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Japans Star Nahomi Kawasumi will nicht nicht nach Europa wechseln. Goal sprach mit ihr über die Faszination des Fußballs, den FC Barcelona und die Physis europäischer Gegnerinnen.

EXKLUSIV
Von Cesare Polenghi

In Japan ist Nahomi Kawasumi eine Ikone. Die 27-Jährige Fußballerin gilt als eine der besten Kickerinnen überhaupt, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit erlangte sie bei der WM 2011: Im Halbfinale gegen Schweden netzte die "Nadeshiko" per Direktabnahme aus 35 Metern Entfernung ein und brachte ihr Land damit ins Endspiel. Am Ende stand dort der Triumph über die USA.

Goal traf "Naho-chan" zum exklusiven Interview über ihre Karriere, den Stellenwert von Fußballerinnen im Allgemeinen und ihre Gedanken zum Fußball.

Wie wichtig ist Dir Fußball?

Kawasumi: Ich kann mir mein Leben ohne den Fußball nicht vorstellen. Schon gar nicht im Moment, da ich selbst noch spiele. Aber auch wenn ich irgendwann aufhöre, werde ich mich wohl nicht davon lösen können. Ich habe es noch nicht entschieden, aber ich denke ich will, dass der Fußball weiterhin ein großer Teil meines Lebens ist.

Wie hat das damals angefangen?

Kawasumi: Ich habe keine Brüder, dafür eine ältere Schwester. Mein Vater liebt den Fußball und er nahm uns oft mit zu Spielen. Wir waren noch im Kindergarten, da wollten meine Schwester und ich schon mit dem Fußballspielen anfangen und so ging es los. Meine Eltern waren sportbegeistert. Sie mochten es draußen zu sein, liefen Marathons und spielten Volleyball. Da lag es nahe, dass ich im zweiten Grundschuljahr in einen Fußballverein eintrat. Schon damals wollte ich eine professionelle Spielerin werden und ich habe auch nie darüber nachgedacht, aufzuhören.

Hast Du Dir mal Gedanken darüber gemacht, warum so viele Menschen süchtig nach Fußball sind?

Kawasumi: In der Tat habe ich darüber schon oft nachgedacht. In jedem Fußballspiel gibt es ein packendes Element. Du kannst 90 Prozent der Spielzeit den Ball haben, dann kassierst Du einen Konter und verlierst. Am Ende zählt, dass der Ball irgendwie im Tor landet... In anderen Sportarten ist es einfacher zu sehen, welches Team stärker ist. Beim Fußball können es total ausgeglichene Mannschaften sein und am Ende steht ein völlig anderes Ergebnis. Insgesamt, nachdem ich viele Spiele selbst absolviert habe, halte ich den Fußball für einen sehr gerechten Sport.

Und woher kommt diese enorme emotionale Komponente?

Kawasumi: Als Profi frage ich mich manchmal auch, woher die Leidenschaft der Fans für meine Mannschaften kommt. Aber dann, wenn ich mir die Partien der japanischen Männer-Nationalelf oder des FC Barcelona als Fan anschaue, dann geht es mir genauso (lacht). Wenn man nicht selbst auf dem Platz steht, kann es manchmal noch emotionaler sein. Ich freue mich, wenn mein Team gewinnt und ich bin sauer, wenn es verliert. Ich schätze, das ist das Schöne am Fußball.

Du magst also Barca?

Kawasumi: Ich bin Barca-Fan und ich versuche, so viele Spiele wie möglich von ihnen zu sehen. Manchmal nehme ich die Partien auf und schaue mir sie dann zu Hause beim Essen an.

Hast Du einen Lieblingsspieler?

Kawasumi: Eigentlich bin ich ein Fan des Vereins und allen elf Spielern dort auf dem Platz. Wenn ich einen wählen müsste, wäre es Alexis Sanchez, denn wir sind auf derselben Position zu Hause. Der Spieler, der aber am beeindruckendsten ist, das ist Andres Iniesta.

Ich habe einmal gelesen, dass Du nach einem Match gegen Barcelonas Frauenmannschaft von deren Trainer gelobt wurdest. Hast Du darüber nachgedacht, zu einem Klub in Europa zu wechseln, wie es viele Deiner Mitspielerinnen aus der Nationalelf getan haben?

