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Seit Monaten sind die Reformbewegungen beim Hamburger SV das meistdiskutierte Thema. Im Januar 2014 muss die Mitgliedschaft eine Entscheidung treffen.

INTERVIEW
Das Gespräch führte Daniel Jovanov

Hamburg. Neun Jahre lang untersuchte Dr. Kai Teichmann sportliche und wirtschaftliche Erfolgsfaktoren im Profifußball. In seiner Dissertation "Strategie und Erfolg von Fußballunternehmen" beweist der promovierte Diplom-Kaufmann und Diplom-Handelslehrer einen Zusammenhang zwischen überdurchschnittlich hohen Investitionen in den Spielerkader und den daraus resultierenden sportlichen Erfolgen. Im Interview mit Goal spricht er über Vorteile einer Ausgliederung des Profifußballs und die Bedenken der Reformgegner.

Herr Teichmann, wie bewertet die Wissenschaft die Floskel "Geld schießt Tore"?

Kai Teichmann: Dieser Zusammenhang wurde, nicht nur in meiner Dissertation, bereits nachgewiesen. Auch wenn es keine Garantie auf sportlichen Erfolg gibt. Grundsätzlich geht es darum, wie groß die finanziellen Mittel sind, die man im Vergleich zu seinen Mitbewerbern zur Verfügung hat.

In welchem Verhältnis stehen sportliche und ökonomische Ziele im Profifußball zueinander?

Teichmann: Es kommt darauf an, wie man ökonomische Ziele definiert. In meiner Dissertation habe ich zwei Ziele herausgestellt: die finanzielle Stabilität und die Erzielung möglichst hoher Umsatzerlöse. Vereine im Profifußball arbeiten in der Regel nicht so, dass sie Gewinne erzielen. Der FC Bayern ist da eine große Ausnahme. All das, was Fußballunternehmen einnehmen, wird aufgrund des hohen Konkurrenzdrucks wieder in die Mannschaft investiert.

Der HSV läuft finanziell am Stock und hat nahezu alle Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung ausgeschöpft. Deshalb möchte die Initiative HSV Plus von Ernst-Otto Rieckhoff dem Verein eine zeitgemäße Struktur verpassen. Wie sollte diese aussehen?

Teichmann: Der Erfolg einer Unternehmensstruktur steht in enger Verbindung zu den handelnden Personen. Deshalb ist es wichtig, sowohl den Vorstand als auch den Aufsichtsrat mit kompetenten Leuten zu besetzen. Aufgrund der steigenden Umsatzerlöse halte ich eine Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft für sinnvoll.

Welche Vorteile bringt die Ausgliederung in eine Kapitalgesellschaft?

Teichmann: Die große Ausgliederungswelle liegt mittlerweile knapp zehn Jahre zurück, insofern ist der HSV also sehr spät dran. Die großen Vorteile liegen zum Beispiel beim Haftungsausschluss des Stammvereins, der bei einer Insolvenz der Profifußballabteilung nicht betroffen ist. Zum anderen ist der Finanzierungsaspekt sehr wichtig. Die Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung sind größer und schaffen dem Vorstand neuen Handlungsspielraum. Außerdem wirkt sich ein solcher Schritt insgesamt positiv auf die Professionalisierung des Vereins aus.

Welche Rechtsformen stehen bei einer Ausgliederung zur Verfügung?

Teichmann: Im Grunde kann man sich das gesamte Spektrum an Kapitalgesellschaften anschauen. Die Wahl der Rechtsform hängt auch von den angedachten Finanzierungsoptionen beziehungsweise den Partnern ab, die hinter einem Verein stehen.

Rieckhoff will den Profifußball in eine Aktiengesellschaft ausgliedern und Anteile an strategische Partner verkaufen, um an frisches, "kostenloses" Kapital zu kommen. Ist das in Anbetracht der sportlichen Situation, die sich auf den Unternehmenswert auswirkt, sinnvoll?

Teichmann: Man muss vorfühlen, inwiefern bei strategischen Partnern ein Interesse am Erwerb von Anteilen besteht, wenn die notwendigen Voraussetzungen geschaffen sind. Blind loszulaufen, die Struktur zu verändern und darauf zu hoffen, dass die strategischen Partner dann kommen, halte ich jedoch für naiv.

