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Der S04-Trainer spricht im Exklusiv-Interview mit Goal über den durchwachsenen Saisonstart, Boatengs Rolle, die Kritik an ihm und einen großen Fehler aus der Vergangenheit.

INTERVIEW
Das Gespräch führte Hassan Talib Haji

Gelsenkirchen. Schalke 04 rangiert derzeit auf Platz 13 der Bundesliga. In der Qualifikation zur Champions League lief es besser. Der Einzug in die Gruppenphase gelang nach zwei hart umkämpften Spielen gegen den griechischen Vertreter PAOK Saloniki. Im DFB-Pokal mühte sich das Team von Jens Keller glanzlos über den Fünftligisten FC Nöttingen in die zweite Runde.

Goal bat den Übungsleiter der Königsblauen zum exklusiven Interview. Keller sprach über seine bisherige Zeit im Revier, den immer wieder aufkommenden Gegenwind, seine Mannschaft und einiges mehr.

Herr Keller, wie war es bei der Trainertagung der UEFA in Nyon?

Keller: Es war sehr interessant mal die anderen Trainer der europäischen Vereine kennenzulernen und sich mit denen persönlich auszutauschen. Das war schon etwas Besonderes, in diesem Kreis dabei gewesen zu sein.

Sie haben mit Ihrem Team bereits den Champions-League-Einzug perfekt gemacht, gegen Bayer 04 Leverkusen errangen Sie den ersten Bundesliga-Sieg und dann auch noch zu Null. Wie fällt Ihr Fazit zum Saisonstart aus?

Keller: Das war noch nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Unterm Strich haben wir aber das große Ziel, die Champions League, erreicht. Das war sehr wichtig. Wenn man die letzten beiden Pflichtspiele sieht, kann man aber sagen, dass wir auf einem guten Weg sind. Im DFB-Pokal haben nicht nur wir uns schwergetan, es war einfach wichtig weiterzukommen.

Und wie bewerten Sie die Auftritte in der Bundesliga?

Keller: Beim ersten Spiel gegen den Hamburger SV wusste niemand so richtig: Wo stehen wir, wo stehen die? Es ist nicht immer leicht am Anfang. Ich denke, man kann in Wolfsburg verlieren. Es kommt allerdings auf die Art und Weise an. Bei Hannover 96 spielen wir über 70 Minuten nur mit zehn Mann, die Niederlage war natürlich bitter. Wir brauchen, vor allem nach den letzten beiden guten Spielen, eine gewisse Konstanz.

"Es ist doch vermessen zu sagen, dass ein Spieler mit 19 Jahren die Mannschaft eines Champions-League-Klubs führen kann"
- Jens Keller

Vor dem Saisonstart hieß es, dass der Kader, auch durch die Neuverpflichtungen, ausgeglichen sei. Dennoch mussten Sie nachjustieren. War die Einschätzung nach der Vorbereitung fehlerhaft?

Keller: Wir haben in die Zukunft investiert, das muss man festhalten. Zwei Neuzugänge (Christian Clemens und Leon Goretzka, Anm. d. Red.) sind noch jung und haben in der zweiten Liga gespielt. Felipe Santana kam fünf Jahre lang unregelmäßig zum Einsatz, er braucht noch eine gewisse Zeit. Adam Szalai ist in diesem Quartett der einzige Spieler, der in den letzten Jahren konstant Bundesliga gespielt hat.

Sie haben natürlich auch einige Akteure abgegeben.

Keller: Ich habe immer gesagt: Der Kader ist gut, aber wir haben auch mit Raffael einen Spieler verloren, der enormes Potenzial hat. Dann hat uns Michel Bastos kurzfristig verlassen. Aufgrund dessen war es wichtig, dass wir da noch mal nachlegen.

Das haben Sie. Kevin-Prince Boateng wurde ans Berger Feld gelotst. Neben der Präsenz auf dem Platz und seinen fußballerischen Fähigkeiten, doch bestimmt um Julian Draxler zu entlasten?

Keller: Der Druck, der auf Draxler eingeprasselt ist, kam ja nicht von uns. Sondern aus der Öffentlichkeit.

Als die Vertragsverlängerung verkündet wurde, ließ man Kleinlaster mit seinem Konterfei durch das Ruhrgebiet fahren, er wurde vom Verein zum neuen Gesicht gemacht.

