunkt ja selbst noch nicht absehen. Aber dass sein Weg in den Trainerberuf gehen wird, das hat man gespürt. Das hat er ja dann auch hervorragend durchgezogen.

Neben Jürgen Klopp ist auch Bayern-Coach Pep Guardiola in aller Munde. Nervt Sie als Trainerkollege ein derartiger Hype um eine einzelne Person?

Lieberknecht: Der Hype hat ja eine gewisse Berechtigung, da er unglaubliche Fähigkeiten hat. Eine weitere Fähigkeit besteht darin, mit der Aufmerksamkeit gut umzugehen. Und das machen sowohl Pep Guardiola als auch Jürgen Klopp gut.

Sie lassen zumeist in einer 4-3-2-1-Anordnung spielen. Worin liegen die Stärken dieses Systems?

Lieberknecht: Unabhängig davon, welches System man spielt, müssen die Spieler fehlerfrei bleiben. Aber mit diesem System kann man das Zentrum kompakter machen. Und wir haben trotzdem die Möglichkeit, noch eine gute Balance zu finden, was Ballzirkulation, Umschaltspiel und Defensivverhalten angeht. Aber jedes System hat natürlich auch seine Schwächen.

Entspricht diese Ausrichtung Ihrem taktischen Idealbild oder würden Sie mit anderem Spielerpersonal eine andere Formation bevorzugen?

Lieberknecht: Worauf ich Wert lege, ist, dass wir taktisch sehr flexibel sind. Wir haben dieses Jahr schon in einem 4-4-2, einem 4-2-3-1 oder einem 4-3-3 gespielt, das wir dann ein bisschen modifiziert und ein 4-3-2-1 draus gemacht haben. Das hängt immer davon ab, was die Spielsituation hergibt und was man verändern kann. Darauf liegt als Trainer mein Augenmerk, dass wir flexibel sind und flexible Spieler haben. Das hat uns in den letzten Jahren sehr erfolgreich gemacht. Beim Aufstieg in die zweite Liga etwa haben wir das 4-1-4-1 sensationell umgesetzt. Diese taktische Flexibilität wollen wir auch beibehalten.

Derzeit stehen Sie mit vier Punkten auf dem letzten Platz der Bundesliga-Tabelle. Wie viele Punkte muss Ihr Team nach Ablauf der Hinrunde haben, um noch realistische Chancen auf den Klassenerhalt zu haben?

Lieberknecht: Da habe ich keine Marke gesetzt, weil ich das nicht abschätzen kann. Ein erster große Erfolg wäre, wenn wir auf dem Relegationsplatz landen. Da wollen viele nicht hin, für uns wäre das aber ein Riesenerfolg. Wir versuchen jetzt erst einmal, gegen Leverkusen die nächsten drei Punkte einzufahren, und das wird schwer genug.

Spielen wir mal "Wünsch Dir was". Unabhängig von der Ablösesumme - welchen Spieler würden Sie gerne verpflichten?

Lieberknecht: Vor zwei Jahren habe ich mal gesagt, dass ich in dem Fall gerne den Andreas Lambertz von Düsseldorf verpflichten würde. Dabei bleibe ich.

Es war letztendlich ein Heimspiel, weil ich an diesem Tag eigentlich nur Braunschweiger gehört habe.

- Lieberknecht zum Spiel in Wolfsburg

Gibt es einen Traumverein, bei dem Sie gerne einmal auf der Trainerbank sitzen möchten?

Lieberknecht: Nein, aus dem Alter bin ich raus. Ich habe keinen Traumverein. Ich bin hier super glücklich und die Arbeit bei Eintracht Braunschweig erfüllt mich komplett. Vielleicht wäre es eine große Herausforderung, mal im Ausland einen Verein zu trainieren. Irgendwo in England vielleicht mal.

Den größten Erfolg seit dem Wiederaufstieg konnte Braunschweig bislang in Wolfsburg feiern. Bei den Fans war die Genugtuung nach dem Sieg in der VW-Stadt riesig, nicht zuletzt, weil es sich beim VfL um Braunschweigs Lokalrivalen handelt. Ging Ihnen das ähnlich oder war die Rivalität beider Vereine für Sie eher zweitrangig?

Lieberknecht: Die Rivalität hat natürlich auch eine Rolle gespielt. Das war ein Prestigeduell, in dem zwei Welten aufeinandergetroffen sind, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber auch die Freude über die Leistung und darüber, auswärts zu gewinnen war natürlich riesengroß. Wobei es letztendlich ein Heimspiel war, weil ich an diesem Tag eigentlich nur Braunschweiger gehört habe.

Braunschweig war zuletzt auch wegen rechter Fanstrukturen in den Schlagzeilen. Die "Ultras Braunschweig", die sich als politisch linke Gruppierung verstehen, wurden aus dem Block verbannt. Der Zusammenschluss sieht sich als Opfer rechter Tendenzen. Können Sie die Hintergründe beleuchten?

Lieberknecht: Der Verein toleriert rechtes Gedankengut nicht. So, wie es weltweit bei jedem Verein sein sollte und auch gemacht wird. Ich glaube, das ist kein Problem speziell von Eintracht Braunschweig, wenn es überhaupt ein Problem gibt, denn der Konflikt besteht seit vielen Jahren und war ursprünglich politisch unmotiviert. Wichtig ist, dass man im Detail genau wissen muss, warum es diese Anschuldigungen gibt. Wenn man das weiß, versteht man die Welt überhaupt nicht mehr. Ich habe schon im Aktuellen Sportstudio angedeutet: Es fällt mir schwer zu glauben, dass jemand mit rechtem Gedankengut Domi Kumbela bei 19 Zweitliga-Toren zujubeln muss. Der entblößt sich ja in seiner ganzen Dummheit.

Vielen Dank für das Gespräch.

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