Kawasumi: Ehrlich gesagt beschäftige ich mich nicht damit, ob andere Spielerinnen ins Ausland wechseln oder gewechselt sind. Falls ich mich entscheide zu gehen, dann wird das nicht von meinen Freundinnen beeinflusst sein. Ich denke, es könnte eine sehr positive Erfahrung sein, in einem anderen Land zu spielen. Doch ich glaube nicht, dass es das einzige ist, das während einer Karriere zählt. Ich kann auch in Japan schöne Erfahrungen sammeln. Wenn ich an einen Punkt komme, an dem ich unbedingt wegwill, dann werde ich gehen. Von Extremen halte ich nicht viel. Ich glaube nicht, dass Dinge zu 100 Prozent richtig oder falsch sind.

Was braucht man denn Deiner Meinung nach für ein gutes Fußballleben?

Kawasumi: Wichtig ist eine gute Führung, ein gutes Umfeld und Unterstützung von Deinen Freunden. Wenn es um dich selbst geht, dann ist deine Einstellung zum Spiel entscheidend. Innerhalb der Nationalmannschaft und bei INAC Kobe ist die Freundschaft unter den Spielerinnen sehr ausgeprägt. Deutlich mehr, als vermutlich bei den Männern. Wenn Männer Profis werden, ist für sie das Geldverdienen einer der wichtigsten Aspekte. Natürlich ist das okay, bei Frauen steht allerdings die Liebe zum Fußball weiter im Vordergrund. Ganz egal, wie fordernd es auch ist. Je weiter Du kommst, umso wichtiger ist das Gefühl der Kameradschaft und ich denke, das sieht man auch an unserem Spiel.

Das Spiel der Frauen ist viel sauberer als der Männerfußball.

Kawasumi: Sicher. In Japan gibt es keine schmutzigen Szenen, keine Schwalben. Das ist nicht unser Stil und gehört nicht zu unserer Kultur. 2011 gewannen wir in Deutschland die Weltmeisterschaft und den Fair-Play-Award. Das hatte es vorher noch nicht gegeben. Wenn ich zwischen beiden wählen müsste, dann nähme ich natürlich den WM-Titel. Und natürlich muss man auch mal dagegenhalten. Deutschland, Schweden und die europäischen Teams im Allgemeinen sind sehr physische Teams. Gegen sie ist es stets sehr intensiv.



Und wie ist es gegen andere Nationalmannschaften aus Asien?

Kawasumi: Niemand in Asien will gegen uns verlieren. Sie sind nicht so kräftig wie die Europäerinnen, dafür aber sehr emsig. Japanische Spielerinnen kämpfen hart um jeden Ball. Wir hatten im WM-Finale zum Beispiel einen Platzverweis gegen uns, aber wir haben nie die Absicht, eine Gegnerin zu verletzen.

Amerikanische und europäische Mannschaften haben oft weibliche Trainer. Bei Japan und INAC Kobe sitzen dagegen Männer auf der Bank. Wie denkst Du darüber?

Kawasumi: Der Frauenfußball hat in Japan noch keine lange Historie. Es gibt also wenige Coaches, die viel Erfahrung als Spielerinnen gesammelt haben und effektiv trainieren können. Vielleicht werden einige aus meiner Generation eine zweite Karriere als Trainerin anstreben und vielleicht auch irgendwann die Nationalelf übernehmen. Allerdings finde ich nicht, dass eine Frauenmannschaft unbedingt von einer Frau trainiert werden muss. Und wenn die Erfahrung aus aktiven Zeiten auch durchaus helfen kann, ist eine gute Spielerin nicht automatisch auch eine gute Trainerin.

Hast Du schon einmal darüber nachgedacht, später einen Trainerposten zu übernehmen?

Kawasumi: Wie gesagt, ich habe noch nicht darüber entschieden, was nach meinem Karriereende kommen wird. Dank Fußball habe ich von vielen verschiedenen Menschen Unterstützung erfahren und ich hoffe, dass mir diese Verbindungen helfen werden. Als Kind habe ich davon geträumt (Ex-Nationalmannschaftsspielführerin Homare) Sawa zu treffen. Als es passierte, war ich überglücklich. Nun bin ich in einer ähnlichen Position und mir ist bewusst, wie wichtig das ist. Ich denke, ich möchte mit Kindern arbeiten und die Entwicklung des Fußballs in Japan vorantreiben.


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