Das Konzept sieht zudem vor, einen Beirat zu schaffen, der Kandidaten für den Posten des Präsidenten vorschlägt und die Mitglieder des Aufsichtsrates bestimmt. Ist die Einflussnahme von Fußballfremden, Vertretern der Mitgliedschaft und des Breitensports nicht immer noch zu groß?

Teichmann: Diese Gefahr sehe ich auch, wenn dort Leichtathleten, Tischtennisspieler und Fanbetreuer sitzen. Jedoch scheint das ein Zugeständnis zu sein, um der Mitgliedschaft eine Ausgliederung schmackhaft zu machen. Ich sehe das als ein Verkaufsargument für die Ausgliederung.

Eine komplette Beschneidung der Einflussmöglichkeiten scheint in Hamburg allerdings schwer vermittelbar zu sein. Wie wurde es in vergleichbaren Fällen an die Mitgliedschaft kommuniziert?

Teichmann: Ich glaube nicht, dass man die Vereine übereinander legen kann. Jeder ist von seiner Struktur und Historie individuell zu betrachten. Der HSV ist ein großer und traditionsreicher Verein, sodass es schwieriger wird, Änderungen herbeizuführen als in vergleichbaren Fällen, wo nur 200 oder 300 Mitglieder zur Versammlung erscheinen. Ich glaube, dass man es beim HSV insbesondere in den Neunzigern aufgrund vieler Wechsel in der Führung versäumt hat, entsprechende Vorkehrungen zu treffen und Schritte einzuleiten, um der Mitgliedschaft deutlich zu machen, dass die Masse an Einflussnahme nicht unbedingt Qualität bedeutet.

Gegner der Reformbestrebungen argumentieren, dass man die größten Erfolge der jüngsten Vergangenheit, zum Beispiel das Erreichen des Halbfinales der Europa League, als e.V. gefeiert hat und keine Ausgliederung braucht.

Teichmann: Ich finde es schwierig dieser Aussage zuzustimmen. Wenn man diese "Fast-Erfolge" meint, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sie mit einer sehr teuren Mannschaft erreicht wurden. Dennoch spielt der HSV nicht regelmäßig international und leidet heute unter den Folgen dieser Investitionen. Wenn man auf weitere finanzielle Zuflüsse angewiesen ist, darf sich der HSV nicht vor Veränderungen verschließen.

Zudem besteht die Angst davor, dass verkaufte Anteile für immer weg sind und nur einen einmaligen Effekt nach sich ziehen.

Teichmann: Das hängt davon ab, an wen Anteile verkauft werden und wie diese gestückelt sind. Diesen Einmaleffekt muss man als Anschubfinanzierung betrachten. Wird das Geld richtig eingesetzt und die Mannschaft etabliert sich unter den vier besten in Deutschland, werden aus dem laufenden Geschäft Rückflüsse erfolgen. Ein gewisses Risiko besteht dennoch.

In Ihrer Dissertation haben Sie die Auswirkungen strategischer Entscheidungen auf den Erfolg von Fußballunternehmen untersucht. Welche Strategie ist erfolgversprechend?

Teichmann: Es ist erfolgswirksam, wenn viel Geld in die Hand genommen wird, um die Mannschaft zu verstärken. Die Besetzung des Top-Managements, sowohl sportlich als auch wirtschaftlich, spielt dabei eine große und entscheidende Rolle. Außerdem sollten Vermarktungsaktivitäten gebündelt werden. Entweder macht der Verein alles, oder er legt es in die Hände eines Vermarkters.

Eine Ihrer Thesen besagt, dass die Besetzung des Trainerpostens erfolgsneutral ist. Können Sie das konkretisieren?

Teichmann: Die Untersuchung ergab, dass die Besetzung des Trainerpostens keine statistisch nachprüfbaren Auswirkungen auf sportlichen Erfolg hat. Natürlich ist unbestritten, dass der Trainer eine wichtige Person innerhalb eines Vereins ist. Er kann ein Erfolgsfaktor sein, jedoch ist das zumindest wissenschaftlich nicht belegbar. Vielmehr spielt die kontinuierliche Besetzung des Top-Managements eine entscheidende Rolle.

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