Keller: Das war nichts anderes als ein Zeichen unserer Wertschätzung für Ihn. Er ist eines der größten Talente in Europa. Klar haben wir gesagt, dass er mit über hundert Pflichtspielen auch eine gewisse Verantwortung übernehmen soll.

Das möchte er auch selbst.

Keller: Eben! Es war nicht so, dass wir alle Last auf Ihn gelegt haben.

Kann er diese so gewichtige Rolle als Schalker Fixpunkt schon ausfüllen?

Keller: Es ist doch vermessen zu sagen, dass ein Spieler mit 19 Jahren die Mannschaft eines Champions-League-Klubs konstant führen kann. Er wird auch in den nächsten Jahren immer Schwankungen haben. Julian Draxler ist noch komplett im Entwicklungsprozess, er hat sein höchstes Niveau noch nicht erreicht. Also können wir Konstanz in einer Führungsrolle nicht erwarten. Nichtsdestotrotz erwarten wir von ihm, dass er seine Persönlichkeit und Fähigkeiten einbringt. Aber mit 19 Jahren ist es normal, Schwankungen zu haben.


Kevin-Prince Boateng (l.) und Cheftrainer Jens Keller umarmten sich nach dem Debüt des Ex-Mailänders

Jetzt ist Kevin-Prince Boateng da. Wie bringt er sich in Ihr Team ein?

Keller: Von seiner Art her tut er uns einfach gut, weil wir eine sehr junge Mannschaft haben. Ein junges Team ist einfacher aus der Bahn zu werfen. Wenn es mal nicht so läuft, versteckt sich der ein oder andere auch mal. Kevin-Prince Boateng interessiert so etwas überhaupt nicht! Er ist von seiner Persönlichkeit sehr stark. Den kann das ganze Stadion auspfeifen, in der 95. Minute schnappt er sich trotzdem den Ball und schießt einen Elfmeter, wenn es um alles geht. Er ist keiner, der sich dann verkrümelt. Seine Persönlichkeit und natürlich seine Qualität waren die Hauptgründe – deshalb wollten wir ihn.

Einige Spieler haben zu Beginn nicht ihr Leistungspotenzial abgerufen – Sie sprachen von Arroganz. Gegen Bayer Leverkusen war plötzlich eine kompakte Mannschaft zu sehen. Wie konnten Sie die Grundeinstellung in den Köpfen Ihrer Spieler ändern?

Keller: Ich habe viele Einzelgespräche mit ihnen geführt und natürlich die gemachten Fehler aufgezeigt. In der zweiten Halbzeit gegen Hannover, wo wir mit zehn Mann agieren mussten, war die Mentalität da – so wie ich es mir vorstelle. In Saloniki ebenfalls, dort gewannen wir das Spiel in Unterzahl. Meine Mannschaft hat eine sehr gute Einstellung, Sie hat sie in den ersten Spielen nur nicht immer abgerufen. Zu sehen war das am deutlichsten gegen den FC Nöttingen. Daher war ich der vollen Überzeugung: Wenn man gegen einen Fünftligisten so auftritt, hat das nichts mit dem Können zu tun, sondern mit Arroganz und Überheblichkeit.

Wie sieht Ihr Idealbild vom Fußball aus? Wie weit sind Sie davon noch entfernt?

Keller: Ein Idealbild ist das, was jeder Trainer sehen will: Keine Gegentore und schönen Fußball im Spiel nach vorne. Wir wollen kompakter die Ordnung halten. Gegen Bayer Leverkusen haben wir über 90 Minuten so gespielt, wie ich mir das vorstelle. Als Mannschaft haben wir gegen den Ball überragend gearbeitet. Vor allem in der zweiten Halbzeit war das sehr gut, besonders nach den harten Wochen zuvor.

Sie standen von Beginn an auf Schalke in großer medialer Kritik. Dennoch konnten Sie alle auferlegten Ziele bis jetzt erreichen. Spüren Sie eine gewisse Genugtuung?

Keller: Man steckt sich Ziele und die möchte man erreichen. Ich habe die Mannschaft hier übernommen mit dem Ziel, nächstes Jahr Champions League zu spielen. Das haben wir erreicht, also ist offensichtlich, dass wir es nicht schlecht gemacht haben. Natürlich ist das für mich eine große Freude, aber nicht weil ich in der Öffentlichkeit irgendjemandem etwas beweisen müsste, sondern weil wir unser Ziel trotz vieler Probleme erreicht haben.

