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Neue Rolle, neues Selbstbewusstsein: Stuttgarts Arthur Boka sprach vor dem Pokalfinale gegen die Bayern mit Goal.com über Underdog-Chancen und seine neue Position vor der Abwehr.

EXKLUSIV
Von Martin Ernst

Wenn am Samstagabend Bayern München und der VfB Stuttgart im DFB-Pokal-Finale aufeinander treffen, ist es auch für Arthur Boka der zweite Anlauf. Wie Serdar Tasci und Cacau stand der Ivorer schon 2007 im Pokalfinale auf dem Platz, erlebte damals die Nachspielzeit-Niederlage gegen den Club aus Nürnberg.

6 Jahre später bietet sich den Schwaben die zweite Chance, auch wenn der VfB als klarer Außenseiter in das Spiel gegen den Champions League-Sieger geht. Anders als 2007, als er erst in der 68. Minute für Rechtsverteidiger Osorio eingewechselt wurde, wird Boka diesmal wohl die vollen 90 Minuten bestreiten: In der Rückrunde hat sich quirlige Ivorer zu einem der wichtigsten Leistungsträger im Team entwickelt - was auch an der Position im Mittelfeld liegt.

Vor der Partie gegen Eintracht Frankfurt wagte Bruno Labbadia ein ungewohntes Experiment und beorderte den gelernten Linksverteidigervor vor die Abwehr auf die Doppelsechs. Eine Umstellung, die sich prompt ausbezahlte: Boka überzeugte auf Anhieb und macht seitdem gemeinsam mit Christian Gentner die Mitte dicht. Vor dem Pokalfinale gegen die Bayern sprach Boka mit Goal.com über Underdog-Chancen und seine neue Rolle im defensiven Mittelfeld.


Du hast am Samstag das CL-Finale verfolgt: Sind die Bayern der verdiente Sieger?

Boka: Ich denke schon, alleine weil sie zum dritten Mal in vier Jahren im Finale standen und es einfach verdienten. Allerdings hat Dortmund seine Sache gut gemacht und sie erstmal nicht zu Chancen kommen lassen. Das ist bei den Bayern das einzige Rezept, man darf sie nicht ins Spiel kommen lassen. Dazu ist die Mannschaft zu stark besetzt.

Auf wen wärst du lieber getroffen: Bayern oder BVB? Wen hast du in dieser Saison stärker erlebt?

Boka: Natürlich hätte ich lieber den BVB gehabt, mein heimlicher CL-Favorit. Am Ende hat der Bessere gewonnen...  Über die Saison habe ich die Bayern klar besser gesehen. Gegen sie haben wir zweimal verloren, in Dortmund aber zumindest ein Unentschieden geschafft. Eigentlich ist es gut, dass es so gelaufen ist.

Samstagnacht sorgte Karl-Heinz Rummenigge mit seiner Bemerkung für Aufsehen, die Bayern könnten auch mit 1,8-Promille noch den Pokal holen. Wir wurde das bei euch aufgenommen?

Boka: (Lächelt) Klar haben wir das mitbekommen. Ein bisschen ärgert einen so etwas natürlich, wenn man das hört. Natürlich sind die Bayern der Favorit, ob man aber gleich so etwas raushauen muss...? Immerhin spielen wir auch in der Bundesliga. Ich denke, wir werden unsere Chance haben und wir fahren nun mit dem Vorsatz hin, zu zeigen, dass wir eine Mannschaft sind, die mithalten kann. Wir machen uns keinen Stress und denken positiv...

Wie könnte das gegen spielerisch so starke Bayern klappen?

Boka: Wir müssen einfach alles tun, damit sie ihre Stärke nicht entfalten.Wir dürfen nichts zulassen und müssen uns ein Beispiel an den ersten 20 Minuten von Dortmund im CL-Finale nehmen. Wegen des starken Pressings hatte Bayern da keine Chancen, sie mussten die Bälle lang nach vorne schlagen.

Ist es nicht auch ein Vorteil, als klarer Underdog in das Spiel zu gehen?

Boka: Warum nicht? Gegen Greuther Fürth haben wir auch zuhause verloren, weil alle dachten, dass gewinnen wir sowieso. Das zeigt einmal mehr, dass im Fußball alles möglich ist. Wir haben jetzt eigentlich nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. Die meisten denken ja, dass das Spiel schon entschieden ist. Aber Überraschungen sind machbar. Und zu großen Spielen sind wir immer da. Wir wollen auf jeden Fall nicht schon mit hängenden Köpfen auflaufen – und vielleicht erwischen wir ja einen guten Tag...

Arthur Boka | VfB Stuttgart, LV und DM, 30 Jahre
STATISTIKEN 2012/2013
BuLi-Einsätze 25
Tore 1
Assists 2
Gelbe/Rote Karten 4/0
DFB-Pokal-Einsätze 4
Tore 1

Didier Drogba, dein Teamkamerad von der Elfenbeinküste, hat letztes Jahr gezeigt, wie man die Bayern auch schlagen kann. Stichwort: Last-Minute-Tor! Habt ihr mal darüber geredet?

Boka: Darüber nicht. Aber so wie Chelsea gespielt hat – fast ohne Spielanteile, Bayern dominiert – geht es natürlich. Ich denke, je länger eine so starke Mannschaft kein Tor schießt, um so mehr schwindet das Vertrauen. Das könnte unsere Chance sein. Gegen die Bayern dürfen wir nicht ins offene Messer rennen, sondern müssen als eine Mannschaft agieren. Nur so haben wir eine Chance, jeder wird für jeden spielen müssen.

Seit dem Rückrundenspiel gegen Frankfurt spielst du gemeinsam mit Christian Gentner auf der  Doppelsechs, und das recht erfolgreich. Fredi Bobic meinte erst neulich, dass du auf deiner neuen Position vor der Abwehr ein „absoluter Mehrwert“ für Stuttgart bist. Wieso liegt sie dir so gut?

Boka: Ich habe dort fast den gesamten Platz vor mir, kann flexibler agieren und Ballsicherheit und Zweikampfstärke einbringen. Außerdem kann ich mich effektiver nach vorne einschalten. Wenn ich nach vorne gehe, muss ich mir (anders als auf dem Flügel) keine Sorgen machen, weil Christian Gentner automatisch hinten bleibt und die Mitte zumacht. So habe ich bessere Gelegenheiten zum Pass oder auch beim eigenen Abschluss. Momentan klappt das sehr gut, ich habe dadurch auch neues Selbstvertrauen gewonnen.

Wie kam es zu dem Positionswechsel?

Boka: Letzte Saison habe ich ja schon ein paar Testspiele auf dieser Position gemacht und dabei auch ein paarmal getroffen. Nach langer Überlegung hat der Trainer mich dann vor dem Frankfurt-Spiel gefragt, ob ich bereit dafür sei. Ich sagte dann, ich sei bereit, wenn er es sei. Groß Gedanken habe ich mir nicht gemacht, über die Aufstellung entscheidet am Ende ohnehin der Trainer. Bruno Labbadia kennt meine Qualitäten, und wenn er mich da einsetzt, weiß er, warum.

Mit der neuen Rolle musstest du auch mehr Verantwortung übernehmen?

Boka: Ja, auf dieser Position bist du noch stärker ins Spiel eingebunden. Als linker Verteidiger war die Sechser-Rolle vom defensiven Denken her keine so große Umstellung, auch hier hat die Verteidigung Priorität. Christian Gentner und ich müssen jetzt aber noch mehr mit der Mannschaft reden und haben die Verantwortung dafür, unsere Mitspieler ins Spiel zu bringen.

Zuletzt soll sich auch dein Lebenswandel etwas geändert haben?

Boka: Klar, mit 30 hat man so seine Erfahrungen gesammelt, im Fußball wie im Privaten. Jetzt konzentriere ich mich viel mehr aufs Wesentliche, auch weil ich weiß, dass es meine letzten Jahre sind. Ich bin mehr zuhause, gebe meinem Körper mehr Erholung und versuche den Kopf freier zu haben.

Du warst schon 2007 beim verlorenen Pokal-Finale dabei. Entsprechend groß müsste dein Ansporn sein.

Boka: Das stimmt. Wir wissen, dass man nicht alle Tage mal nach Berlin fährt. Für uns ist es also eine richtig große Chance, vor allem nach 2007. Damals waren wir als Deutscher Meister der Favorit und uns sicher, dass wir gewinnen – dann haben wir gegen Nürnberg verloren.


Späte Reife: Arthur Boka überzeugte zuletzt im defensven Mittelfeld

Du gehörst zu den Dienstältesten in Stuttgart, den Vertrag hat sich gerade automatisch bis 2014 verlängert. Fredi Bobic sagte neulich dennoch, nichts würde dagegen sprechen, dass du noch länger bleibst. Würde dir ein Karriereausklang im Ländle gefallen?

Boka: Momentan bin ich nur auf Samstag fokussiert und mache mir da noch keine Gedenken, denn wir wollen den Titel nach Stuttgart holen, unbedingt. Danach setzte ich mich sehr gerne mit Fredi Bobic zusammen, wie er es gesagt hat.

2011 hast du dir beim Nicht-Abstieg die Haare Rot-Weiß gefärbt. Gibt es für den Fall des Pokal-Siegs eine ähnliche Ankündigung?

Boka: (Grinst) Damals war ich noch etwas jünger. Mich würde heute einfach nur freuen, wenn wir den Pokal holen. Feiern wäre angebracht, aber ich würde mir dann nicht nochmal die Haare färben. Außerdem muss ich ja nächste Woche noch zur Nationalmannschaft.

Die WM 2014 in Brasilien also auf jeden Fall noch mitnehmen?

Boka: Natürlich, wenn wir die beiden nächsten Spiele gewinnen, sind wir dabei! Und selbstverständlich möchte ich dann auch noch in Brasilien spielen...

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