Alter Pflichtspiele
(bei Schalke)
Siege
(in Prozent)
Unentschieden Niederlagen
 42 Jahre 27  44% 22%  34%

Sie haben keine große Vita als Cheftrainer in der Bundesliga – Sie kommen aus der Jugendarbeit. Fühlen Sie sich in der öffentlichen Wahrnehmung deshalb unterschätzt?

Keller: Nein, unterschätzt nicht. Ich bin den Großteil meiner Trainer-Laufbahn im Jugendbereich tätig gewesen. Dieses Bild ist deshalb gerechtfertigt. Aber Jugendtrainer und Jugendspieler werden unterschätzt. Sie leisten in einigen Bereichen mehr als die meisten Profis. Die Jungs trainieren in der Woche sieben Mal und gehen noch zur Schule. Die Arbeit in der Jugend wird mir im Vergleich zur Bundesliga zu wenig honoriert. Was dort geleistet wird, ist großer Sport.

Trotzdem hat man das Gefühl, Sie könnten acht Mal hintereinander gewinnen, verlieren Sie aber zwei Mal, sind Sie der falsche Trainer für Schalke 04.

Keller: So ist es im Großen und Ganzen, seitdem ich hier angefangen habe.

Verzeiht die Gesellschaft heutzutage zu wenig, zu selten?

Keller: Der Job ist Wahnsinn! Das muss man so sagen. Nach den ersten drei Bundesligaspielen, mit nur einem Punkt, hieß es sofort wieder, dass alles schlecht war, was wir in der letzten Saison gemacht haben. Wir reden hier von drei Spielen. Aber, das ist nicht nur bei mir so. In Stuttgart wird nach drei Partien der Trainer entlassen. In anderen Vereinen wurde nach der Vorbereitung schon diskutiert. Ich glaube, das sind auch gesellschaftliche Dinge. Ein Trainer bekommt kaum Zeit etwas vernünftig zu entwickeln.

Empfinden Sie es ähnlich, dass bei Ihnen im Vergleich zu anderen Bundesliga-Trainern genauer hingeschaut wird? Ihr Verhalten an der Seitenlinie wird akribisch analysiert, Franz Beckenbauer ließ sogar verlauten: "Er schaut immer so traurig."

Keller: Dass bei mir mehr hingeschaut wird, ist doch klar. Ich habe als U17-Trainer den zweitgrößten Verein in Deutschland übernommen. Dass dann Skepsis herrscht, ist normal. Dass ich aber von Beginn an öffentlich keine Chance bekommen habe, stört mich ein bisschen. Da wurde nicht gesagt: "Der hat in der Jugendarbeit einen tollen Job gemacht, lass' uns doch mal schauen, was der bei den Profis macht." Nach meinen ersten beiden Spielen und vier Punkten war ich das 'Gesicht der Schalker Krise' – das hat mich schon beeindruckt.

Sie kamen aus Stuttgart ins Ruhrgebiet. Was haben Sie aus der damaligen Zeit für sich an Erfahrung mitgenommen?

Keller: Sehr viel, dennoch würde ich hier fast alles genauso machen, wie damals beim VfB. Bis auf einen Fehler. Bei meinem Amtsantritt als Cheftrainer habe ich eine falsche Aussage über Christian Gross getroffen, die ich so nicht machen wollte. (Jens Keller war 2010 Co-Trainer unter Christian Gross und beerbte diesen als Chef des VfB-Teams nach dessen Entlassung, Anm. d. Red.)

Sie sprechen Ihr unglückliches Statement an, wofür Sie sich auch entschuldigt haben. Damals sagten Sie bei Ihrem Amtsantritt, dass Sie gegenüber Christian Gross einiges angesprochen haben, aber "nicht immer das Gehör" fanden. Armin Veh hatte sich damals darüber öffentlich aufgeregt.

Keller: Ja, meine Aussagen sind falsch rübergekommen oder wurden aus dem Zusammenhang gerissen. Den Fehler habe ich gemacht, das gestehe ich ein. Das war der Grund, warum ich auf Schalke am Anfang den Medien gegenüber sehr reserviert war. Ich habe mir richtig schön die Finger verbrannt, deshalb war das in meiner Situation normal, so zu reagieren, wie ich es tat. Das Schöne ist im Nachhinein: So wie ich mich dann gab, wurde es mir als große Stärke ausgelegt. Es hieß: Ich lasse mich nicht beirren, bleibe sachlich und ruhig. Alles, was zu Beginn kritisiert wurde, war später richtig. Da sieht man halt, wie die Öffentlichkeit manchmal tickt.


Schalke-Manager Horst Heldt (l.) und Cheftrainer Jens Keller (r.)

Wo wir schon bei Selbstreflektion sind: Horst Heldt sagte, Sie seien ein "moderner Old-School-Trainer". Als welchen Trainertypen würden Sie sich beschreiben?

Keller: Als einen bestimmten Trainertypen sehe ich mich nicht. Ich denke, ich kann mich sehr gut in die Spieler hineinversetzen. Ich suche häufig die Kommunikation mit meinen Jungs, ich nehme jeden mit ins Boot. Am Ende treffe ich die Entscheidungen, aber die Meinungen aus der Mannschaft sind mir sehr wichtig. Auch der Spaß darf nicht verloren gehen. Wer bei seinem Job keine Freude hat, der kann auch keine Höchstleistungen bringen.

Sie haben vor dem Champions-League-Achtelfinale bei Galatasaray Ihren Spielern die hitzige und laute Stimmung der Türk Telekom Arena mit Lautsprechern vorgespielt. Greifen Sie also auch gerne mal in die Trickkiste?

Keller: Das sind ja keine Tricks. Das sind Mittel der Motivation, die man eben nutzt. Wenn alles relativ gut läuft, haben wir sehr, sehr viele Spiele in dieser Saison. Bei jeder einzelnen Partie muss ich die Truppe fit bekommen und motivieren – die Einstellung muss stimmen. Da muss man überlegen: Wie kann ich die Mannschaft greifen oder was ist in dem Moment gerade das Richtige? Es müssen neue Reizpunkte gesetzt werden. Ich war in Istanbul im Stadion und habe das Spiel gegen Besiktas gesehen, das war sehr beeindruckend. Es war unglaublich laut, so reifte die Idee, diese Stimmung mal kurz mit in die Besprechung zu nehmen.

Wie viel Psychologe muss ein Fußball-Trainer heute sein?

Keller: 70 oder 80 Prozent – das Meiste ist Psychologie aus meiner Sicht. Ein Team fit und auf taktisch hohem Niveau zu halten, ist ein Grundhandwerk, das ein Trainer beherrschen muss. An die Jungs heranzukommen, damit Sie das umsetzen, was man sich vorstellt, ist enorm wichtig. Zu meiner Zeit galten Gehorsam und Disziplin. Wenn der Trainer dir sagte: Lauf 50 Mal die Treppen rauf und runter, bist du da hoch und hast dir keine Gedanken gemacht. Heutzutage hinterfragen die Jungs viel, deshalb muss man anders auf Sie zugehen.

Sie wirken stets gefasst und besonnen, wenn Sie Ihre Mannschaft in der Öffentlichkeit analysieren. In der Kabine können Sie aber auch mal deutliche Worte finden und laut werden. Was muss ein Spieler angestellt haben, um Sie zur Weißglut zu bringen?

Keller: Ganz einfach: Wenn er sein Potenzial nicht abruft! Da geht es nicht nur ums Fußballerische, sondern auch wenn er der Mannschaft nicht hilft und nicht hundert Prozent Einsatz zeigt. Das ist etwas, was mich ärgert. Fehler macht jeder. Aber wenn ich sehe, dass einer gar nicht versucht seine Möglichkeiten auszuschöpfen, Wille und Einsatz vermissen lässt, ärgere ich mich wahnsinnig.

Am Samstag steht ein schweres Spiel bei Mainz 05 an. Das Team von Thomas Tuchel hat einen hervorragenden Saisonstart hingelegt, sich gegen Hannover 96 aber zuletzt eine herbe Niederlage (1:4) eingefangen. Wie erwarten Sie die Tuchel-Elf?

Keller: Die Mainzer haben eine taktisch gut geschulte Mannschaft und sind läuferisch bereit, sehr viel zu investieren. Die sind nicht umsonst mit drei Siegen gestartet. Wir gehen mit Selbstvertrauen an die Sache heran, wie bereits gegen Leverkusen. In Mainz darf keiner unserer Spieler auch nur ein Prozent weniger geben.

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